Psychologe über Emotionen: „Schon Babys zeigen Ärger“

Angst, Wut, Ekel und andere Emotionen hatten einen evolutionären Nutzen – und steuern auch heute noch unser Handeln, sagt der Psychologe Arvid Kappas.

Mensch im Profil reißt dem Mund weit auf und schreit

Die Gefühle haben Schweigepflicht? Von wegen! Foto: Laurent Hamels/Photo Alto/laif

taz: Herr Kappas, was fühlen Sie gerade?

Arvid Kappas: Das ist nicht so spezifisch. Eine Mischung aus Aufregung und Vorfreude wegen dieses Interviews. Gäbe ich dem jetzt einen Namen, würde sich das Gefühl verändern.

Was meinen Sie damit?

Es ist ganz selten, dass wir herumlaufen und sagen: „Jetzt bin ich aber ärgerlich.“ In manchen Fällen kommt das Gefühl erst, wenn man versucht, es zu benennen. Oder wenn andere fragen, warum man so ärgerlich sei.

Aber es gibt doch ganz eindeu­tige Gefühlszustände, oder?

Wir denken ganz naiv: „Wenn ich einem wilden Tier im Wald begegne, bekomme ich Angst und laufe weg.“ Auf diese Weise machen wir uns einen Reim auf unsere physiologische Erregung. Aber so einfach ist das nicht. Das habe ich verstanden, als mir einmal die Kontrolle über mein Auto abhanden gekommen ist. Erst als ich am Straßenrand stand, hat es mich erwischt. Da habe ich die weichen Knie und das Herzklopfen wahrgenommen und das als Angst interpretiert. So hat das schon William James im 19. Jahrhundert gesehen – erst handeln wir, dann fühlen wir.

Manche Emo­tions­forscher:innen definieren eine bestimmte Anzahl von Grundgefühlen – Angst ist immer dabei. Wie sehen Sie das?

Ich lasse mich da nicht darauf ein, weil Emotionen, physiologisch betrachtet, keine so spezifischen Muster haben.

Nicht?

Wir haben solche Ideen, dass unser Herz ganz doll schlägt, wenn wir aufgeregt sind oder uns fürchten. Aber das stimmt so nicht. Für Studien im Labor wurden Leuten Filme gezeigt, die Emotionen hervorrufen – und sie wurden anschließend gefragt, was in ihrem Körper passiert. Ihre Wahrnehmung stimmte nicht mit den objektiv messbaren Daten überein. Zum anderen kam dabei heraus, dass sich die Emotionen gar nicht so deutlich voneinander unterscheiden.

59, ist Psychologe und Dekan an der privaten Bremer Jacobs University und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Gefühlen und Robotern. Von 2013 bis 2017 war er Präsident der International Society for Research on Emotion.

Mein Körper macht bei Trauer also dasselbe wie bei Wut?

Nein, das nicht. Es gibt aktive und ruhige Zustände. Aber innerhalb dieser Zustände sind die Unterschiede nicht besonders groß.

Ist es möglich, dass wir einfach keine geeigneten Instrumente haben, um Gefühle und ihren Variantenreichtum zu messen?

Das können wir nicht ausschließen. Viele Ge­fühls­for­sche­r:in­nen betrachten ja nicht einfach nur die physiologischen Reaktionen wie Puls, Temperatur, hormonelle Verschiebungen und Muskelanspannungen, sondern auch den Ausdruck im Gesicht und die Selbstwahrnehmung, also das, was ihnen die Leute erzählen. Und wir sind heute weiter als der sehr bekannte Forscher Paul Ekman, der gesagt hatte, Emotionen seien wie Programme, die immer gleich ablaufen, wenn sie angestoßen werden.

Wir sprechen abwechselnd von Emotionen und Gefühlen. Gibt es einen Unterschied?

Nein. In der Gefühlsforschung setzt sich gerade durch, von „affective processes“ zu sprechen, also von affektiven Vorgängen. Das ist im Deutschen verwirrend, weil wir unter „Affekt“ eine sehr intensive, vielleicht sogar plötzliche Emotion verstehen.

Was ist im Englischen gemeint?

Das umfasst beispielsweise auch Stimmungen …

… oh je, was meinen diese nun wieder?

Sie unterscheiden sich von Emotionen insofern, dass sie sich nicht auf ein Objekt beziehen.

Das müssen Sie erklären.

For­sche­r:in­nen sagen, Emotionen seien Prozesse, die sich auf etwas beziehen. Du bist wütend auf jemanden, du hast Angst vor etwas, du freust dich über etwas.

Und wenn ich mit einem diffusen Grundgefühl aufwache …

… ist das eine Stimmung.

Und was genau ist ein Gefühl beziehungsweise eine Emotion?

Das ist so etwas wie Durst. Der fühlt sich so an, dass ich denke: „Ich muss jetzt etwas trinken!“ Und bei Ärger gibt es etwas, das mir nicht passt, vielleicht möchte ich sogar jemandem eine runterhauen. Dabei sind Gefühle eine subjektive Geschichte: Wenn zum Beispiel auf einem Tisch vor mir ein Objekt mit sechs oder acht Beinen in meine Richtung krabbelt, dann fühle ich etwas, weil ich diese Krabbeltierchen nicht mag.

Jemand anderes würde nichts empfinden.

Genau. So wie jemand, der gerade Diät macht, beim Anblick einer leckeren Torte ein anderes Gefühl hat als jemand, der keine Diät macht. Oder dass nicht alle dieselben Sachen lustig finden. Jetzt muss man noch das Gefühl von seinem Ausdruck unterscheiden.

Auch das noch …

Das Gefühl ist eine innere Wahrnehmung. Der Ausdruck ist das, was Sie gerade machen. Sie ziehen die Augenbrauen zusammen, weil Sie nicht so überzeugt sind, dass das Sinn ergibt, was ich Ihnen erzähle.

Und diese Ausdrücke sind offenbar auch komplexer als wir denken. Sie gehen in Ihren Aufsätzen oft darauf ein, dass ein Lächeln nicht unbedingt Freude ausdrücken muss und umgekehrt Freude nicht immer ein Lächeln nach sich zieht.

Ja, tatsächlich zeigen wir Gefühle gar nicht so oft. Es ist ja auch günstig, mich kontrollieren zu können und meinen Gefühlen nicht ausgeliefert zu sein. Das wäre sehr hinderlich im Alltag.

Aber es gibt doch einen unmittelbaren Ausdruck von Schmerz!

Kennen Sie diesen Gesichtsausdruck bei Kindern, wenn sie hingefallen sind und sie entscheiden, ob sie losweinen oder nicht, je nachdem, ob ein Elternteil in der Nähe ist und wie sich das verhält?

Ja, sehr gut.

Sehen Sie.

Umgekehrt ist es doch auch möglich, mit dem Ausdruck das Gefühl zu beeinflussen, oder? Also lächeln, um sich besser zu fühlen.

Das ist wissenschaftlich nicht ganz geklärt. Es gibt die Facial-Feedback-Hypothese, nach der der Gesichtsausdruck das Gefühl bestimmt. Aber wir wissen auch, dass wir auf unseren Gefühlen nicht wie auf einer Klaviatur spielen können, indem wir unsere Gesichter entsprechend bewegen. Sie kennen es vielleicht, wenn Sie in einem Meeting krampfhaft versuchen, nicht in hysterisches Lachen auszubrechen. Oder Sie versuchen, nicht zu weinen. Da reicht oft eine Kleinigkeit und Sie haben es nicht mehr im Griff.

Die Reichelt-Affäre, Springer und der „Boy-Club“: Warum man das ganze System feuern müsste – in der taz am wochenende vom 23./24. Oktober. Außerdem: Das immer salziger werdende Wasser im Südwesten Bangladeschs gefährdet die Gesundheit der Frauen, die im Flusswasser arbeiten müssen. Und: Gefühle steuern unser Handeln, sind jedoch keine Programme, die immer gleich ablaufen. Eine emotionale Sachkunde. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Welchen evolutionären Vorteil haben Gefühle eigentlich?

In dem Moment, in dem sich ein Organismus vorwärts bewegen kann, kann und muss er Nahrung besorgen. Das Problem ist, dass ich selbst auch zur Nahrung werden kann. Oder in einen Fluss falle, wenn ich nicht aufpasse. Wenn ich gelernt habe, bestimmte Situationen damit zu verbinden, dass sie für mich gefährlich sein könnten, ich mich also ängstige und vorsichtig bin, ist das schon die halbe Miete.

Aber manche Großstadtmenschen haben panische Angst vor Schlangen, ohne je ein schlechtes Erlebnis gehabt zu haben.

Ob es angeborene Ängste gibt, ist nicht abschließend geklärt. Es gibt ein Experiment mit Schimpansen, wo ein Schimpanse Angst vor Schlangen entwickelt, wenn er zuvor erlebt hat, dass andere Schimpansen Angstsymptome zeigen. Von Babys kennen wir das auch, dass sie beobachten, wie enge Bezugspersonen auf ein Ereignis reagieren und sich dann entsprechend verhalten. Andererseits scheint es etwas wie ein Vorbereitetsein auf potenzielle Gefahrensituationen zu geben. Ich habe ein Experiment gesehen, wo man Hühnern die Silhouette von einem Habicht gezeigt hat. Die hatten vorher noch nie einen gesehen. Wenn man nun diese Silhouette rückwärts über deren Köpfe bewegte, passierte nichts. Aber wenn die Silhouette in der richtigen Richtung fliegt, wirkten sie so, als hätten sie Angst.

Jetzt ging es mal wieder um das, was Sie „das Lieblingsgefühl der Forscher:innen“ nennen, die Angst. Wozu dient Wut?

Die meisten meiner Kol­le­g:in­nen würden sagen, Ärger oder Wut passiert, wenn etwas dich stoppt in deinen Plänen oder behindert und du denkst, dass das noch geregelt werden kann.

Anders als Verzweiflung, wenn nichts mehr geht?

Genau. Wenn zwei Tiere aufeinandertreffen, und es geht um Territorien oder um Ressourcen wie Nahrung oder Sexualpartner, dann hilft ihnen Wut. Dann machen die sich groß, um etwas zu bekommen oder zu behalten. Meistens übrigens ohne anzugreifen. Schon Babys fangen an, erste Zeichen von Ärger zu zeigen, wenn man ihre Arme festhält.

Aber wir sind ja eben keine wilden Tiere und müssen eigentlich vor kaum etwas Angst haben oder wütend werden, um Nahrung oder einen Sexualpartner zu erobern.

Das stimmt, wobei einige Gefühle immer noch von großem Nutzen sind wie Ekel, der verhindert, dass wir uns den Magen verderben. Und unsere Gehirne haben sich durch die letzten paar Tausend Jahre Zivilisation kaum verändert. Die Evolution tickt da in anderen Zeitabständen. Manches macht vielleicht heute wenig Sinn – aber vor 50.000 Jahren schon.

Dann sind Gefühle einfach ein Überbleibsel der Steinzeit?

Nein. Wahrscheinlich ist eine der Funktionen von Gefühlen, dass sie Handeln leiten oder auslösen: Geh dort entlang! Lass von diesem die Finger! Das will ich haben! Das Problem ist, dass uns diese Gefühle anfällig machen und ausgenutzt werden können. Von der Werbung, aber auch von anderen Menschen. Wir erleben derzeit, wie Leute mit ausreichend Charisma in der Lage sind, Menschen wie Rattenfänger mitzunehmen. Die haben ein Verständnis dafür, wie sie auf den Leuten spielen können. Wenn Politik so emotionalisiert ist, dann fürchte ich, geraten Gesellschaften aus der Kontrolle.

Sie haben im Juni im Magazin Nature einen Aufsatz mit 63 anderen internationalen Emo­ti­ons­for­sche­r:in­nen veröffentlicht, in dem Sie das Zeitalter des Affektivismus ausrufen. Darin heißt es, dass so viel Geld wie nie in die Emotionsforschung fließt. Liegt das daran, dass Unternehmen, die in künstliche Intelligenz investieren, ein hohes Interesse daran haben, Gefühle dafür nutzbar machen zu können?

Da mag es einen Zusammenhang geben. Wenn für uns Menschen Emotionen nützlich sind, um das Tagtägliche zu navigieren, dann wäre es für künstliche Sachen auch nützlich. Zum Beispiel sind Schachcomputer nur dann überragend, wenn sie auch mit „Intuition“ arbeiten.

Ach.

Ja, weil es so viele Zug-Kombinationen gibt, das kann kein Computer durchrechnen.

Aber Gefühle scheinen auch unabhängig von künstlicher Intelligenz wichtiger geworden zu sein.

Das stimmt. Unternehmen haben entdeckt, dass ihre Mit­ar­bei­te­r:in­nen produktiver sind, wenn es ihnen gut geht, sie also mehr Geld verdienen können, wenn sie sich um Gefühle kümmern. Der Hintergrund ist wahrscheinlich ein verändertes Rollenverständnis von Männern. Und wir verstehen einfach, dass es kaum einen Bereich gibt, bei dem Emotionen keine Rolle spielen. Vernunft und Logik klingen interessant, erklären aber kaum was wir tun, was wir wollen und was uns beschäftigt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de