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Protest gegen Baumrodungen in Hamburg„Elbwald“ fällt, „Wilder Wald“ noch nicht

Die Polizei räumt eine Waldbesetzung im „Wilden Wald“, das Verwaltungsgericht stoppt Fällungen vorläufig. Am „Elbwald“ werden erste Bäume gerodet.

Besetzung beendet, aber Fällungen gestoppt: Polizisten räumen eine Blockade im „Wilden Wald“ Foto: Timo Knorr

Am Dienstagmorgen hat sich in Hamburg der Konflikt um zwei gefährdete Baumbestände zugespitzt. Während die Polizei eine Baumbesetzung im Wilhelmsburger „Wilden Wald“ unter Anwendung von Zwang räumte, begannen am Bubendey-Ufer im Hafen die Rodungsarbeiten am sogenannten „Elbwald“. In Wilhelmsburg sorgte kurz darauf eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts für einen vorläufigen Stopp der Fällungen.

Nachdem die taz am Montag über eine drohende Teilrodung des „Wilden Waldes“ im Stadtteil Wilhelmsburg berichtet hatte, wurden noch am selben Tag erste Rodungsvorbereitungen getroffen. Bäume dürfen gesetzlich nur noch bis Ende Februar gefällt werden, weil dann die Nistsaison vieler Vögel beginnt.

Um eine Rodung zu verhindern, hatte der Naturschutzbund (Nabu) Hamburg bereits am Montag einen Eilantrag beim Hamburger Verwaltungsgericht gestellt. Dieses entschied am Dienstagvormittag, dass Rodungs- und Baumfällarbeiten vorerst zu unterlassen seien. Die zunächst genehmigte Teilrodung bezog sich auf eine Teilfläche des nach der Flutkatastrophe von 1962 verwilderten Areals, konkret auf 790 Quadratmeter.

„Die Entscheidung des Hamburger Verwaltungsgerichts ist ein wichtiger Teilerfolg für uns und den ‚Wilden Wald‘, gleichzeitig aber auch ein Zeichen eines gut funktionierenden Rechtsstaates“, sagt der Nabu-Landesvorsitzende Malte Siegert. Der Nabu setze sich „weiterhin dafür ein, dass der gesamte ‚Wilde Wald‘ erhalten bleibt“.

Baumbesetzung geräumt

Neben dem Nabu stellen sich auch Ak­ti­vis­t*in­nen und Umweltinitiativen gegen die drohenden Rodungsmaßnahmen. Sie hatten am frühen Dienstagmorgen zu einer Versammlung aufgerufen und Teile des bedrohten Waldstücks besetzt. Dabei sollen laut den Ak­ti­vis­t*in­nen rund 25 Personen an der Versammlung und weitere 20 Personen an einer Baumbesetzung teilgenommen haben.

Die Polizei begann am Dienstagmorgen die Blockade zu räumen. Dabei sollen laut Nila S. vom Bündnis „WiWa bleibt!“ auch Schmerzgriffe angewendet worden sein. Eine Person befinde sich auf dem Weg ins Krankenhaus. Außerdem soll die Polizei mit Anzeigen wegen Hausfriedensbruch gedroht haben. Ak­ti­vis­t:in­nen berichten, die Polizei habe gesagt, dass das betroffene Waldstück der anliegenden Baufirma gehöre. Sie sollte dieses in einem Flächentausch mit der Stadt erhalten. Im Zuge der Räumung hat die Polizei vereinzelt Bäume gefällt.

Der „Wilde Wald“ ist ein etwa neun Hektar großes Waldstück im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, direkt hinter dem Elbdeich gelegen. Auf dieser Fläche sollen zukünftig 1.100 Wohnungen entstehen. Dagegen regt sich seit 2017 Widerstand von örtlichen Umweltinitiativen.

Trauerweiden im Hafen gefällt

Tatsächlich begonnen wurde laut der Bürgerinitiative „Elbwald retten“ am Dienstagmorgen mit der Rodung des sogenannten „Elbwaldes“, einer Kette von knapp 400 Bäumen am Bubendey-Ufer im Hamburger Hafen.

Zunächst habe die Hamburg Port Authority (HPA) laut der Bürgerinitiative damit begonnen, Trauerweiden an der Ostseite des Bubendey-Ufers zu fällen. „Diese Rodungsarbeiten sind eine reine Provokation“, sagt Initiativen-Sprecher Franz Hermann. Weil der Baubeginn der Hafenerweiterung frühestens Ende 2027 erfolgen könne, gebe es gar keinen Grund, die Bäume jetzt zu fällen.

Rodungsbeginn am „Elbwald“ in Hamburger Hafen Foto: Elbwald retten

Der Streit um den Elbwald schwelt bereits seit Jahren und ist Teil der langfristigen Planungen zur Hafenerweiterung. Die Hamburg Port Authority plant auf dem Areal die Errichtung neuer Logistikflächen sowie die Erweiterung des angrenzenden Containerterminals Burchardkai.

Für die Umgestaltung des Uferbereichs müssen nach aktuellen Planungen insgesamt knapp 400 Bäume weichen. Während die Stadt die Notwendigkeit betont, den Hamburger Hafen wettbewerbsfähig zu halten und eine moderne Infrastruktur zu schaffen, kritisieren Umweltverbände den Verlust eines wertvollen Biotops und Naherholungsgebiets im industriell geprägten Hafengebiet.

Das Verwaltungsgericht bewertet die wirtschaftlichen Belange des Hafenausbaus höher als den Naturschutz

Anders als in Wilhelmsburg blieb ein Eilantrag gegen die Fällungen am Bubendey-Ufer erfolglos. Das Verwaltungsgericht lehnte einen vorläufigen Stopp ab, da es die wirtschaftlichen Belange des Hafenausbaus höher bewertete als den Naturschutz. Damit ist der Weg für die Rodungen frei, noch bevor eine anhängige Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss verhandelt ist.

Am Mittwochmittag will die Initiative vor der Zentrale der HPA am Neuen Wandrahm in der Speicherstadt protestieren.

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