Performte Science-Fiction: Es war einmal die Zivilisation

In der Bremer Schwankhalle zeigt Jan van Hasselt „Der Bau“: eine dystopische Performance zwischen Hörspiel und Videoinstallation.

Grell erleuchteter Glaskasten auf dunkler Theaterbühne

Performer Jan van Hasselt in seiner Schaltzentrale auf der Bühne Foto: Dina Koper

Wichtig muss er wohl sein, dieser „Bau“, weil ja ständig die Rede von ihm ist. Auch dass Jan van Hasselt seine Performance nach ihm benannt hat, „Der Bau“ nämlich, darf als Hinweis auf die Bedeutsamkeit des ominösen Gebildes durchgehen. Ganz besonders verdächtig am Bau ist aber der Umstand, dass wir im Grunde nichts von ihm wissen – und sich auch bis zum Ende der Aufführung nicht viel daran ändert.

Als monumentale Leerstelle steht der Bau im Zentrum einer Geschichte, die auf der Bühne der Bremer Schwankhalle nur in Auszügen erzählt wird. Beides ist in den Performing Arts keine Selbstverständlichkeit: weder Geschichten noch dass überhaupt erzählt wird. Und obwohl auch hier abstrakte Videosequenzen und wabernde Soundlandschaften den Abend prägen, ist es tatsächlich doch Erzählung, was den Abend in der Spur hält.

Es sind acht kurze Lesungen aus dem Off, wie wahllos herausgerissene Kapitel eines Science-Fiction-Romans, der grübelnde Monolog eines Mystikers oder Szenen aus der dystopischen Umgebung des Baus zwischen Mietskasernen und den lebensgefährlichen Hinterlassenschaften einer untergegangenen Industriewelt. Wechselnde Er­zäh­le­r:in­nen sprechen ihre Texte in je sehr eigenem Ton und Tempo ein – immer aber ausdrücklich vorgelesen. Manchmal stockt das, meistens rauscht’s, einmal wird gehustet zwischendurch.

Aus einem gläsernen Kasten bedient van Hasselt seine Gerätschaften, legt Platten auf, wechselt Audiokassetten und zielt mit der Fernbedienung zur Bühnendecke, wo er seinen Projektor an- und ausknipst. Obwohl er meist sitzt und zuhört, lässt van Hasselt keinen Zweifel daran, dass er es ist, der das Material organisiert: live von Kassette und eigens gepressten Videoplatten auf Vinyl.

Der Bau: Freitag, 23.7., bis Sonntag, 25.7., 20 Uhr in der Bremer Schwankhalle

Viel zu erkennen ist übrigens auch auf den Bildern nicht: Verwaschene Szenen folgen auf geometrische Formen, die sonderbar unheilschwanger um sich selbst kreisen. Der so hübsche wie beunruhigende Eindruck, man werde körperlich reingezogen in diesen visuellen Aberwitz, rührt auch daher, dass die Videos von der Decke auf den Bühnenboden projiziert werden und man immer fürchtet, der sonderbaren Sichtachse hinterher zu stolpern.

Und darum geht es auch inhaltlich: um eine süchtige Gesellschaft am Abgrund, die Rückkehr des mystischen Denkens, um Hokuspokus, Selbstzerstörung und Rausch. Und um ein sonderbares Gas, das entweder in den Bau hinein oder aus ihm heraus gepumpt wird und Menschen bis zur Raserei enthemmt. Wichtig ist noch, dass die Gerippe der Zivilisation durchaus noch stehen: Wis­sen­schaft­le­r:in­nen machen ihre zwielichtigen Experimente, und so klandestine wie bürokratische Behörden gehen noch immer über Leichen …

Klassischer Science-Fiction-Stoff

Kurz gesagt: „Der Bau“ ist klassisch-dystopischer Science-Fiction-Stoff, der seine Vorbilder irgendwo in den 1970er-Jahren findet. In seinen besten Momenten lässt das Stück an die berühmten Strugazki-Brüder denken, im Grunde aber an eine ganze Generation von Literat:innen, die sich mit Entfremdung und Zurichtungen durch technologischen Fortschritt beschäftigt haben.

Jan van Hasselts Produktion darum als nostalgischen Beitrag zum Genre abzutun wäre allerdings falsch. Denn “Der Bau“ verstellt gleich beide üblichen Auswege aus der Phantastik: Erstens versucht sich die bruchstückhafte Erzählung nicht am Weltschöpfen. Die Szenerie lädt nicht ein zum Weiterspinnen, will kein Franchise begründen, und auch von Fan-Fiction, Pastiches, Spin-Offs und Reboots wird die Welt verschont bleiben.

Das andere Hindernis ist noch interessanter und hat auch mit der Form zu tun, also mit dem Theater. Denn auch wenn je­de:r Be­su­che­r:in beim ratlosen Taumeln aus dem Theatersaal ein Textheft zugesteckt bekommt, bleibt das Wesentliche hinter den Türen zurück. Die Erfahrung, mit Bildern und Worten bombardiert zu werden, die zwar alles Mögliche auslösen, aber keinen Sinn stiften – und auch nicht als Metapher taugen.

Finsterer Scheinsinn

„Der Bau“ ist eine umfassende körperliche und psychische Erfahrung, eine Reaktion auf sonderbar vertraute Motive, die losgelöst von der Präsentation auf der Bühne nicht denkbar wäre. Darum arbeitet Jan van Hasselt auch so betont händisch mit seinem Material – und darum greifen die Aussendungen seiner analogen Medien so explizit mit den Kompositionen von Christoph Ogiermann ineinander, der vom Pult aus die mal atmosphärisch dröhnenden, mal dekonstruktiv zerfrickelten Elektrosounds einspielt, die den Textfragmenten überhaupt erst ihren finsteren Scheinsinn beigeben.

Kurz gesagt: Der Abend kreist undurchdringlich um sich selbst, was erst mal vielleicht nicht gut klingt, sich bald aber zu einer handfesten Konfrontation mit dem eigenen Unbehagen auswächst. Hier ist nichts Metapher, alles nur ausgedacht – und es fühlt sich gerade darum so schauerlich echt an.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de