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Politisches Wrestling„Fuck ICE“-Chöre

Der Wrestler Brody King ist eine der bekanntesten US-Sportler, die die Migrationspolitik der Regierung kritisieren. Das macht ihn zur Attraktion.

Begeistert auch mit klarer politischer Haltung: Brody King bei einem Kampf vergangenen September Foto: Carlos Santiago/imago

M it rund 132 Kilogramm und einer Größe von knapp zwei Metern, die meisten Flächen davon tätowiert, ist Brody King eine beeindruckende Gestalt. Der Rauschebart, die großen Hände und braun-schwarzen Augen runden seine bedrohliche Erscheinung ab. Dabei ist der 38-Jährige alles andere als bösartig. Zumindest nicht, wenn man hinter seine Rolle als Profiwrestler schaut.

Denn seit er im Juni 2025 mit einem „Abolish ICE“-Shirt (zu Deutsch: Schafft ICE ab) bei einer Show in Mexiko aufgetreten ist, jubelt das US-Publikum dem Hünen zu. Mittlerweile hat sich Brody King zu einer Attraktion entwickelt: Kaum steigt er in den Ring, bebt die Halle vor „Fuck ICE“-Chören. Damit ist er aktuell eine der prominentesten Figuren im US-Sport, die sich gegen die radikale Migrationspolitik stellen.

Doch wenn sich im Professional Wrestling muskelbepackte Ath­le­t:in­nen gegenseitig schlagen, durch Tische werfen und von Ringseilen springen, obwohl Sieg und Niederlage von vornherein festgelegt sind, ist das für viele unverständlich. Für andere ist es Unterhaltung auf höchstem Niveau und eine Art modernes, körperbetontes Theater. Wie auch immer man zum Wrestling stehen mag, es ist immer ein Medienspektakel. Die weltweit größte Wrestling-Organisation WWE prägte mit Wrestlemania die Popkultur wie kaum ein anderes Sportevent. Daraus entstanden große, wenn auch nicht unproblematische Namen wie Hulk Hogan, Dwayne „The Rock“ Johnson und John Cena.

Die Trump-freundliche WWE galt lange als konkurrenzlos, bis sich 2019 die Organisation AEW gründete – und entgegen aller Erwartungen behaupten konnte. Seitdem ist AEW nicht nur exponentiell schnell gewachsen, sondern hat sich immer wieder queer- und migrationsfreundlich präsentiert. Und der größte Fürsprecher für die Trump-kritische Haltung von AEW ist der hünenhafte Brody King.

Hype hat US-Talkshows erreicht

Dass das Publikum sich lautstark bemerkbar macht, ist im Wrestling keine Seltenheit. Dass dem gerade ein so starker politischer Charakter innewohnt, hingegen schon. Doch es ist ein organisch entstandener Zuspruch, der zeigt, wie schnell sich Widerstand ausdrücken kann.

Der Hype rund um Brody King und seine deutliche Haltung hat auch die US-Talkshows erreicht. „Last Week Tonight“, eine der populärsten Late-Night-Shows, und ihr Moderator John Oliver griffen das Spektakel dankend auf: „An alle Beteiligten: sehr gut gemacht.“ Und seitdem sich die Chöre als Kings Markenzeichen etabliert haben, ist er noch öfter in den AEW-Shows zu sehen. Inzwischen stimmt die Menge sogar „Fuck ICE“ in Matches ohne seine Beteiligung an.

Sport und Politik lassen sich ebenso wenig trennen wie die WWE und Donald Trump. Immer auf das größtmögliche Medienspektakel bedacht, trat dieser dort mehrere Male in den 2000er Jahren auf, unter anderem bei Wrestlemania 23, wo er nach dem „The Battle of the Billionaires“ dem WWE-Eigentümer Vince McMahon die Haare scheren durfte. AEW nimmt davon Abstand und lehnt im Gegensatz zur WWE auch vehement Geschäfte mit Saudi-Arabien ab.

Dass Brody King sich als Anti-ICE-Riese positioniert, passt in die liberale Ausrichtung der vergleichsweisen jungen Organisation. Doch das Politische um seine Person wird auch in deren Shows aufgegriffen. So sagte in einem der für das Wrestling typischen Wortgefechte ein anderer Wrestler: „Noch nie in meinem Leben habe ich jemand so liberalen wie dich getroffen, der trotzdem wie ein Nazi aussieht.“

Am 15. März hat Brody King bei der Veranstaltung „AEW Revolution“ in Los Angeles seinen nächsten großen Auftritt. Und jeder weiß, was die Menge dort anstimmen wird.

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Martin Seng
Autor
Hat Politik- und Literaturwissenschaft in der ältesten Stadt Deutschlands studiert. Journalistische Zwischenstationen bei Der Spiegel, dem WDR, SWR und weiteren. Schreibt für diejenigen, die es interessiert, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung & Sonntagszeitung, Die Zeit, Surplus und natürlich die tolle taz. Beschäftigt sich mit Politik und Propaganda in den Medien und im Sport, das Neuland namens Internet und Extremismus. Liebt Hemingway und Arendt, bewundert Tarr und Miura, kritisiert Tech-Oligarchen. Wurde mal von Maximilian Krah verbal diffamiert. Schreibt (wie vermutlich alle Journalist:innen) an einem Buch.
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