Polizei vertreibt feiernde Jugendliche: Im Namen der Verordnungen

Die Hamburger Hotspot-Strategie führt zu Ausschreitungen. Statt jungen Menschen nach dem Lockdown Angebote zu machen, reagiert die Stadt mit Gewalt.

Behelmte Polzist:innen stehen in einer Reihe feiernden Menschen gegenüber

Polizeikräfte vertreiben Feiernde aus dem Hamburger Schanzenviertel Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | Der Alma-Wartenberg-Platz liegt mitten im beliebten Hamburger Stadtteil Ottensen. An den Wochenenden lassen sich dort zahlreiche Schlangen beobachten, die sich vor Cafés und Bars winden. Das speckige Kopfsteinpflaster erstreckt sich glatt entlang der Kneipen und Restaurants, in den sandigen Rillen der Steine finden sich im Spätsommer kleine braune Eicheln.

Am Morgen des 5. Juni, einem Samstag, lagen dort keine Eicheln, sondern spitze Glasscherben – eine Erinnerung an die Ereignisse in der Nacht davor.

Am frühen Abend war es noch friedlich. Viele lose Gruppierungen unterhielten sich auf der Piazza, berichtet ein Augenzeuge, viele hatten Flaschen in der Hand, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht zerbrochen waren. Nach vielen Monaten der heimischen Isolation sei die Anzahl der Menschen gewöhnungsbedürftig gewesen, aber aus öffentlichen Verkehrsmitteln sei man Schlimmeres gewöhnt.

An seinen Schenkeln wird der Alma-Wartenberg-Platz eingerahmt von einer niedrig frequentierten Straße. Um 21.30 Uhr konnte Tobias Bülow* vereinzelte Streifwagen beobachten, die den Platz umkreisten. Lange verweilen wollte er dort nicht: „Ich hatte direkt ein ungutes Gefühl. Der Besuch einer Hundertschaft lag in der Luft und kurz vor meiner ersten Impfung musste ich mich auch nicht mehr ins Getümmel schmeißen.“ Generell sei die Grundstimmung zwar ausgelassenen, jedoch ruhig gewesen.

Aggressive Reaktionen

Dem Polizeibericht zufolge fanden sich gegen 23 Uhr circa 400 Personen auf dem Platz wieder, die das geltende Alkoholkonsumverbot, die Maskenpflicht und das Abstandsgebot „nahezu ungeachtet“ ließen. Ein Sprecher der Polizei erklärte auf Nachfrage, dass auf die Ansprachen von Einsatzkräften „zunehmend aggressiv“ reagiert worden sei. So seien beispielsweise Flaschen in Richtung der Polizei getreten worden.

Laut Bild-Zeitung wurde die Bereitschaftspolizei mitsamt Räumpanzern und Wasserwerfern vom Schanzenviertel zum Alma-Wartenberg-Platz verlegt. Auf Twitter kursiert ein Video, das behelmte Polizeieinsatzkräfte im grellen Blaulicht des Wasserwerfers zeigt. Das Vehikel, welches normalerweise bei Großdemonstrationen eingesetzt wird, versperrt in dem kurzen Mitschnitt mächtig eine der Zufahrtsstraßen des Platzes. Vereinzelt laufen junge Menschen durch das gleißende Scheinwerferlicht, weg vom Ort des Geschehens.

Um 0.19 Uhr sprach der zuständige Einsatzleiter einen generellen Platzverweis aus. Polizeiangaben zufolge löste sich der Großteil der Ansammlung in der Folge auf. Jedoch sei es zu Flaschenwürfen in Richtung des Wasserwerfers gekommen. Drei Männer wurden von Be­reit­schafts­po­li­zis­t:in­nen vorläufig festgenommen. Viele Feiernde zog es jedoch in die umliegenden Straßen. Abseits des Bereiches um den Alma-Wartenberg-Platz besteht nämlich kein Alkoholverbot.

So sammelten sich manche Feiernde, unter ihnen Tobias Bülow, gegen 1 Uhr am nahegelegenen Kemal-Altun-Platz. Auch dort war die Polizei präsent und kontrollierte die Einhaltung der Corona­verordnungen, so seine Erinnerung. „Wir saßen in einer kleinen Gruppe auf dem Rasen, als ich plötzlich eine Rudelbildung bemerkte. Ich dachte: Ich muss da hin.“

Als er sich der Situation näherte, seien bereits 20 bis 30 Menschen zur Stelle gewesen, manche hätten ein Video mit ihrem Smartphone gemacht. „Ein Polizist hatte einen jungen Mann auf dem Boden fixiert, er hatte sein Knie im Bereich des Brustwirbels“, sagt Bülow. „Seine Kollegin hat versucht, den Leuten ihre Handys aus der Hand zu schlagen.“ Bülows Freunde hätten ihn dann vom Geschehen entfernt. „Sie meinten zu mir, ich wüsste, was gleich passieren würde.“

Ein anderer Augenzeuge berichtet von zwei oder drei herbeieilenden Streifenwagen, die zur Unterstützung angefordert worden seien. Die Po­li­zis­t:in­nen sicherten den Bereich ab und die Menschentraube löste sich auf. Später teilte die Polizei mit, dass sich der junge Mann, ein 18-Jähriger, den behördlichen Maßnahmen widersetzt habe. Nach einem Platzverweis sollten seine Personalien festgestellt werden. Er wurde festgenommen und auf die Wache transportiert.

Es war nicht das erste Mal, dass es am Wochenende zu solchen Auseinandersetzungen kam. Katharina Fegebank, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, verglich das Verhalten der 4.000 Menschen, die sich am letzten Maiwochenende in der Sternschanze zum ausgiebigen Feiern versammelten, mit Alkoholexzessen auf Mallorca: „Auf dem Ballermann geht es zurzeit gesitteter zu als auf dem Schulterblatt“, teilte sie am 30. Mai mit.

Die Hamburger Innenbehörde reagierte mit der Anordnung von strikten Alkoholverboten in verschiedenen Bereichen Hamburgs. Seit dem 4. Juni gelten die Reeperbahn, die Sternschanze, der Alma-Wartenberg-Platz und andere beliebte Treffpunkte als sogenannte „Hotspots“, innerhalb derer an Wochenenden das Verkaufen und Mitführen von alkoholischen Getränken vom Abend an verboten ist, das Trinken von Alkohol ist schon nachmittags nicht mehr erlaubt.

Die Geschehnisse vom Alma-Wartenberg-Platz zeigen, wie die feierwillige Bevölkerung auf die Hotspot-Strategie reagiert: Sie weicht aus

Doch die Geschehnisse vom Alma-Wartenberg-Platz, aber auch die Auflösung eines Raves im Hamburger Stadtpark in der Nacht des 5. Juni zeigen, wie die feierwillige Bevölkerung auf die Hotspot-Strategie reagiert: Sie weicht aus. Gefeiert wird trotzdem, nur eben nebenan.

Die Regierungsparteien halten die geltende Hotspot-Strategie für sinnvoll. Sören Schuhmacher, innenpolitischer Sprecher der SPD, sagt: „Diese Gebiete zu Hotspots zu erklären, gibt der Polizei die rechtlichen Befugnisse, frühzeitig einzugreifen und Infektionsrisiken zu verhindern.“ Sina Imhof von den Grünen meint, sie könne den Unmut der Jugendlichen nach 15 Monaten Pandemietunnel zwar nachvollziehen, jedoch sei die Gefahr der Pandemie noch nicht gebannt: „Die Bürgerschaftsfraktion der Grünen wird sich weiterhin dafür einsetzten, dass die Coronaverordnung eingehalten wird.“

Deniz Celik von der Linksfraktion nimmt dagegen die Regierung in die Pflicht: „Es kommt darauf an, auch jungen Menschen Angebote zu machen, dies fand im Verlauf der Zeit nicht statt.“

Am vergangenen Dienstag kündigte Hamburgs SPD-Bürgermeister ­Peter Tschentscher an, dass sich ab dem 11. Juni nunmehr 10 Personen aus beliebig vielen Haushalten unter freiem Himmel treffen könnten. Während eine Strategie zur Öffnung von Klubs, Discotheken und Tanzlokalen ausbleibt, sollen „die jungen Leute das Leben an der frischen Luft genießen“ – außer eben an den Hotspots. Dafür sollen Veranstaltungen mit 100 Teilnehmenden in Innenräumen und 500 Besuchenden in Außenbereichen unter strengen Auflagen genehmigt werden. Auch ein abgespeckter Sommerdom ist geplant.

Vielleicht könnte Hamburg ja sogar vom echten Ballermann lernen. Dort soll es nach einem Bericht der ­Mallorca-Zeitung zu Konflikten zwischen Feiernden und der Polizei gekommen sein, nachdem das oberste spanische Gericht die Aufrechterhaltung nächtlicher Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen für rechtswidrig erklärt hatte. Daraufhin, so die Zeitung, trafen sich in der Nacht des 3. Juni Hunderte Menschen an der Playa de Palma und missachteten die geltenden Corona­regeln.

Der spanische Branchenverband der Klubs und Diskotheken legte der balearischen Regierung kure Zeit später einen Stufenplan zur Öffnung der Lokale vor: Es sei nur möglich, illegale Partys zu verhindern, wenn man Klub­besuche unter Auflagen ermögliche, so die – nicht ganz uneigennützige – ­Argumentation.

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