Postsowjetische Communitys: Ist es noch akzeptabel, Russisch zu sprechen?
Der Kölner Verein Makosa will die tiefen Gräben in den postsowjetischen Communitys überwinden. Dabei setzt er auf spielerische Formate.
Raten Sie mal: Wie viele Russischsprachige aus postsowjetischen Ländern leben denn in Deutschland? Mit solchen Schätzfragen konfrontieren Yuriy Krotov und Max Gede ihr Publikum. Von ihren Quizteilnehmer*innen erwarten sie nicht nur eine Antwort, sondern vor allem eine gute Begründung dafür, wie sie auf die Zahl gekommen sind, die sie dann nennen.
„Den Demokratiemuskel trainieren“, sagt Max Gede dazu. Zu solchen Quizrunden lädt der Kölner Verein Makosa etwa an Volkshochschulen, in Schulen, Stadtverwaltungen und neuerdings auch in einer JVA ein. Aus der ersten Idee mit unterschiedlichen Quizrunden haben sie bei Makosa inzwischen auch Rollenspiele oder Theaterformate entwickelt.
Eine Minute gibt Max Gede den Gruppen, sich auf eine Antwort und die Herleitung zu verständigen. Dann dürfen alle nacheinander ihre Zahl und die Argument darlegen. Schließlich folgt die Auflösung: Das Team präsentiert die korrekte Zahl und dazu außerdem den Kontext, ihre Quellen und relevante Statistiken. Sie weisen auch darauf hin, falls etwas an den Zahlen kritikwürdig ist, wenn etwa die Daten, die der Antwort zugrunde liegen, sehr lückenhaft sind.
Das ist auch bei der oben genannten Frage der Fall, denn die Antwort muss mit geschätzten Werten arbeiten. „Schätzungsweise 4,7 bis 5 Millionen Menschen“ ließen sich postsowjetischen Bezügen zuordnen, heißt es in der Antwort in ihrem Quiz.
Größte Migrantengruppe in Deutschland
Darunter fallen nach ihrer Definition Spätaussiedler, also Russlanddeutsche, jüdische Kontingentflüchtlinge und jeweils deren Familienangehörige, Menschen, die aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion eingewandert sind, Flüchtlinge aus der Ukraine und Dissident*innen aus Russland und Belarus. Die postsowjetische Community sei damit die größte Migrant*innengruppe in Deutschland. Zum Vergleich: Es leben gleichzeitig rund 2,9 Millionen türkeistämmige Menschen in Deutschland.
Und in diesem relevanten Teil der Migrationsgesellschaft rumort es. Mit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine kam es zu großen Verwerfungen in russischsprachigen und ukrainischen Communitys in Deutschland. Vereine zerstritten sich bitterlich, nicht nur über politische Positionierungen, sondern auch entlang der Frage, ob es noch akzeptabel ist, Russisch zu sprechen.
Eltern und Kinder entzweiten sich, weil Mitglieder der älteren Generationen den Angriffskrieg teils befürworteten oder Putin unterstützen, während ihre Kinder und Enkel ihn ebenso vehement ablehnten. „Wir waren damals wie eine ambulante Feuerwehr“, sagt Yuriy Krotov, der lange für den BVRE gearbeitet hat, den Bundesverband russischsprachiger Eltern. Als Dachorganisation verschiedenster Vereine fördert der BVRE die politische Bildung in der russischsprachigen Community.
Mit Quizfragen
Die Post-Ost-Community ist auch beim diesjährigen taz lab am 25. April vertreten. Gleich am Morgen zeigen Yuriy Krotov und Max Gede, wie „Noch besser streiten mit Quizfragen“ geht. Nach dem Mitraten darf das Publikum sie zu ihren Erfahrungen mit spielerischen Formaten in der politischen Bildung befragen.
Deutsch genug?
Um 14 Uhr liest Ira Peter aus ihrem Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“. Am Abend diskutieren die Journalisten Anastasia Tikhomirova und Daniel Sagradov über Unterstützung der Ukraine in Deutschland, aber auch über die Verweigerung von Solidarität mit dem von Russland angegriffenen Staat.
Die Quizformate von Makosa sind eine Art, diesen Konflikten zu begegnen, als kreative Form, um gesellschaftlichen Dialog sozusagen wieder einzuüben – und vielleicht auch, um auf das zu verweisen, was die Menschen am Ende doch verbindet, auch wenn sie in politischen Meinungen gerade eher krass auseinanderstreben.
Krotov und Gede sagen, sie machten gute Erfahrungen damit, auf diese Weise auch „heterogene Gruppen mit Konfliktpotenzial“, wie sie es nennen, zusammenzubringen. „Vielleicht erst mal so weit, dass man überhaupt mal wieder miteinander spricht“, sagt Krotov.
Wegen der Krise
„Den Verein Makosa haben wir vor vier Jahren explizit wegen der Krise und nur dafür gegründet, um neben den Quizen eine ganze Reihe an Spielen und spielerischen Formaten für politische Bildung und kulturellen Austausch zu entwickeln“, sagt Gede.
Quizformate gibt es inzwischen etwa zu Sprache, zur Migrationsgesellschaft und zu Verschwörungstheorien. Und was in den Post-Ost-Communitys funktioniere, ließe sich auch für andere Gruppen und für die Dominanzgesellschaft nutzbar machen, meinen sie. So könnte der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden.
Die beiden kommen auch zum taz lab – Besucher*innen können es dort also direkt ausprobieren.
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