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Performance mit KIDie verlogenen Vertraulichkeiten der KI

Die Performance „Zuhause“ dekliniert in Hamburg ein scheinbar wohliges Zusammenleben mit KI durch. Ein Spiel mit gefährlich verfließenden Grenzen.

Echt virtuell: Tafelrunde mit Obst und Screen Foto: Helena Ratka

Zwei Zimmer, Küche, Bad: Hier im Pop-up-Raum Grindel haben vier Per­for­me­r*in­nen in Kooperation mit dem Hamburger Lichthof Theater ein temporäres Zuhause geschaffen, genauer: eine installative, begehbare Performance mit dem Titel „Zuhause“. Mit weichem Licht und ordentlich Kunstfell, mit Nippes, Plastikrosen und sonderbaren Stehrümchen. Mit Kinderfotos, Handschmeichlern und Spardosen auf der Ablage und mit Hochkantvideos an den Wänden.

Kaum hat man die Jacke abgelegt, steht man auch schon mitten im Schlafzimmer. Ein zerwühltes Bett thront da auf einem wackeligen Kunstfellberg, eine alte Couch ist tapfer mit Schaumgummi gepolstert. Einen Raum weiter wird man an einen runden Tisch gebeten. Er ist überreich gedeckt: Üppig quillt da ein so kunstvolles wie künstliches Lebensmittel-Arrangement aus Wassermelonen, Bananen, Trauben, Rotkohl, Äpfeln und Orangen. Dazwischen liegen Brötchen wie Brüste, ragen dicke Salamis, Gurken und Spargel phallisch in die Luft.

Lois Bartel, Ruby Behrmann, Verena Brakonier und Hye-Eun Kim haben eine Performance-WG auf Zeit gegründet. Dort hinterfragen sie die „Intimität und Nähe im Zeitalter künstlicher Intelligenz“, präsentieren ihre Experimente damit und ihr Entsetzen darüber. Die Atmosphäre ist freundlich, privat, zugewandt. Man möge sich frei durch die Räume bewegen, alles anfassen und genau betrachten. Bald werden Salzstangen und gekühlte Getränke gereicht, werden Gespräche über harmlose Privatheiten angeregt.

Da wird über Haustiere geplaudert, werden Essensgewohnheiten abgefragt. Und bald wird – wie nebenbei – die KI mit an den Tisch gebeten. Dann telefoniert Verena Brakonier scheinbar mit ihrer Mutter und tatsächlich mit einem KI-Programm. Ein Lautsprecher überträgt die Antworten dieses Bots: Er gaukelt Vertraulichkeiten vor, indem er mit „Mausefrau“ einen vermeintlichen Kosenamen benutzt, behauptet gemeinsame „Weißt du noch?“-Erinnerungen, wiederholt „Ich wollte, dass du es besser hast“-Phrasen und verstrickt sich mit „Und dann kam das Leben dazwischen“ bald in Widersprüche. Auch den süddeutschen Herkunftsdialekt der Protagonistin beherrscht das Programm nicht und verabschiedet sich dann plötzlich mit: „Wir bleiben in Kontakt, ich bin immer für dich da.“

Spätestens jetzt kommen Zweifel auf. Wie heimelig ist dieses „Zuhause“ wirklich? Sind die Kinderfilme, die über die digitalen Bilderrahmen flimmern, echt oder KI-generiert? Und warum weicht die KI aus, wenn die Performerin Lois Bartel sie später auf ein erotisches Zwischenspiel zu prompten versucht? „Ich bin respektvoll an deiner Seite“, sagt die feminine Rechner-Stimme und lässt die Performerin mit ihrer performten Lust allein. „How Deep is your Love?“, wird es später durch den Raum säuseln, um die Zu­schaue­r*in­nen zu animieren, sich einfach mal selbst zu umarmen. Ein noch so respektvoller Bot wird es schließlich nie tun.

Vielschichtige Räume, die unprätentiös und nur auf den ersten Blick zufällig wirken.

Die Grenzen zwischen der künstlichen und der realen Welt lösen sich bald auf in dieser klugen und im besten Sinne einnehmenden Performance. Wobei die „reale Welt“ hier natürlich eine hergestellte ist, und zwar von der interdisziplinär arbeitenden Künstlerin Janne S. Plutat. Vielschichtige Räume, die unprätentiös und nur auf den ersten Blick zufällig wirken, platziert neben Hito Steyerls Buch zu den neuen Bildregimen der digitalen KI-Gegenwart „Medium Hot“, ein analoges Scrabble-Spiel und ein „Knuddel mich“-Lebkuchenherz. Es sind fein gebaute, vielschichtige Räume, die unprätentiös und nur auf den ersten Blick zufällig wirken.

Spielerisch bewegen sich die vier Per­for­me­r*in­nen hindurch, kommunizieren mit ihren Chat Bots, füttern sie mit Liebesversprechen, um später mühsam mit ihnen Schluss zu machen. Immer wieder führen sie mit nur wenigen Mitteln und einer Live-Kamera bissig vor, wie male gaze und manipulativ die Macht der Bilder ist: kussmundig, stereotyp und sexualisiert. Drei Minuten Zähneputzen verwandeln sich in Nahaufnahme in einen Blowjob, Zahnpastaschaum in vermeintliches Ejakulat. Die Sache mit den Persönlichkeitsrechten stand irgendwo im Kleingedruckten, wenn überhaupt.

„Wir müssen Betroffene noch besser vor solchen KI-Bildmanipulationen schützen. Es muss leichter werden, sich gegen Verletzungen von Persönlichkeitsrechten zu wehren“, sagte die Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) erst vor wenigen Wochen und drängte auf strengere Gesetze zum Schutz vor Deepfakes. Ein Entwurf für ein digitales Gewaltschutzgesetz ist in Arbeit. Hoffentlich kommt dabei weder das echte noch das künstliche Leben dazwischen.

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