Pfarrerin Gniewoß über Flüchtlingshilfe: „Lasst uns Menschen in Not helfen“

Ute Gniewoß hat sich zwei Jahre vorfristig in den Ruhestand versetzen lassen. Damit sie mehr Zeit hat, sich einem Projekt auf Lesbos widmen zu können.

Pfarrerin Ute Gniewoß steht für ein Porträt im Turminneren der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche

„Machen Sie Urlaub auf Lesbos!“, sagt Pfarrerin Ute Gniewoß, hier in der Heilig-Kreuz-Kirche Foto: Sophie Kirchner

taz: Frau Gniewoß, wann waren Sie eigentlich zum ersten Mal auf der Mittelmeerinsel Lesbos?

Ute Gnieowß: 2014. Nicht als Urlaubsreise, sondern ich habe zum ersten Mal das Camp von Lesvos Solidarity besucht. Das ist eine griechische Initiative, die Flüchtlingen Hilfe leistet. Ich habe über meine Kirche von dem Projekt erfahren. Seitdem habe ich jedes Jahr meinen Urlaub genutzt, um dort mitzuhelfen. Ich habe Container sortiert, gespendete Kleidung ausgegeben und Deutsch und Englisch unterrichtet.

Das heißt, Sie haben seit 2014 keinen richtigen Urlaub gemacht? Sie sind 64 Jahre alt. Braucht Ihr Körper keine Regenerationszeiten?

Ja, ich merke schon, dass ich so lange keine richtige Auszeit hatte. Aber die Gemeinschaft in dem Projekt auf Lesbos und die wunderschöne Natur dort geben mir viel zurück.

Im vergangenen Sommer war das Thema der Flüchtlinge aus Lesbos hier in Berlin sehr präsent, als das Lager Moria brannte. Ich selbst habe mehrfach für die Aufnahme von Lesbos-Flüchtlingen nach Berlin demonstriert. Jetzt ist das Thema in Vergessenheit geraten. Zurecht?

Die Luft ist ja raus, weil die Bundesregierung nicht dazu zu bewegen war, eine größere Zahl Flüchtlinge von den griechischen Inseln aufzunehmen. Sie verweigerte ja selbst die Aufnahme durch die vielen willigen Kommunen, was skandalös ist. Das Problem regelt sich gerade anders: Griechenland hat in den letzten Monaten viele Asylfälle auf Lesbos positiv entschieden. Die Mehrheit dieser Menschen landet dann obdachlos auf dem griechischen Festland. Aber einige kommen auch, völlig legal, nach Deutschland und beantragen hier erneut Asyl. Im Moment werden sie nicht nach Griechenland zurückgeschoben.

Ich meinte etwas anderes: Der Protest richtete sich gegen die miserablen Lebensbedingungen auf Lesbos. Haben die sich verbessert?

Nein. Derzeit leben rund 5.000 Menschen in dem Lager Moria 2 unter miserabelsten Bedingungen. Sie müssen in großen Zelten hausen, ohne jede Privatsphäre. Jetzt im Sommer gibt es keinen Schatten und im Winter keinen Schutz vor Kälte und Regen. Die Zelte haben keinen Fußboden. Die sanitären Bedingungen sind furchtbar. Die Menschen erhalten eine Mahlzeit pro Tag. Jede/r vierte BewohnerIn dort ist ein Kind. Es gibt auch zahlreiche Menschen mit Behinderung. Die Flüchtlinge können die Insel nicht verlassen. Sie kommen überhaupt nicht auf die Fähren. Die Perspektivlosigkeit zermürbt sie.

Die Person Ute Gniewoß wurde 1956 in Leverkusen geboren. Sie studierte in Aachen, Münster und Berlin Kunst, Pädagogik und Theologie. Nach dem Vikariat, dem praktischen Teil der Ausbildung zur evangelischen Pfarrerin, fand sie keine Anstellung im Kirchendienst und arbeitete als Sozialarbeiterin in Neukölln. 1992 trat die alleinerziehende Mutter ihre erste Pfarrstelle in Velten bei Oranienburg an. 2016 wechselte sie in die Heilig-Kreuz-Passion-Kirchengemeinde in Kreuzberg. Ende Juni trat sie in den vorzeitigen Ruhestand.

Das Projekt Lesvos Solidarity ist eine griechische Hilfsorganisation auf der Insel Lesbos, bei der auch internationale Freiwillige mitwirken. Bis letzten Herbst betrieb die NGO auf Lesbos ein eigenes, selbst verwaltetes Camp für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge. Das wurde von den Behörden untersagt. Jetzt kümmert sie sich um anerkannte Asylberechtigte, die auf der Insel Fuß fassen, um Rechtsberatung und Öffentlichkeitsarbeit. Über die Webseite www.lesvos­solidarity.org kann man zur Unterstützung Taschen kaufen, die die Flüchtlinge aus Rettungswesten und Schlauchbooten fertigen (siehe Foto oben).

Spenden nimmt die Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion entgegen. Empfän­gerin: Ev. KKV Berlin Mitte-Nord, IBAN: DE 51 1005 0000 4955 1922 41, Berliner Sparkasse (BIC: BELADEBEXXX), Verwendungszweck: Lesbos. Für eine Spendenquittung auch Namen und vollständige Adresse angeben. Als Unruheständlerin nimmt Ute Gniewoß Einladungen von Kirchengemeinden und interessierten Gruppen an, um über das Projekt zu sprechen; Kontakt über E-Mail: u.gniewoss@heiligkreuzpassion.de. (mai)

Wie werden sie von Hilfsorganisa­tio­nen wie Lesvos Solidarity erreicht?

Die Bewohner dürfen nur drei Stunden pro Woche das Camp verlassen. Offiziell wird das mit den Covid-19-Fällen in Moria 2 begründet. Die Wahrheit ist aber, dass die Regierung die griechische Bevölkerung möglichst wenig mit Flüchtlingen konfrontieren will. Wenn man überhaupt etwas Gutes über Moria 2 sagen kann, dann: Das Lager liegt in der Nähe der Inselhauptstadt. Die kann man zu Fuß erreichen und dort Kontakt zu Hilfsorganisationen aufnehmen. Das soll sich aber ändern. Athen plant ein neues Camp, das zehn Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt liegt. Dort sollen die Flüchtlinge kaserniert werden, ohne Kontakt zur lokalen Bevölkerung.

Darf Lesvos Solidarity im Camp selbst arbeiten?

Nein. Es gibt NGOs, die das dürfen. Sie dürfen aber nicht mehr öffentlich zu Details ihrer Arbeit sprechen. Wir wissen aber, dass die Geflüchteten selbst eine Schule im Camp gegründet haben, um den Kindern eine Perspektive zu geben. Bis letzten Oktober hat Lesvos Solidarity das kleine, beispielhaft selbstverwaltete Camp Pikpa auf der Insel betrieben. Der UNHCR schickte dorthin besonders verletzliche Geflüchtete. Die Behörden haben Pikpa mit großem Polizeiaufgebot geräumt. Dabei hat das Camp die Behörden keinen Cent ge­kostet. Es finanzierte sich aus­schließlich aus Spenden. Der einzige Grund für die Schließung war, dass der Staat und Europa an den Außengrenzen keine Willkommenskultur zulassen wollen.

Was kann Lesvos Solidarity, die Gruppe, die Sie unterstützen, dann eigentlich noch tun?

Sie arbeiten mit anerkannten Asylberechtigten. Mit ihnen gemeinsam werden jetzt drei Häuser auf der Insel instand gesetzt, in denen sie wohnen können. Solange die Behörden das noch erlauben. Die Geflüchteten nähen beispielsweise Taschen aus Rettungswesten und Schlauchbooten. Die können ihre LeserInnen übrigens im Internet unter lesvossolidarity.org/en kaufen. Der Erlös kommt den Geflüchteten direkt zugute. Lesvos Solidarity bietet außerdem Rechtsberatung, psychosoziale Hilfe und Unterricht an. Sie organisiert politischen Protest und kümmert sich um Zusammenarbeit im lokalen Raum und mit internationalen Organisationen.

Frau Gniewoß, Sie sind Pfarrerin und haben sich Ende Juni zwei Jahre vorfristig in den Ruhestand versetzen lassen, um sich ausschließlich dem Lesbos-Projekt widmen zu können …

Nicht ausschließlich, aber mehr als bisher. Ich bin ja auch noch mit der Suche nach einer Wohnung beschäftigt. Das ist in Berlin schwierig. Ich musste aus meiner Dienstwohnung ausziehen und wohne jetzt befristet in einem Wohnprojekt.

Okay. Das zeigt aber, dass für Sie als Pfarrerin der vorzeitige Ruhestand noch einmal eine größere Zäsur ist als für Menschen in anderen Berufen. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Wenn ich mich mit Frauenbiografien beschäftige, dann wird mir bewusst, dass für viele Frauen die Zeit, die wir nicht mit der Betreuung der Kinder oder der Pflege alter Eltern zubringen und in der wir selbst noch nicht gebrechlich sind, oft sehr kurz ist. Ich hatte auch schon mehrere Rückenoperationen. Darum weiß ich: Die Zeit, die mir bleibt, ist endlich. Die will ich auch in dieses wichtige Projekt stecken.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ich gehöre einer Generation an, die nach 1968 sehr kritisch nach der Schuld ihrer Eltern während der NS-Zeit gefragt hat. Aber was ist mit meiner Generation? Ich sehe heute das massive Sterben im Mittelmeer und die Ausgrenzung und Entrechtung von Flüchtlingen an den EU-Außengrenzen als eine Schuld meiner Generation an. Wir konnten das bisher nicht verhindern. Da will ich mich an Lösungen beteiligen. Dazu ein paar ganz aktuelle Beispiele: Für eine Vielzahl der Moria-Flüchtlinge findet eine individuelle Prüfung ihrer Asylanträge gar nicht mehr statt. Die Türkei gilt aus sicherer Drittstaat, darum werden sie dorthin abgeschoben. Oder wenn das nicht möglich ist, bleiben sie ohne jede Perspektive im Camp Moria 2. Mir liegen auch Berichte vor, dass Flüchtlinge auf dem Meer vom griechischen Grenzschutz mit bewaffneter Gewalt auf sogenannte Rettungsinseln gezwungen werden. Diese „Rettungsinseln“ werden dann in türkische Gewässer gezogen. Dort werden die Menschen sich selbst überlassen.

Was wollen Sie als Ruheständlerin für das Lesbos-Projekt tun?

Ich möchte Kirchengemeinden und interessierte Gruppen in Berlin und Brandenburg besuchen, für das Projekt werben und Spenden sammeln. Ich habe eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet und freue mich, wenn ich eingeladen werde. Letztes Jahr konnte ich 50.000 Euro weiterreichen, die über meine Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Kreuzberg kamen. Wenn wir eine Wohnung gefunden haben, fahre ich auch wieder nach Lesbos.

Eine Tasche, von Flüchtlingen auf den Insel Lesbos genäht, kann käulich erworben werden - damit unterstützt man ein Flüchtlingsprojekt

Mit dem Kauf dieser Taschen kann man das Projekt Lesvos Solidarity unterstützen Foto: Sophie Kirchner

Sie engagieren sich seit Jahren für Flüchtlinge. Als langjährige Pfarrerin im Brandenburgischen Velten haben Sie bosnische Flüchtlinge ins Kirchenasyl aufgenommen. Letztes Jahr haben Sie in der Heilig-Kreuz-Kirche eine lesbische Frau aus Uganda im Kirchenasyl unterstützt. Was motiviert Sie?

Mein Glaube und meine Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Im Matthäusevangelium sagt Jesus: „Was ihr für einen meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Eine christliche Gemeinde hat die Aufgabe, sich für Menschlichkeit und Würde für alle einzusetzen. Menschen, die ins Kirchenasyl kommen, haben oft ein jahrelanges Leben als Flüchtling hinter sich. Sie haben meist Gewalt erlebt und wären bei Abschiebung von Gewalt oder Tod bedroht.

Sind Sie eine politische Pfarrerin?

(überlegt) Ja, auch. Das Evangelium hat ja auch politische Implikationen. Wenn ich an Europas Außengrenzen denke: Ich habe oft erlebt, wie Flüchtlinge mit dem Boot in Griechenland ankommen. Sie gehen auf die Knie. Sie danken Gott. Sie filmen die Insel. Sie überbringen ihren Liebsten am Handy die Nachricht, dass sie in Europa sind. Aber dann kommt der griechische Grenzschutz und bringt sie nach Moria. Ein Schock.

Das Evangelium hat ja auch politische Implikationen. Ich habe oft erlebt, wie Flüchtlinge mit dem Boot in Griechenland ankommen. Sie gehen auf die Knie. Sie danken Gott

Warum sind Sie Pfarrerin geworden?

Ich habe mich zuerst woanders ausprobiert, habe ein Kunststudium begonnen. Im zweiten Anlauf habe ich mich für Theologie entschieden. Ich stamme aus einem autoritären Elternhaus. Meine Eltern hatten nichts mit der Kirche zu tun. Aber Kirche und Gott boten für mich schon als Jugendliche Räume der Befreiung.

Immer weniger Menschen gehen in Gottesdienste. Auf der anderen Seite ist Kirche in der Gesellschaft gefragt als Ort für soziale Arbeit, als Stimme für Randgruppen. Verschiebt sich da gerade etwas im Beruf einer Pfarrerin?

Nein. Es gibt auch jetzt die Sehnsucht nach tragenden Wahrheiten und vielleicht stärker als früher nach der Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns. Aber es ist richtig, dass es einen Relevanzverlust gibt, der sich in Kirchenaustritten niederschlägt. Da müssen wir fantasievoller und weiter werden. Aber unser Auftrag, die Welt im Namen Gottes gerechter und schöner werden zu lassen, ändert sich dadurch nicht. Für mich ist es ein Trost, dass ich in der Bibel Wahrheiten finde, die bleiben. Aber gerade in Berlin muss sich auch etwas ändern in der Kirche.

Was denn?

Wir müssen internationaler werden, mehrsprachiger, selbstkritischer. Zugewanderte ChristInnen treffen sich zum Gottesdienst oft getrennt nach Sprachgruppen. Hier muss mehr zusammengehen. Auch für uns Weiße wäre das eine Bereicherung. In allen Entscheidungsgremien der Kirche müssen mehr die Menschen vertreten sein, die das Evangelium als Entrechtete besonders im Blick hat: von Armut Betroffene, Obdachlose, Geflüchtete.

Der Bedarf nach Kirchenasyl ist riesig. Aber in Berlin sind es nur wenige Gemeinden, die Kirchenasyl anbieten. Was sind die Hindernisse?

Mit einem Kirchenasyl übernimmt eine Gemeinde eine große Verantwortung für die Schützlinge. Das kann schon aufgrund der Größe nicht jede Gemeinde leisten. Andere Gemeinden wollen das nicht leisten, weil ihnen das zu politisch ist.

Was alles muss eine Gemeinde für die Gäste im Kirchenasyl tun?

Sie kommt für die Unterbringung und die Versorgung auf. Auch für die medizinische und rechtliche Versorgung. Denn für Menschen im Kirchenasyl zahlt der Staat nichts, auch keine Krankenversicherung. Manchmal übernehmen konfessionelle Krankenhäuser und engagierte Ärztinnen und Ärzte kostenlos die Behandlungen. Genauso wichtig ist es aber, für die menschliche Begleitung der oft traumatisierten Gäste zu sorgen, und das über einen langen Zeitraum. Man sollte sie in Aktivitäten einbinden, ihren Tagen Struktur geben. Unser letztes Kir­chen­asyl dauerte zwei Jahre. Wir haben für die lesbische Frau aus Uganda einen Deutschkurs organisiert und bezahlt. Sie hat über ein Projekt gemeinsam mit anderen Frauen Fahrradfahren gelernt. Sie hat in unserer Ausgabe von Laib und Seele mitgeholfen und unsere Gottesdienste besucht. Sie hatte Kontakt zu anderen lesbischen Frauen. Insgesamt haben wir als Kirchengemeinde damit für einen Alltag gesorgt, in dem sie auch andere Menschen trifft und etwas Sinnvolles für ihr Leben tut. Das war für ihre Seele und gegen die ständige Angst enorm wichtig.

War dieses Kirchenasyl erfolgreich?

Ja.

Nach der Wende sind Sie als Pfarrerin nach Velten in Brandenburg gegangen. Sie sind Westlerin. Wie kam es dazu?

Ich stamme aus Leverkusen und bin während meines Studiums nach Berlin gekommen. Meine Kirche, die Rheinische Landeskirche, war damals die reichste Kirche Europas. Das hat mich nicht gereizt. Mich reizen Brüche. Darum habe ich mich zusammen mit einem Westkollegen für Gemeinden in Brandenburg beworben. Die Gemeinden hatte die Wahl, entweder uns zu nehmen oder die Pfarrstellen unbesetzt zu lassen. Wir waren zunächst im befristeten sogenannten Entsendungsdienst. Daraus wurden 24 Jahre.

Das war 1992. Das Ost-West-Thema war präsenter als heute. Gab es da keine Konflikte?

Das Ost-West-Thema hat mich die gesamte Zeit in Velten begleitet. Als westsozialisierte Pfarrerin wurde ich kritisch beäugt: Taugt die nichts, weil sie in den Osten geht? Oder kommt sie nur wegen der Buschzulage? (In den 1990er Jahren erhielten Beamte und Banker aus dem Westen, die in die neuen Bundesländer gingen, eine Gehaltszulage, die wurde im Osten verächtlich „Buschzulage“ genannt; in der Kirche gab es das nicht – Anm. d. Red.) Aber ich konnte überzeugen. Und auch umgekehrt: Ich empfinde die Kirche in der Ex-DDR oft als glaubwürdiger als die im Westen. Die Hierarchien sind flacher.

Und als Sie in Velten ein Kirchenasyl für bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge einrichteten, war das akzeptiert?

Ich habe meiner Gemeinde nicht gesagt: Ich möchte jetzt eine christlich-muslimische Wohngemeinschaft im Pfarrhaus gründen, was es faktisch ja war. Das wäre wohl wahrscheinlich noch nicht akzeptiert worden. Ich war damals alleinerziehende Mutter, und die Bosnier haben sogar meinen Sohn abends ins Bett gebracht, wenn ich Termine hatte. Ich habe meiner Gemeinde gesagt: Lasst uns Menschen in Not helfen. Das haben wir gemeinsam entschieden und getragen.

Dann sind Sie dennoch zurück nach Berlin gegangen?

Ich habe mich ganz gezielt in der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Passion-Gemeinde beworben. Ich habe immer mit dieser Gemeinde geliebäugelt: Wenn ich einmal wechsle, dann wollte ich dorthin. Mit der Gemeinde habe ich in Kir­chen­asyl­fällen zusammengearbeitet. Hier fühle ich mich zu Hause.

Ich habe mich ganz gezielt in der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Passion-Gemeinde beworben

Kommen wir zurück zu Ihrem Lesbos-Projekt: Wie können taz-Leser das unterstützen?

Sie können den Geflüchteten ganz direkt helfen, indem sie die von ihnen produzierten Taschen kaufen. Sie können Geld an das Projekt oder über unsere Kirchengemeinde spenden. Das fließt in den Ausbau von Häusern durch und für die anerkannten Geflüchteten, in die psychosoziale Betreuung, in Computer- und Sprachkurse. Und es gibt eine ganz andere, sehr wichtige Hilfsform: Machen Sie Urlaub auf Lesbos! Viele Menschen halten es für moralisch nicht vertretbar, in der Nähe des Elends Urlaub zu machen. Dadurch ist der Tourismus auf der Insel um 80 Prozent eingebrochen. Das verschärfte die Konflikte vieler InselbewohnerInnen mit Geflüchteten. Das war aber auf Lesbos nicht immer so. Viele InsulanerInnen selbst oder ihre Vorfahren haben eine Fluchterfahrung. Es gab zu Beginn große Anteilnahme. Eine der Gründerinnen der griechischen Initiative sagte einmal: 2015 waren wir eine Insel der Solidarität. Jetzt sind wir eine Werkstatt für Faschismus. Lesbos ist aber eine große Insel, auf der man wunderbar Urlaub machen kann. Damit unterstützt man die lokale Bevölkerung.

Frau Gniewoß, wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten und noch einmal jung wären: Würden Sie wieder Pfarrerin werden?

Ja! Das ist ein wunderbarer Beruf. Man begegnet so unterschiedlichen Menschen. Man hat Gestaltungsmöglichkeiten, lebt als Teil einer Hoffnungsgemeinschaft. Die Beschäftigung mit der Bibel empfand ich immer als fordernd und heilsam. Ich habe meinen Beruf aber nie als einen Soundsovielstundenjob empfunden, sondern als Ruf. Der ist immer da. Das führt dann zu Konflikten mit dem Privatleben: Meinen Sohn und immer mal einen Liebespartner gab es ja auch.

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