Protest gegen Burschenschaft in Hannover: Rechts verbunden
Aktivist*innen werfen der Burschenschaft Ghibellinia-Leipzig in Hannover Verbindungen ins rechtsextreme Milieu vor. Für Samstag ist eine Demo angemeldet.
Dezember 2024, Weihnachten steht vor der Tür – genau wie die Gäste der Ghibellinia-Leipzig in Hannover. Ein riesiger Holzwall mit der Aufschrift „Nazizentren dichtmachen!“ versperrt ihnen allerdings den Zugang zur eigenen Weihnachtsfeier im Verbindungshaus. Eine Gruppe Aktivist*innen hatte die Wand am Morgen binnen weniger Minuten auf dem Fußgängerweg festgebohrt.
Kurz darauf kursiert online ein Video, welches die Aktion dokumentiert und über die Burschenschaft aufklärt: Sie ist Mitglied im berüchtigten Dachverband „Deutsche Burschenschaft“, das 2011 noch über die Einführung eines „Ariernachweises“ diskutierte. Entsprechend wird Burschenschaft im Video umschrieben als „Jobbörse für die AfD und ein Ort, wo Faschisten auf Unterstützer am rechten Rand der FDP und CDU treffen“. Für kommenden Samstag ist erneut eine Demo unter dem Motto „Nazizentren dichtmachen!“ gegen die Ghibellinia-Leipzig im Hannoveraner Stadtteil Nordstadt angemeldet.
Die Demo wird über Flyer und Plakate beworben, die eine Verbindung zwischen der Burschenschaft und rechter Raumnahme in Hannover ziehen. Seit einigen Jahren häufen sich nämlich Angriffe auf linke Wohnprojekte, Veranstaltungszentren und die KZ-Gedenkstätte Ahlem. Erst am vergangenen Samstag wurde eine Veranstaltung im „andersraum“, einer Anlaufstelle und Treffpunkt für queere Menschen, bedroht und eine Glasscheibe zerstört.
Die Demoplakate wurden Anfang September schon kurz nach ihrer Anbringung massenhaft von Polizeibeamt*innen entfernt. Auf Nachfrage zu diesem Vorgehen antwortete die Polizeidirektion Hannover, es gebe einen Strafverdacht auf Verleumdung.
Enge Verbindungen mit der AfD
Verleumdung ist jedoch ein „Antragsdelikt“, darf also nur im Zuge eines Strafantrags der*des Verleumdeten verfolgt werden. Wer die Entfernung der Plakate konkret angeordnet hat, lässt die Polizei offen. Die Organisator*innen der Demo lassen sich davon offenbar nicht entmutigen. Das Verbindungshaus ist mit Farbe übersät, in der Nordstadt tauchen weiter Plakate und Graffiti auf, die zur Demo am Samstag aufrufen.
Wie der Dachverband ist auch die Ghibellinia bestens mit der AfD, ihrer Jugendorganisation „Generation Deutschland“ und der rechtsextremen Gruppe „Identitäre Bewegung“ vernetzt – auch durch personelle Überschneidungen. Alle drei Organisationen werden vom Verfassungsschutz beobachtet und zumindest als rechtsextremistische Verdachtsfälle eingestuft. Ein Ghibellinia-Mitglied war Teil der rechtsextremen Kameradschaften „Calenberger Bande“ und „Besseres Hannover“.
2024 wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubs verurteilt, nachdem er mit anderen Mitgliedern der Calenberger Bande einen Mann fast totschlug. Die Gruppe wird von Antifa-Aktivist*innen außerdem für Brandanschläge an Wohnhäusern kurdischer und jüdischer Familien verantwortlich gemacht. Der Burschenschaftler hat seit 2025 an mindestens drei AfD-Veranstaltungen teilgenommen und diese mit einer Kamera begleitet.
Ein weiteres aktives Mitglied der Ghibellinia stand 2023 wegen eines Pfefferspray-Angriffs auf einen linken Politiker vor Gericht. Er war bei mehreren Gründungsveranstaltungen der Generation Deutschland anwesend und ist bei „Sturmfeste Niedersachsen“ aktiv, dem lokalen Ableger der Identitären Bewegung – trotz Unvereinbarkeitsbeschlusses der AfD mit der IB. Mehrere Mitglieder der Verbindung haben eine Waffenerlaubnis.
Auch die sogenannten „Alten Herren“ der Verbindung, Mitglieder, die nicht mehr studieren, sind in Politik, Wirtschaft und Justiz eingebunden. Knut Gerschau saß noch bis 2025 für die FDP im Bundestag, gerne samt Ghibellinia-Scherpe. Rechtsanwalt Rüdiger Imgard saß für die AfD in Oberbayern in Kommunalparlamenten und ist Mitglied des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs. Außerdem war er bei den Coronaprotesten aus der Reichsbürgerszene anwesend, in deren Zuge das Reichstagsgebäude gestürmt werden sollte.
In der Burschenschaft gibt es personelle Überschneidungen zu insgesamt acht Organisationen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden: Neben der AfD, der Generation Deutschland, der Identitären Bewegung und der Calenberger Bande gibt es Doppelmitgliedschaften zu den Burschenschaften und rechtsextremen Verdachtsfällen „Raczeks zu Bonn“, „Germania Hamburg“, „Germania Leipzig“ und „Rheinfranken Marburg“ – alle ebenfalls Teil des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft.
Die Ghibellinia-Leipzig in Hannover ist bisher noch nicht im Visier des Inlandsgeheimdienstes.
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert