Prozess zum Nazi-Anschlag von Halle: Der dritte Tatort

Der rechte Attentäter von Halle schoss nicht nur vor der Synagoge und im „Kiezdöner“. Am Dienstag und Mittwoch ging es vor Gericht um seine Flucht – und vergessene Opfer.

Schußbeschädigung in der Fensterscheibe

Schußbeschädigung in der Fensterscheibe des Kiezdöner Foto: Steffen Schellhorn/imago

MAGDEBURG epd | Im Prozess gegen den rechstextremen Synagogen-Attentäter von Halle ist am Mittwoch dessen Flucht aus der Stadt nach dem Anschlag aufgerollt worden. Dazu sagten ein 52-jähriger Zeuge und seine 51-jährige Lebensgefährtin aus, auf die der Angeklagte in Wiedersdorf schwer verletzt hat. Der 52-Jährige berichtete, es habe an diesem Tag am Hoftor geklopft, er habe geöffnet und direkt in eine Pistole geblickt, die auf sein Gesicht zielte. Der Angeklagte habe ihn mehrfach nach dem Autoschlüssel gefragt und an seiner Waffe gespielt.

Zuvor hatte der Angeklagt aus seiner antisemitischen und rassistischen Motivation heraus einen Anschlag auf die Synagoge in Halle verübt. Weil es ihm nicht gelang, mit Sprengsätzen und Schusswaffen in die Synagoge zu gelangen, erschoss er zunächst eine 40 Jahre alte Passantin und dann in einem nahe gelegenen Döner-Imbiss einen 20-jährigen Mann.

Auch auf den Zeugen und sein Lebensgefährtin, die Mittwoch vor Gericht aussagten, schoss der Angeklagte schließlich. Sie sei im Rücken getroffen worden, sagte die Zeugin. Der Angeklagte habe „rumgejammert wie ein Weichei, wie ein Muttersöhnchen“, dass er ein Auto brauche, weil er verletzt sei. Der Angeklagte war zuvor bei einem Schusswechsel mit der Polizei in Halle am Hals verletzt worden. Dabei war auch sein Fluchtauto beschädigt worden.

Als der Angeklagte den Hof verließ, hätten sie alle Türen abgeschlossen und die Polizei alarmiert, die sie aber erst nicht ernst genommen habe und erst nach 20 oder 25 Minuten gekommen sei, erklärte das Paar. Dann sei zunächst auch nur ein Polizist gekommen. Den Zeugen fiel es sichtlich schwer über die Ereignisse zu sprechen. Noch heute habe er ständige Kopfschmerzen, neben den körperlichen auch psychische Beschwerden, sagte der 52-Jährige: „Es ist ein komplett anderes Leben jetzt.“ Beide sind seit dem 9. Oktober 2019 arbeitsunfähig.

Unterstützung hätten sie bisher nur durch den Weißen Ring erhalten, sagte die 51-Jährige. Zudem habe ihnen jemand aus der Synagoge, der anonym bleiben wollte, einen Gutschein geschenkt: „Sie haben gemerkt, dass es uns gibt.“ Ansonsten seien die Verletzten irgendwie „hinten runtergefallen“. Es habe drei Tatorte gegeben habe, nicht nur zwei. Auch weitere Anwohner aus dem von Halle etwa zehn Kilometer entfernten Wiedersdorf, die den Prozesstag als Zuschauer verfolgten, erläuterten, sie hätten den Eindruck, dass die Geschehnisse in ihrem 70 Einwohner zählenden Ort bisher immer in den Hintergrund gerückt worden seien.

Gezielt Menschen angefahren

Als weiterer Zeuge sagte ein 37-jähriger KfZ-Meister aus, den der Attentäter aufsuchte, nachdem er den Hof in Wiedersdorf verlassen hatte. Der Angeklagte erpresste sich dort ein Taxi. Er soll zu den drei Männern in der Werkstatt gesagt haben: „Ich bin ein gesuchter Schwerverbrecher. Ich habe da drüben schon zwei Menschen erschossen. Das will ich bei euch nicht machen.“

Der Attentäter hat auf seiner Flucht noch in Halle offenbar auch gezielt einen Somalier angefahren. Bereits am Dienstag hatte der 24-jährige Somalier vor Gericht ausgesagt. Der junge Mann, der auch Nebenkläger in dem Mordprozess ist, berichtete, er sei gemeinsam mit einem Freund aus einer Straßenbahn gestiegen, als er von dem Attentäter angefahren wurde.

Der Somalier gab an, zu Boden gefallen und kurz ohnmächtig gewesen zu sein. Er erlitt Verletzungen an Knie und Arm. Ein weiterer Zeuge des Vorfalls schätzte die Geschwindigkeit des Fluchtautos auf 70 bis 80 Kilometer pro Stunde. Nach seiner Beobachtung war das Fahrzeug gezielt auf die Personen zugefahren. Der Somalier gab an, noch immer unter den psychischen Folgen zu leiden. Er wolle nicht mehr in Halle leben, sagte er. Mit Halle verbinde er viele schlechte Erinnerungen, immer wieder Diskriminierungen und Beleidigungen. Nach dem Vorfall am 9. Oktober 2019 sei er dünnhäutiger geworden.

Ein Kollege des getöteten Kevin S., der mit dem 20-Jährigen in der Mittagspause im Döner-Imbiss war, konnte am Dienstag nicht als Zeuge vor Gericht aussagen. Es wurden Atteste verlesen, die deutlich machten, dass er durch den Anschlag schwer gesundheitlich beeinträchtigt ist. Seine Anwältin erklärte, ihr Mandant, ein Mann Mitte 40, sei durch diese abscheuliche und feige Tat mitten aus seinem Leben gerissen worden. Er sei seit dem 9. Oktober 2019 nicht mehr arbeitsfähig und kaum in der Lage, seine Wohnung zu verlassen. Zudem mache er sich Vorwürfe: Er hatte an dem Tag sein Mittagessen vergessen und sei daraufhin mit Kevin S. in den Döner-Imbiss gegangen, was er vorgeschlagen hatte.

Vor Gericht wurde seine Aussage verlesen, die er bei der Polizei gemacht hatte. Er war gemeinsam mit Kevin S. auf einer Baustelle etwa zwei Minuten vom Döner-Imbiss entfernt im Einsatz. Zum Tatzeitpunkt hatte er mit seiner Freundin telefoniert, die am Telefon alles mitbekam. Bei dem Angriff sei er sofort aufgesprungen, habe sich zunächst hinter einem Kühlschrank versteckt. Er habe furchtbare Angst gehabt, sagte er der Polizei: „Ich wollte einfach nur überleben.“ Schließlich sei er in Panik in einen hinteren Raum geflüchtet.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen gegen rechts.

Hier erfährst du mehr

Rechtsextreme Terroranschläge haben Tradition in Deutschland.

■ Beim Oktoberfest-Attentat im Jahr 1980 starben 13 Menschen in München.

■ Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe verübte bis 2011 zehn Morde und drei Anschläge.

■ Als Rechtsterroristen verurteilt wurde zuletzt die sächsische „Gruppe Freital“, ebenso die „Oldschool Society“ und die Gruppe „Revolution Chemnitz“.

■ Gegen den Bundeswehrsoldaten Franco A. wird wegen Rechtsterrorverdachts ermittelt.

■ Ein Attentäter erschoss in München im Jahr 2016 auch aus rassistischen Gründen neun Menschen.

■ Der CDU-Politiker Walter Lübcke wurde 2019 getötet. Der Rechtsextremist Stephan Ernst gilt als dringend tatverdächtig.

■ In die Synagoge in Halle versuchte Stephan B. am 9. Oktober 2019 zu stürmen und ermordete zwei Menschen.

■ In Hanau erschoss ein Mann am 19. Februar 2020 in Shisha-Bars neun Menschen und dann seine Mutter und sich selbst. Er hinterließ rassistische Pamphlete.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben