Postpunk aus Berlin: Frostig und rotzig

Zwei feine neue Postpunk-Alben: Die Bands Aus und Liiek überführen den Frühachtziger-Sound gekonnt in die Gegenwart.

Bandfoto der Berliner Band Liiek

Liiek: Denes Bieberich, Oskar Militzer und Anne Sophie Lohmann (von links) Foto: Promo

Es ist schon bemerkenswert, was rund um die Allee-der-Kosmonauten-Crew und das Label Static Age Musik in den Zehnerjahren in Berlin entstanden ist. Ein ganzer Schwung an guten (Synth-)Punk- und Postpunk-Acts ist da nachgekommen, die auf solch einprägsame Namen wie Diät, Benzin, Heavy Metal oder Gilb hören. Bands und Projekte, die für Unverwechselbarkeit stehen, die sich im Underground sehr wohl fühlen und die wenig Interesse daran haben, „entdeckt“ zu werden.

Nun sind zwei neue Alben aus diesem Dunstkreis erschienen. Zum einen ist da das zweite Album von Aus. Aus ist ein All-Girl-Postpunk-Combo aus Berlin, die vor zwei Jahren mit einem düsteren, unterkühlten Debütalbum – das zunächst nur als Demo gedacht war – auf sich aufmerksam machte.

Nun folgt das erste „richtige“ Album, und stilistisch hat sich nicht viel geändert: Aus sind geprägt vom frostigen Frühachtziger-Sound von Bands wie Malaria!, (frühe) Xmal Deutschland, Bauhaus oder auch frühen The Cure, die 10 neuen Stücke bewegen sich zwischen Dark Wave, Minimal und (Synth-)Punk.

Das Gute dabei ist, dass Aus zu keinem Zeitpunkt epigonal erscheinen. Das liegt wohl am Ehesten am originären Stil der Musikerinnen, ihre Instrumente zu spielen. Da wären die minimalen Drums, die viel mehr als Tomtom, Snare und Bassdrum nicht brauchen; da wäre der zähe, sich dahinschleppende Bass; da wären die modrig-mäandernden Gitarren und die fiepsenden Synthies, die an Tuxedomoon erinnern; und da wäre schließlich der mit Hall belegte, eiskellerkalte Gesang.

Aus: „Aus“ (Static Age Musik) | ausbln.bandcamp.com/album/aus

Liiek: „Liiek“ (Adagio830) | liiek.bandcamp.com/releases, alle Einnahmen gehen an Mission Lifeline!

Die Lyrics in Stücken wie „Schwall“ (ein echter Hit!), „Kreis“ oder „Bilderflut“ stützen dabei die durchgehend unbehagliche Atmosphäre. Die Stücke schon dreckig und unperfekt produziert, und genauso muss das klingen, man muss das Schaben an den Basssaiten hören, das Ausklingen der Gitarren, die harten Schläge der Snare. Ein tolles Album, das sich bestimmt auch zum Runterkühlen an den anstehenden warmen Tagen eignet.

Die Band Liiek schmort und brutzelt ebenfalls tief im Postpunk-Saft, auch personelle Überschneidungen zu Aus gibt es: bei Liiek trommelt ebenfalls Aus-Schlagzeugerin Anne Sophie Lohmann; neben ihr besteht die Band aus Gitarrist und Sänger Denes Bieberich und Bassist Oskar Militzer.

Die Referenzen sind hier aber andere, das Trio zeigt sich vor allem beeinflusst von Gang Of Four (oder eben Gang-Of-Four-Soundalikes wie Radio 4), auch so unterschiedliche Bands wie die Hot Snakes oder Dag Nasty („Ruined“) kamen mir beim Hören in den Sinn.

Ein treibender Schlagzeugbeat und flotte Bass-Tonfolgen liegen dem Sound zugrunde, dazu kommt diese immer wieder reingrätschende Staccato-Gitarre, die mal funky und mal noisig klingt. Diese abgehackt klingenden Gitarrenparts ergänzen sich bestens mit dem kehligen, rotzigen Gesang Bieberichs. Für 8 Stücke brauchen Liiek gut 15 Minuten – die Songs sind reduziert, minimal, auf den Punkt.

Da die Kulturbeilage taz Plan in unserer Printausgabe derzeit pausiert, erscheinen Texte nun vermehrt an dieser Stelle. Mehr Empfehlungen vom taz plan: www.taz.de/tazplan.

Und auf den Punkt sind auch die Lyrics, wie die Stücke „Waterfall“, „Dynamite“ und „Ruling“ zeigen. Für den Auftaktsong „Crisis“ haben Liiek kürzlich ein hübsches kleines Video veröffentlicht, wo man die Band ins Nagelstudio und ins Solarium begleiten kann. Auch da wartet Abkühlung: Einfach mal die Füße im Aquarium baumeln und die Fische an den Zehennägeln schubbern lassen.

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schreibt seit 2011 für die taz und ist Mitarbeiter der Kultur- und Sportredaktion.

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