Performance über Avantgarde-Sängerin: Hemmungslos humorvoll

Das Hamburger Künstler*innen-Kollektiv Picnic obduziert Cathy Berberian. Der Sängerin war Klangkunst-Avantgarde so nahe wie großes Entertainment.

EIn Porträtfoto von Cazy Berberian vor dem Hamburger Schiller-Denkmal

Einte, „was die Mode streng getheilt“: Cathy Berberian vor Schiller-Denkmal Foto: Picnic

HAMBURG taz | Ein Tarzanschrei zum Auftakt. Mit Vorbeben folgt ein Nieser, ein „Brrrrrrrr“ wellt die Tonleiter hoch und runter, mit ­Vibrato intoniert ist ein „Boinngg“, darauf ein spitz gepfiffenes „Zisch“, Katzen-Miau, Hunde-Wau, Uhren-Ticktack, Reifen-Quietschen, Dialogfetzen, ein schmatzender Kuss und zum Finale die erschossene Fliege: „Bang!“ Mit lautmalerischem Comic-Jargon hat die US-amerikanische Mezzosopranistin Cathy Berberian das Nonsens-Lied „Stripsody“ komponiert – und kauzig pantomimisch illustriert dargeboten.

1983, zum 100. Geburtstag von Karl Marx, wollte Berberian die „Internationale“ intonieren, in Marilyn-Monroe-Piepsgesang – starb aber am Tag zuvor an einem Herzinfarkt, mit nur 57 Jahren. Hier nimmt die Hommage des Künstler*innenkollektivs Picnic ihren Ausgang. „Interdisziplinär sein bedeutet bla-bla, da-da und pic-nic“, sagen die Hamburger Künstler*innen, und mit Berberian wollen sie eine Freundin im genreübergreifenden Geiste porträtieren, die mit humorvoller Hemmungslosigkeit die Musikstile in einer geradezu surrealen Klangwelt vereinte.

Verzahnung vom Sprache und Musik

„A few words for a woman to sing“ ist die Stückentwicklung betitelt, die jetzt im Hamburger Lichthof-Theater zur Uraufführung kommt – erst mal nur als Livestream. So sollen drei Wochen Probenzeit, aber auch ein langer Kampf um Fördermittel zumindest eine vorläufige Erlösung finden. Analoge Aufführungen sind für den Februar geplant.

Der selbst gestrickten Legende nach hat sich Picnic, dem Namen gemäß, draußen gegründet – vor coronabedingt geschlossenen Theatertüren nämlich. Schauspielerinnen und Regisseur, Dramaturgin, Sängerin, Musiker/Komponist, Bühnen-/Kostümbildnerin und Videokünstlerin: Zusammen suchen sie abseits etablierter Institutionen einen eigenen Stil in der Verzahnung von Sprache und Musik. „Kommt das klassische Stadttheaterschauspiel dabei doch selten über das Einspielen von Popsongs hinaus“, so Dramaturgin Lena Carle, „der Opernbetrieb ist zu verkrustet und zeitgenössische Musik viel zu verkopft.“

Musik, Texte, Schauspiel und Film will man gleichberechtigt nutzen: Ausprobiert hat Picnic das bereits ausgehend von einem Klaus-Nomi-Video, um Facetten eines Menschen zu skizzieren hinter einer abgründig ausgeleuchteten Kunstfigur. Nicht linear biografisch, sondern assoziativ sucht das Kollektiv nun auch die bisher viel zu wenig gewürdigte Berberian theatral zu obduzieren.

„A few words for a woman to sing“: Sa, 20.15 Uhr, als Livestream; als Wiederholung: So, 18 Uhr. Online-Ticket 5 Euro. Alle Infos: www.lichthof-theater.de/programm/a-few-words-for-a-woman-to-sing-2020-11-29

Der war eine Drei-Oktaven-Stimme als geradezu unbegrenztes Instrument zu eigen: „Tristan und Isolde“ hätte sie damit singen können, entdeckte aber lieber Claudio Monteverdi neu, widmete sich Volksliedern, stellte Beatles-Hits als Barock-Koloratur-Arien satirisch aus und führte gutbürgerliche Klassik in die Farce.

In den 1960er- und 1970er-Jahren Jahren war Berberian, geboren 1925 in Attleboro, Massachusetts, aber auch eine maßgebliche Sängerin der Neuen Musik. Darius Milhaud, Igor Strawinsky, Hans Werner Henze, John Cage, Sylvano Bussotti, Bruno Maderna und Luciano Berio – mit dem sie 14 Jahre lang verheiratet war – komponierten für Berberian und die von ihr erforschten Stimmtechniken und -möglichkeiten. Sie war Muse, aber auch Medium für Werke, die nicht nur konventionell schöne Töne feiern, sondern genauso popkulturelle Bezüge, soziales Geräusch, alltäglichen Vokallaut. Mit ihr war zeitgenössische Klangkunst nie todernst.

„Posthumes Empowerment“

„Anlass für posthumes Empowerment ist diese Frau“, sagt Carle. „Gleichzeitig fragen wir nach dem Werk-Begriff: Wer ist der Schöpfer, wer bekommt die Anerkennung?“ Picnic argumentiert demnach gegen die Idee vom männlichen Genius, dessen Schöpfung die Frau dann bestenfalls mit ihrer Grazie präsentieren darf: „Wir glauben, Berberian war nicht nur maßgeblich an der Rezeption, auch an der Entstehung der Kompositionen beteiligt“, sagt Carle.

Deutlich werden soll auch, dass Berberian eine brillante Entertainerin war, ein Konzert voller Theatermomente: Sie performte mit platinblonden Haaren, selbst entworfenen Kostümen und Filmzuspielungen – und zelebrierte auch mal zu fernöstlicher Musik Gymnastik-Übungen aus dem Volksertüchtigungs-Programm der Kommunistischen Partei Chinas. Und durch „historisch weit gespannte Programme“, so Carle schließlich, „lieferte sie auch einen gewichtigen Beitrag zur Vermittlung von Musik“.

Um all dem zumindest ansatzweise gerecht werden zu können, hat Picnic die Produktion als Lecture Performance strukturiert: „Wir arbeiten andersherum als sonst üblich, erklären nämlich immer erst und spielen, zeigen es anschließend“ – neben online gefundenen Video-Artefakten dienen dazu auch Briefe Berberians. Deren Kunst analysiere man mithilfe von Susan Sontags „Anmerkungen zu Camp“, also verstanden als eine Ästhetik in Anführungszeichen, von Übertreibung und Künstlichkeit.

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