Proletarische Herkunft und Medienbetrieb: Zweifel. Widerspruch. Schreiben.

Wer von einem Ort kommt, an dem weder gelesen noch geschrieben wurde – für den ist es nicht selbstverständlich, das Wort zu ergreifen.

Eine Faust hält Stifte in die Höhe

Mario Pérez Santos (r.) und Margarito Hernández lernen auf der Baustelle Lesen und Schreiben Foto: dpa

Als ich erfahren habe, dass ich diese Kolumne schreiben darf, habe ich mich erst gefreut. Dann habe ich gezweifelt. Jetzt schreibe ich sie, weil ich zweifle. Und ich denke, es gibt viele andere Menschen, die wie ich zweifeln.

Was für Zweifel?

Zweifel, die jemand hat, der nicht in dem sozialen Milieu aufgewachsen ist, in dem er sich heute bewegt, in dem er schreibt. Ein Milieu, in dem er sich als Eindringling fühlt, weshalb er es vermeiden möchte, allzu sehr aufzufallen. Was dieser Schreibende nicht zu verraten versucht, findet sich aber immer auch in seinen Texten wieder, vermittelt über die Probleme, für die er sich interessiert. Was passiert, wenn er sein eigenes Eindringlingsein zum Gegenstand des Schreibens macht?

Die Zweifel desjenigen, für den das Schreiben nie selbstverständlich war. Weil er von einem Ort kommt, an dem weder gelesen noch geschrieben wurde. Es wurde höchstens mal ein Einkaufszettel oder eine Krankmeldung für die Schule geschrieben, Gute-Nacht-Geschichten oder Zeitung gab es nicht. Weil die Handarbeit in der Fabrik und zu Hause den Alltag beherrschte, weil für Kopfarbeit keine Zeit war. Gleichzeitig war es auch ein Ort, an dem es ein Ziel, eine Hoffnung auf eine Zukunft gab, in der gelesen und geschrieben wird. Und dementsprechenden Druck. Was bringt es aber, wenn manche von diesem Ort später mit dem ­Schreiben ihr Geld verdienen, andere aber weiter nicht dazu kommen?

Was soll Schreiben ausrichten?

Zweifel darüber, was es überhaupt für einen Sinn haben kann, so eine „Kolumne über soziale Ungleichheit“ zu schreiben. Wenn Revolutionen nichts daran ändern konnten, dass manche immer noch als Arbeiterkinder, andere als Akademikerkinder oder Erben auf die Welt kommen, was soll dann schon eine Kolumne, was soll Schreiben überhaupt ausrichten?

Und deshalb auch Zweifel, dass so eine Kolumne letztlich nur dazu dient, die Glücklichen ihres Glücks und des Unglücks der anderen zu vergewissern, ihre sozialvoyeuristischen Gelüste zu befriedigen, und somit die Verhältnisse zu festigen. So schlimm können die ja nicht sein, wenn auch einer von da unten eine Kolumne schreibt?

Zweifel können einen erdrücken. Sie können als Schwäche verstanden werden. Wenn du es zu etwas bringen willst, dann darfst du nicht zweifeln. Aber es gibt Zweifel, weil es ein Problem gibt. Wer zweifelt, der ist nicht zufrieden, der hinterfragt, der findet etwas ungerecht.

Zweifel machen auch wütend. Und sie werden zum ersten Schritt des Widerspruchs gegen eine Normalität, in der die Menschheit gespalten ist: in jene mit Kapital und solche, die allein über ihre Arbeitskraft verfügen.

Proleten können es sich nicht leisten, allzu sehr zu zweifeln. Denn Zweifel muss man sich leisten können, sie setzen Zeit und Sicherheit voraus. Postproleten können das eher, sie müssen. Und wer einmal zweifelt, der muss etwas tun. Ich schreibe diese Kolumne.

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Kolumnist ("Postprolet") und Redakteur im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien. Bei der taz seit 2016. Schreibt über Soziales, Randständiges und Abgründiges.

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