Protest von Bühnenarbeitern in Berlin: Ausbeutung hinter den Kulissen
Die FAU mobilisiert gegen prekäre Arbeitsverhältnisse der Bühnenarbeiter*innen bei 36 Stage XL. Ein Anwalt hält die Beschäftigung für illegal.
Foto: Malte Steinmüller
Der Platz vor der Uber-Arena ist am Donnerstagabend gut gefüllt. Tausende Konzertgänger strömen zu einem Strokes-Konzert das an diesem Abend in der Mehrzweckhalle stattfindet. Doch nicht alle, die an diesem Abend vor der Konzerthalle stehen, teilten dieses Anliegen. „Gebt Ihnen Verträge!“, riefen 20 Demonstrierende der Freie Arbeiter*innen-Union (FAU) und verteilten Flugblätter an die Konzertgänger*innen. Die Aktion der Gewerkschaft richtete sich gegen das Veranstaltungsunternehmen 36 Stage XL.
Das Unternehmen baute auch die Bühne für das Strokes-Konzert auf. Die FAU will mit der Aktion auf die prekären Arbeitsverhältnisse des Veranstaltungsunternehmens aufmerksam machen. Zur Demonstration erschienen jedoch nur wenige Mitarbeiter des Unternehmens.
„Eigentlich wollten mehr Bühnenarbeiter kommen“, erklärt FAU-Sprecher Matthias Becker. „Es ging aber das Gerücht um, dass sich jemand vom Management die Demo anschaut. Und dann hat sich scheinbar kaum jemand getraut“, sagt Becker. Vom Management kam niemand. Das Gerücht allein löste allerdings genug Druck aus. Laut der FAU nutzt das Unternehmen neben Minijobs und Vollzeitjobs auch das Modell der unständigen Beschäftigung. Dabei handelt es sich um eine besonders prekäre Form von Arbeitsverträgen.
Matthias Becker, FAU-Sprecher
Diese Arbeitsverträge ermöglichen es Stage XL laut Becker, Arbeitsschichten kurzfristig und intransparent zu vergeben. Falls mehr als 21 Wochentage zwischen den Arbeitseinsätzen vergehen, erlischt außerdem die Krankenversicherung, erklärt der Gewerkschafter. „Man hat quasi einen Null-Stunden-Vertrag. Dadurch muss das Unternehmen niemanden kündigen. Es vergibt einfach keine Schichten mehr“, erläuterte Becker die Situation der unständig Beschäftigten.
Anwalt hält Arbeitsverträge für illegal
„Ich war einmal sehr krank und konnte nicht zur Arbeit kommen. Stage entgegnete, dass sie mich dann nicht bezahlen“, berichtet der ehemalige Mitarbeiter Germán G. auf der Demonstration, „Die bezahlen auch keinen Urlaub oder Überstunden.“ Die Arbeit bei Stage XL war für G. die Haupteinnahmequelle. Laut eigener Aussage arbeitete er über 20 Stunden pro Woche für das Unternehmen. Er habe auch nicht gewusst, dass seine Versicherung nur 21 Tage nach dem letzten Arbeitseinsatz bezahlt wird.
Nikolai Rupay Dahm, Rechtsanwalt für Arbeitsrecht, betreut mehrere Klienten, die für Stage XL gearbeitet haben. Er hält die unständige Beschäftigung, wie es bei dem Veranstaltungsunternehmen praktiziert wird, für illegal: „Solche Arbeitsverträge sind sinnvoll für Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, aber die Bühnenarbeiter bei Stage XL arbeiten dort jahrelang ohne Urlaubstage oder Lohnfortzahlung bei Krankheit.“ Dadurch, dass die Krankenversicherung nach kurzer Zeit erlischt, hätten einige Klienten Tausende Euro an Krankenversicherung aus eigener Tasche nachzahlen müssen.
36 Stage XL veranstaltet große Konzerte und Veranstaltungen in Berlin. In der Vergangenheit begleitete die Firma laut ihrer Website Konzerte von Bruce Springsteen, Metallica und den Rolling Stones. Allein im Oktober stehen 23 Veranstaltungen im Kalender des Unternehmens.
Keine Zugeständnisse der Geschäftsleitung
Die FAU gibt an, seit Februar 2026 drei Forderungsschreiben an die Geschäftsleitung verschickt zu haben. Seitdem „gab es ein paar symbolische Zugeständnisse, aber letztendlich bewegt sich nichts“, sagt FAU-Sprecher Becker.
Die FAU fordert von Stage XL pünktliche und vollständige Lohnzahlungen, Bezahlung von Urlaubszeit und Krankheitstagen, Maßnahmen für Arbeitssicherheit und das Recht auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Auch die Kosten für An- und Abfahrt zum Einsatzort sollen übernommen werden. „Ich bin tagsüber zu einer Bühne gefahren, um sie aufzubauen – und nachts noch einmal, um sie wieder abzubauen“, sagt der ehemalige Mitarbeiter G. Das hätte manchmal über zwei Stunden pro Tag an reiner Fahrtzeit bedeutet. Bis Redaktionsschluss äußerte sich 36 Stage XL auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen der FAU-Gewerkschaft.
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