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Plädoyer für soziale Landwirtschaft

Großes Bündnis aus Gewerkschaftern, Ökologen und Verbraucherschützern diskutiert über Agrarwende und Qualitätszeichen: Siegel dürfen nicht zum Alibi für eine verpasste Kurskorrektur werden. Handel habe die Schlüsselrolle für die Bio-Offensive

aus Berlin MANFRED KRIENER

Wie viel Siegel braucht der Mensch? Mindestens zwei, sagt die Bundesregierung. Sie bastelt derzeit neben dem neuen Bio-Siegel an einem zweiten Logo für Qualitätsprodukte aus „normaler“ Landwirtschaft, die zwar nicht „Bio“ sind, aber ein bisschen umweltschonender und artgerechter als das, was sonst aus deutschen Ställen und Äckern kommt. Das zweite Siegel ist allerdings umstritten. Kritik kam auf der Berliner „Fachtagung zu Lebensmittel-Qualitätszeichen“ mit Gewerkschaftern, Ökologen und Verbraucherschützern vor allem vom Bund für Umwelt- und Naturschutz.

BUND-Vorstand Hubert Weiger warnte davor, die versprochene Agrarwende auf Qualitätssiegel zu begrenzen und die große Kurskorrektur in der Landwirtschaft zu verpassen. Wichtiger als ein zweites Siegel sei eine Definition von Mindeststandards für alle landwirtschaftlichen Betriebe. Dazu gehörten ein Verbot für Antibiotika-Leistungsförderer in der Tierhaltung, ein Bann für gentechnisch manipuliertes Futter und – die Begrenzung von Gift und Gülle.

Während die Verbraucherschützer noch die Wiederentdeckung der Verbrauchermacht konstatierten, goss Weiger kräftig Wasser in den Wein: „Während wir hier über Agrarwende und neue Siegel diskutieren, entstehen in Europa riesige Intensivställe in ganz neuen Dimensionen.“ Er verlangte eine Negativ-Kennzeichnung für Produkte aus dem Turbostall. Fleisch und Eier aus tier- und umweltschädlicher Intensivhaltung müssten für den Käufer klar erkennbar sein.

Edda Müller vom Bundesvorstand der Verbraucherschutzverbände stimmte der Politik von Ministerin Renate Künast weitgehend zu, vermisste aber den „wehrhaften Verbraucher“. Es reiche nicht, neue Siegel zu schaffen, wenn der einzelne Verbraucher keine Klagerechte gegen Täuschungen habe.

Für Müller haben weder Bauer noch Verbraucher, sondern die Händler die Schlüsselrolle für die Qualitäts- und Bio-Offensive. „Wir müssen den Handel mitnehmen und sollten uns nicht nur auf Erzeuger und Verbraucher fixieren.“ Müller widersprach der These, dass Lebensmittel ausschließlich über den Preis gekauft werden. Für gestresste Väter und Mütter sei der Zeitfaktor, die Erreichbarkeit das wichtigste Kriterium beim Einkauf. An zweiter Stelle werde das Kaufverhalten von der Glaubwürdigkeit eines Produkts oder einer Marke beeinflusst, erst an dritter Stelle vom Preis. Genuss und Geschmack als Kriterium für Qualität spielten in der morgendlichen Diskussion keine Rolle, sie wurden mit keinem Wort erwähnt. Dagegen fand der unermüdliche Ruf der Gewerkschafter, die sozialen Kriterien bei Agrarwende und Qualitätszeichen nicht zu vergessen, zumindest teilweise Gehör. Franz-Josef Müllenberg, Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, stellte neben die artgerechte Tierhaltung provokativ die „artgerechte Arbeitnehmerhaltung“ in Schlachthöfen und Verarbeitungsbetrieben und wies auf Stundenlöhne von 7,70 Mark hin. Das saß.

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