Potenzial der COP 31 : Die zerstörerische Welt birgt Chancen fürs Klima
Klimaschutz steht weltweit unter dem Druck rechter Politik. Warum die Ansprüche an die Weltklimakonferenz in Antalya trotzdem hoch sein sollten.
Foto: Andre Penner/ap
D ie Klimakrise zieht eine Spur der Zerstörung durch verschiedene Regionen der Erde. So vermeldete der EU-Klimawandeldienst Copernicus Ende letzter Woche, dass das laufende Jahr mit großer Wahrscheinlichkeit erneut als 1,5 Grad über dem langjährigen Temperaturschnitt zu Beginn der Industrialisierung liegen wird. Das möglichst zu verhindern, war zentrales Ziel des Pariser Weltklimaabkommens von 2015 gewesen. Es ist eine bedrohliche Kulisse, vor der am 9. November die nächste Weltklimakonferenz im türkischen Antalya beginnt.
In Europa starben im Sommer rund 50.000 Menschen an extremer Hitze. In Indonesien greifen Waldbrände um sich, weil die Klimakrise in Kombination mit dem Wetterphänomen El Niño die Landschaft ausgetrocknet hat. In Kenia drohen nach Dürre nun Starkregen und Überschwemmungen. Und doch erstarken in Deutschland und anderswo Politiker:innen, die Klimaschutz als Schwachsinn abtun.
Oder die, wie Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, recht unverblümt die Interessen fossiler Konzerne vertreten. Und die viel Energie aufbringen, um bestehende Klimavorgaben wieder zu verwässern – wie in Deutschland beim Heizungsgesetz, bei der Energiewende oder EU-weit beim Verbrenner-Aus. Die Mitte-Rechts-Mehrheit im Europaparlament wickelt Klima- und Naturschutzgesetze ab, mit dem fragwürdigen Argument, die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen zu sichern.
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In Deutschland schrumpft der Topf, aus dem Geld an Staaten fließen sollte, die besonders schwer von Klimafolgen getroffen werden, aber nur wenig zur Klimakrise beigetragen haben. So boykottiert die Bundesregierung nicht nur den Klimaschutz hier im Land, sondern erschwert ihn auch an anderen Orten. Das gilt seit Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trumps in noch gesteigertem Maß auch für die USA. Trump führt einen Feldzug gegen jede Art von Klimaschutz, treibt die Öl- und Gasförderung voran und kürzt internationale Klimahilfen.
Was bringt eine COP, wenn Industriestaaten bremsen?
Die USA und die Europäische Union zählen zu den vier größten Treibhausgas-Emittenten weltweit. Deutschland ist in der EU der Staat mit den höchsten Emissionen. Was bringt da schon eine Weltklimakonferenz wie die, die am Montag im türkischen Antalya beginnt? Was bringt es, solange große Industriestaaten nicht für den Schaden aufkommen, den sie verursachen, wenn sie Klimaschutz unerbittlich rückgängig machen?
Weltklimakonferenz in der Türkei
Politiker*innen und Expert*innen aus aller Welt treffen sich zur 31. UN-Klimakonferenz im türkischen Antalya. Vom 9. bis 20. November beraten Vertreter*innen aus rund 200 Staaten über den Kampf gegen die Erderhitzung. Die taz ist mit einem Team vor Ort. Verfolgen Sie unsere Berichterstattung auf unserem Schwerpunkt auf taz.de, auf klima.taz bei Instagram, im Podcast klima update°, im Newsletter TEAM ZUKUNFT, im werktäglichen E-Paper und in der Wochentaz.
Und wenn dann noch geopolitische Konflikte und Kriege hinzukommen, die mancherorts unmittelbar Leben vernichten, woanders das Leben verteuern und Prioritäten verschieben, immer weiter weg vom Klima? Lange sah es so aus, als sei von der Weltklimakonferenz in diesem Jahr ohnehin nicht viel zu erwarten. Erstmals richten zwei Staaten die COP gemeinsam aus – die Türkei ist Präsidentin und Gastgeberland, Australien führt die Verhandlungen. Beide machen noch ordentlich Profit mit Kohleenergie und sind nicht gerade Spitzenreiter im Hinblick auf das Klima.
Umso wichtiger ist es, genau hinzuschauen. In jedem Fall ist die COP eine wichtige Gelegenheit, Klimaschutz auf eine internationale Bühne zu heben – gerade dann, wenn er von politischen Kräften allzu gerne unter den Teppich gekehrt oder gegen wirtschaftliche Interessen ausgespielt wird. Außerdem scheint es jetzt, kurz bevor die Verhandlungen in Antalya beginnen, als könne die Klimakonferenz doch noch zu positiven Ergebnissen führen.
So setzt die Türkei in ihrer Funktion als COP-Präsidentin mehr eigene Themen als zunächst angenommen. Sie hat sich das Ziel gesteckt, den Anteil von Strom am weltweiten Energieverbrauch bis 2035 von 20 auf 35 Prozent zu steigern. Progressivere Player sollten jetzt dafür sorgen, dass der Strom auch aus erneuerbaren Quellen kommen muss. Es sind konkrete Maßnahmen zum endgültigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen nötig, zu denen sich die internationale Gemeinschaft nun verpflichten sollte.
Die Abhängigkeit von fossilen Energien rächt sich
Nepal will infolge der Sturzflut Ende August eine umfangreichere und schneller verfügbare Finanzierung aus Industriestaaten zum Ausgleich klimabedingter Schäden vorantreiben. Generell sollten Vorreiter- und besonders gefährdete Staaten Allianzen schmieden. Das könnte sogar funktionieren und mehr Gewicht haben als in der Vergangenheit, weil sich die Machtverhältnisse mit dem Ausstieg Trumps aus internationalen Klimaabkommen verändert haben.
Auch dass sich die Klimakrise und ihre immer spürbarer werdenden Auswirkungen so verschärft haben, hat einen traurigen Vorteil. Die Strategie konservativer Kräfte, wirtschaftliche Interessen über alles zu stellen, geht nicht mehr auf. Zwar konnten sich auch in diesem Jahr einige fossile Konzerne bereichern, als Trumps Krieg gegen Iran den Ölmarkt ins Wanken brachte. Davon abgesehen hat aber spätestens dieses Jahr gezeigt, dass die Wirtschaft nicht ohne Klimaschutz auskommt.
In Deutschland gerieten im Sommer Lieferketten unter Druck. Niedrigwasser im Rhein behinderte die Frachtschifffahrt, Hitze machte Straßen unbefahrbar. Der Krieg Trumps und Israels gegen Iran mit seinen Folgen für die Energieversorgung hat erneut gezeigt, dass sich fossile Abhängigkeit wirtschaftlich rächt. Oder andersherum: dass sich erneuerbare Energien lohnen. Und so birgt die Weltlage, so zerstörerisch sie auch ist, Potenzial für die anstehende Klimakonferenz.
Schade nur, dass die Bundesregierung bisher nicht den Eindruck macht, als wolle sie dieses Potenzial ausschöpfen. Bundeskanzler Friedrich Merz reist gar nicht erst nach Antalya. Und ohne Zugeständnisse der Industriestaaten werden auch die Bemühungen anderer Verhandlungsparteien nichts bringen. Die Forderungen nach Fortschritten deshalb schon vorher aufzugeben, ist allerdings auch nicht zielführend, also sollte die Messlatte für die COP gerade jetzt möglichst hochgehängt werden. Wirksamer Klimaschutz rettet Leben.
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