Politikerin über „Arisierungsmahnmal“

„Gedenken muss konkret sein“

In Bremen fehlt immer noch der richtige Platz für das Gedenken an die wirtschaftliche Vernichtung der Juden. Kai Wargalla erzählt warum.

Junge Menschen demonstrieren vor dem - mittlerweile abgerissenen - Firmensitz der Logistikfirma Kühne und Nagel wegen deren Beteiligung an der wirtschaftlichen Vernichtung der Juden

Kundgebung am Firmensitz: Kühne und Nagel war Hauptprofiteur der „Arisierung“ Foto: Michael Bahlo

taz: Frau Wargalla, warum wollen die Koalitionsfraktionen die Aufstellung des „Arisierungsmahnmals“ noch einmal in die Länge ziehen?

Kai Wargalla: Wollen wir das?

Vor der Wahl war der Mahnmalstandort an den Wesertreppen geeint – nun soll noch ein weiterer an den Arkaden geprüft werden …

Das Ganze zieht sich, das stimmt. Es sind viele kleine Schritte, die dauern. Im Moment bemühe ich mich darum, dass wir mit der Prüfung des Arkadenstandorts trotz haushaltsloser Zeit anfangen können, sonst müssten wir noch bis Sommer warten. Der alternative Standort an den Arkaden an der Wilhelm-Kaisen-Brücke wurde von der zivilgesellschaftlichen Initiative vorgeschlagen und von der Künstler*in und der jüdischen Gemeinde unterstützt. Ich finde, das Ziel muss ein würdiges Gedenken sein.

Was ist so schlecht an den Weserstufen?

Er bedeutet einen großen Einschnitt in die künstlerischen Aspekte des Mahnmals. Der Schacht, durch den man von oben herabsieht, ist mehrere Meter kürzer als vorgesehen – und damit eigentlich gar kein Schacht mehr. Die Leere wird dort nicht so gezeigt, wie beabsichtigt. An den Stufen ist außerdem immer viel los, dort ist vor Weihnachten der Schlachtezauber, es wird getrunken und Party gemacht. Am Arkadenstandort ist es ruhiger. Man kann sich dort gezielter auf das Mahnmal konzentrieren, statt dass man nur zufällig bei einem Bier darauf sitzt.

Jahrgang 1986, ist kulturpolitische Sprecherin der Bürgerschaftsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, in die sie 2017 erstmals als Nachrückerin einzog. Um die Trennung von Amt und Mandat zu wahren, kandidierte sie deshalb 2018 nicht mehr fürs Amt der Sprecherin des Landesvorstands. Bei der Wahl 2019 zog sie von Listenplatz 14 über Personenstimmen ins Parlament ein.

Warum hat man sich den ganzen Ärger nicht gespart und das Mahnmal direkt vor den Neubau von Kühne + Nagel gesetzt?

Das wäre der richtige Ort gewesen. Es gibt auch keinerlei fachliche Argumente dagegen. Klar ist: Die Grünen waren für ein Mahnmal am Neubau, bis zum Schluss. An uns lag es nicht. Insofern war es die SPD, die sich dagegen gestellt hat, Kühne + Nagel so etwas zuzumuten. Ich möchte wirklich keine neuen oder alten Gräben aufmachen, ich will nach vorne schauen. Aber wenn ich nach dem Warum gefragt werde, gehört das zur Wahrheit dazu.

Vielleicht hatte die SPD Angst vor Konsequenzen? Bei der Grundsteinlegung vom neuen Gebäude hat Klaus-Michael Kühne über die Auflagen der Stadt gemeckert – und gesagt, dass er auch nach Hamburg hätte gehen können …

Man darf sich von Unternehmen nicht erpressen und dermaßen unter Druck setzen lassen. Klar, Politik lebt von Kompromissen. Aber es gibt Themen, bei denen muss man rote Linien ziehen, um die eigenen Ideale nicht zu verraten. Ich habe als einzige dagegen gestimmt, als sich der Koalitionsausschuss 2017 für den Stufenstandort an der Schlachte entschieden hat, schön neutral ein paar Hundert Meter vom Unternehmen entfernt. Das war nicht einfach, der Druck war groß, intern und öffentlich. Aber die Frage ist doch: Wem gegenüber will man solidarisch sein – Kühne + Nagel oder unseren jüdischen Mitmenschen? Ist einem in erster Linie das würdige Gedenken wichtig oder das Wohlwollen eines reichen Mannes?

Was hebt den Konzern heraus?

Das Mahnmal ist eine Chance, etwas zu thematisieren, das sehr lange verschwiegen wurde – die wirtschaftliche Dimension des Holocaust, die Beraubung und Existenzvernichtung der Jüd*innen. Die Firma war Hauptakteur und Hauptprofiteur der „Aktion M“: Die haben geraubte Möbel von jüdischen Deportierten durch Europa nach Deutschland transportiert und mit dieser sogenannten „Arisierung“ jüdischen Eigentums gut verdient. Die Firma wurde mehrfach als „NS-Musterbetrieb“ ausgezeichnet. Der jüdische Miteigentümer Adolf Maas musste 1933 die Firma verlassen. Aber bei ihrer großen Jubiläumsfeier auf dem Marktplatz 2015 hat Kühne + Nagel die Nazizeit aus ihrer Firmengeschichte einfach ausgelassen.

Und der Sinn des Denkmals ist es, die Schuld dieser Firma allen unter die Nase zu reiben?

Ja und nein. Gedenken muss übergreifend, aber auch konkret sein. Als Gesellschaft ist es unsere dringlichste Aufgabe, zu erinnern, damit so etwas nie wieder passiert. Das mag total abgedroschen klingen. Aber das darf es nicht, es sollte durch Mark und Bein gehen, wenn man es liest, wenn man es hört und wenn man es sagt. Und dieses Mahnmal im Speziellen ist wichtig, weil Kühne + Nagel, aber eben auch ganz Bremen eine besondere Verantwortung für die massenhafte Beraubung der Jüd*innen tragen.

Inwiefern?

Es wurde profitiert von allen, von der Stadt, den Unternehmen, von den Menschen. Die Bremer*innen damals haben sich doch gefreut, so günstige Möbel und andere Sachen zu ersteigern, die zuvor den Jüd*innen geraubt wurden. Daran erinnern sich viele vielleicht nicht so gerne. Umso bemerkenswerter finde ich, dass das Mahnmal aus zivilgesellschaftlichem Engagement entstanden ist. Es wurde von unten eingefordert und nicht von oben aufgestülpt. Das gibt auch mir den Rückhalt, in der Frage konsequent zu bleiben.

Bei der Bürgerschaftswahl hatte die Partei Sie auf einen hinteren Listenplatz gestellt: Hat man Ihnen Ihre Positionierung übelgenommen?

Die Partei hat sich so entschieden, die Wähler*innen haben sich anders entschieden und mich ins Parlament gewählt, dafür bin ich von Herzen dankbar. Es ist ein großes Privileg. Das Ding ist halt: Es geht in der Frage des Mahnmals nicht um mich als Person. Das geht es ohnehin nicht. Ich trage in meiner Rolle eine gesellschaftliche Verantwortung und der versuche ich gerecht zu werden. Das zählt am Ende. Kein Ego und kein Listenplatz.

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