Prozess um „El Hotzo“: Das Dilemma des Tyrannenmörders und seiner Fans
Friedrich Schiller, Rolf Hochhuth und Sebastian Hotz („El Hotzo“) haben Gemeinsamkeiten. Nur war letzterer zu früh dran.
W as haben Friedrich Schiller, Rolf Hochhuth und Sebastian Hotz gemeinsam? Alle drei haben sich als Fan eines Tyrannenmörders hervorgetan. Der Dichter Schiller setzte in seiner Ballade „Die Bürgschaft“ dem Urtyp aller Tyrannenmörder, dem „mit dem Dolch im Gewande“, ein Denkmal. Sie gehört bis heute zum deutschen Kulturgut. Der Dramatiker Hochhuth warb jahrelang für ein Georg-Elser-Denkmal. Es wurde in Berlin ein Denkzeichen errichtet – und lobt den Weitblick des gescheiterten Hitler-Attentäters.
Der Satiriker Sebastian „El Hotzo“ postete vor einem Jahr nach den fehlgegangenen Schüssen auf den damals noch Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, dass er es absolut fantastisch fände, wenn Faschisten stürben – und landete deswegen nun vor Gericht. Denn er war anders als Schiller und Hochhuth schlichtweg zu früh dran.
Denn der zeitgenössische Anhänger eines Tyrannenmords hat das gleiche Problem wie der Tyrannenmörder selbst. Er kann eigentlich nur verlieren. Um das zu verstehen, muss man sich dem Kern des Problems widmen: dem Tyrannenmörder selbst.
Nehmen wir Georg Elser, der Ende 1939 versuchte, Hitler per Bombe zu töten und 1945 im KZ Dachau ermordet wurde. Heute wird er gefeiert, weil er mit seiner Tat Schlimmeres verhindert hätte. Vielleicht zumindest. Aber mal angenommen, er hätte damit wirklich den Zweiten Weltkrieg gestoppt und den Holocaust verhindert. Niemand würde heute Elsers Leistung sehen oder gar feiern können. Im besten Fall wäre er weitgehend unbekannt, im schlimmsten würde er als Mörder eines umstrittenen Reichskanzlers gebrandmarkt.
Über das Gesetz erheben
Nehmen wir Thomas Matthew Crooks, dessen Name heute niemandem mehr etwas sagt. Dem aber, sollte Trump die USA endgültig in ein faschistisches Regime umwandeln, nach einer Redemokratisierung in einigen Jahrzehnten Denkmäler gebaut werden könnten. Dann würde sicher auch ein Faschistenmord-Lob wie von El Hotzo als angemessen gewertet. Heute darf er von Glück reden, dass er als Witzfigur durchgeht. So wurde sein Post vom Gericht als geschmacklose, aber straffreie Satire durchgewunken.
Das ist das Dilemma aller Tyrannenmörder. Sie müssen sich über das Gesetz erheben. Dass sie und ihre Fans dafür gefeiert werden, wird nur wahrscheinlich, wenn sie scheitern.
Dass sie aber in ihrer Zeit Ehrerbietungen von offizieller Seite bekommen, muss zwangsläufig die Ausnahme bleiben. Und wenn, dann wird auch das schwierig, wenn nicht gar schmierig. Das zeigt schon die Geschichte von Dionysos, der vor zweieinhalbtausend Jahren im griechisch dominierten Syrakus auf Sizilien dank populistischer Volksreden per demokratischer Wahl an die Macht kam, bevor er per Staatstreich von oben die Verfassung aussetzte.
Dieser Urtyrann hat dann, man kann es bei Schiller nachlesen, seinen Attentäter sogar um Freundschaft gebeten. Was der geantwortet hat, ließ Schiller offen. Laut anderen Quellen aber soll er dankend abgelehnt haben. Denn Sympathie mit einem Tyrannenmörder mag vielleicht problematisch sein, Freundschaft mit einem Tyrannen aber ist es zweifelsohne.
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