Wenn einen der Krieg nicht mehr loslässt: Die „Mutter eines Helden“ hat nicht zu weinen
Wer steht den Müttern und Ehefrauen von Soldaten in Russland bei? Zum Beispiel eine Chat-App, die Hilfe verspricht – und den Frauen Gehorsam eintrichtert.
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„Verstka“ öffnet am 4. März mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.
Ehefrauen und Mütter von im Krieg gegen die Ukraine gefallenen oder vermissten Soldaten zählen inzwischen zu einer der größten besonders verletzlichen Gruppen in Russland. Landesweit sind Initiativen entstanden, die ihre seelische Belastung auffangen sollen – von kostenloser Psychotherapie und telefonischen Beratungsangeboten bis hin zu Gesangskreisen oder Pilgerfahrten in Klöster. Doch trotz dieser Angebote berichten Tausende Frauen, dass sie Angst, Trauer und innere Anspannung kaum noch bewältigen können.
Das Medium Mediazona hat die Namen von Gefallenen überprüft, und so bis zum Ende des vierten Kriegsjahres mindestens 186.102 gefallene russische Soldaten bestätigt. Zehntausende werden nach wie vor als vermisst geführt.
Wenn Soldaten den Kontakt abbrechen und die Hotline des Verteidigungsministeriums und die Kommandeure keine Antworten geben, machen sich die Angehörigen – meist Ehefrauen und Mütter – selbst auf die Suche.
Beratung mit Regeln
Im Sommer 2024 wurde in Russland eine Art Vertrauenshotline für Angehörige russischer Soldaten eingerichtet. Das „Komitee der Familien der Vaterlandsverteidiger“ entwickelte ein Format, das schnelle psychologische Ersthilfe verspricht. Über QR-Codes auf Werbebannern in sozialen Netzwerken wie Vkontakte und Telegram werden Betroffene in einen speziellen Chat weitergeleitet. Dort bieten klinische Psychologinnen und Psychologen nach Angabe der Initiatoren rund um die Uhr kostenlose Beratung an – öffentlich im Chat oder in Einzelgesprächen.
Voraussetzung ist jedoch, dass Hilfesuchende bestimmte Regeln einhalten: keine Angaben zum Einsatzort der Soldaten, keine „politischen Aufrufe“, keine Kritik an den Streitkräften und kein respektloser Ton gegenüber den Behörden.
Innerhalb von anderthalb Jahren wurde der Chat 25.000-mal kontaktiert. Trotz des anonymen Formats werden die anonymisierten Hilfegesuche öffentlich zugänglich gemacht. Das unabhängige Medium Verstka hat mehr als tausend dieser Nachrichten ausgewertet.
In dem Chat schildern die Frauen Gewalt, Trauer und Überforderung: „Mein Mann, der zweimal am Krieg in der Ukraine teilgenommen hat, hat eine Korrespondenz von mir an jemanden mit dem Namen ‚Zhenya‘ gelesen. Er wusste nicht, dass es sich dabei um eine Frau handelt. Und er hat mir körperliche Verletzungen zugefügt. Eine Nasenfraktur mit Verschiebung des Nasenbeins, viele Hämatome. Im Krankenwagen habe ich gesagt, dass ich gestürzt bin“, schreibt eine Frau und bittet um Unterstützung.
Eine andere Nachricht ist ein schlichter Hilfeschrei: „Wir haben unseren Sohn am 4. Dezember beerdigt. Heute hat man mir gesagt, dass es ein anderer Soldat war, der beerdigt wurde.“
Die Betreiber des Projekts betonen, keine künstliche Intelligenz einzusetzen. Dennoch erinnern manche Antworten in Tonfall und Aufbau an automatisierte Textbausteine. Formulierungen wie „Ich werde versuchen, Ihnen beizustehen“, „Das ist kein Trost, das ist die Wahrheit“ oder „Lassen Sie uns das, was Sie beschrieben haben, einmal ordnen“ klingen standardisiert und distanziert.
Zugleich gibt es Antworten in deutlich schärferem Ton. So heißt es etwa: „Denken Sie daran: So grob, ironisch oder sarkastisch die Bemerkung Ihres Ehemanns auch sein mag – Ihre Antwort sollte ruhig, freundlich, möglichst knapp und zugleich sachlich sein.“In einem anderen Fall wird der Frau im Chat geraten, sie solle mit ihrem Mann vereinbaren, „dass Sie, wenn er zu Hause ist, seine aufmerksame und liebevolle Kommandeurin sind – die ihn schützen und versorgen muss“. Und weiter: „Ein Verwundeter braucht Ihre Tränen zuletzt.“ Mitunter werden die Frauen an die ihnen zugeschriebenen Rollen erinnert – als „Ehefrau eines Verteidigers“ oder „Mutter eines Helden“.
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