Positive Geschichten schreiben: Wahrheit und Kontext

Wir möchten mehr Schönes, Gutes lesen – das ist verständlich und richtig. Aber es ist nicht immer ganz so einfach zu bewerkstelligen.

Ein Delphin aus dem Wasser eines azurblauen Ozeans

„Es ist nicht alles schlecht. Es ist nicht alles schwer.“ Foto: Pagie Page/Unsplash

Es war einmal eine gute Geschichte. Gut im Sinne von positiv. So eine Geschichte, die die Lesenden mit einem guten Gefühl zurücklässt oder zumindest mit dem Gefühl, dass nicht alles schlecht ist, erzählerische Wellness. Angeblich sehnen sich immer mehr Menschen nach guten Geschichten. Alles ist nur noch Gejammere, sagen diese Leute, alles ist nur noch böse, dabei stimmt das doch gar nicht.

Schreib doch mal was Gutes! Es ist nicht alles schlecht. Es ist nicht alles schwer. Es tut nicht alles weh. Delfine in Venedigs Kanälen. Eine alte Frau, die Covid-19 überlebt hat und ihre Kinder wieder in den Arm nehmen kann. Jemand „mit anderer Hautfarbe oder Kultur“, die nie Rassismus erfahren hat und einfach happy ist! Nachrichten, die zu schnell untergehen zwischen den Krisen und Schmerzen dieser Welt. Good News, bitte.

Ich meine das gar nicht zynisch oder verächtlich. Die Sehnsucht nach guten Geschichten macht Sinn. Es geht dabei um die Sehnsucht nach einer guten Welt, nach einer guten Gesellschaft und am Ende um den Wunsch, selbst ein guter Mensch zu sein. Aber die Wahrheit ist, dass eben nicht alles und schon gar nicht jede:r gut ist.

Für eine Person, der gerne zugerufen wird sie schlage ja sehr gern Kapital aus einer vermeintlichen „Opferrolle“, habe ich ganz schön viele dieser guten, also positiven Geschichten. Ich fand gut, besonders zu sein. Ich fand gut, mit der Selbstverständlichkeit von zwei Normalitäten aufzuwachsen und darin meine ganz eigene zu finden. Ich fand gut, Übersetzerin, Verbündete, fast Spionin für beide Seiten zu sein. Auch gut: doppeltes Erfahrungswissen. Weniger gut: unbezahlte Vermittlungsarbeit und der Druck ständigen Expertinnentums. Aber das vielleicht Beste am Dazwischen war schon immer die Pluralität.

Immer zwei richtige Antworten auf dieselbe Frage

Die Selbstverständlichkeit, dass Wörter aus Buchstaben und aus Schriftzeichen entstehen können und dabei immer Wörter sind. Die Erkenntnis, dass es immer mindestens zwei richtige Antworten auf dieselbe Frage geben kann. Die Tatsache, dass man über alles reden oder über alles schweigen kann und das trotzdem wenig damit zu tun hat, wer glücklicher oder zufriedener ist. Im Grunde das Wissen um den alles entscheidenden Faktor: Kontext.

Warum habe ich aufgehört, die guten Geschichten zu erzählen? Vielleicht, weil wir dazu neigen, die Dinge so zu verstehen, dass sie unser eigenes Welt- und Selbstbild bestätigen. Vielleicht, weil ich zu lange für ein Publikum erzählt habe, das meine Geschichten betrachtete wie Exponate einer Ausstellung. Vielleicht, weil man sich mit guten Geschichten zu leicht von den schlechten freikaufen kann – besonders dann, wenn es nur wenige Stimmen gibt und die für alle sprechen sollen.

Und doch wäre es falsch zu glauben, es gäbe keine guten Geschichten. Es gibt sie ja und wir haben sie dringend nötig. Aber eben dort, wo sie sein dürfen, was sie sind: widersprüchlich, uneindeutig und nur einzelne von vielen.

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Redakteurin der taz am wochenende. Studierte Asienwissenschaften und Stadtforschung in Berlin und Hangzhou. Schreibt alle 14 Tage die Kolumne Chinatown für taz2.

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