Osman Kavala seit vier Jahren in Haft: Türkischer Sponsor von Dialog

Für Staatschef Erdoğan ist er ein Aufrührer, der ins Gefängnis gehört. Doch Kulturmäzen Osman Kavala ist vor allem ein guter Zuhörer.

Portrait von Osman Kavala

Osman Kavala, aufgenommen 2014 während einer Pressekonferenz im EU-Parlament Foto: Wiktor Dabkowski/dpa

ISTANBUL taz | Der heute 64-jährige Osman Kavala ist ein sanfter Mann. Er spricht meist leise, stattdessen ist er ein empathischer Zuhörer, der sich in der Regel wirklich dafür interessiert, was sein Gegenüber zu sagen hat. Er glaubt an den Dialog.

Seit er 1982 einen großen Mischkonzern von seinem Vater übernahm, ist er ein reicher Mann. Um sich dem Dialog als Problemlösung für die vielen Konflikte der Türkei widmen zu können, zog er sich aus der operativen Leitung seines Konzerns zurück und geht seitdem hauptsächlich seinen kulturellen Projekten nach.

Kavala, einer der wichtigsten Sponsoren der türkischen Zivilgesellschaft, gründete den Verein „Anadolu Kültür“, der sich der Verständigung von Armeniern und Türken und von Kurden und Türken widmet. Er ließ ein Kulturzentrum in der heimlichen kurdischen Hauptstadt Diyarbakir einrichten, wo er Veranstaltungen zur friedlichen Lösung der Kurdenfrage sponserte, er finanzierte ein kurdisches Archiv, ein armenisch-türkisches Jugendorchester und vieles mehr.

„Noch“, sagte die Geschäftsführerin von Anadolu-Kültür, Asena Günal, vor zwei Tagen zur taz, könnten die meisten Projekte fortgeführt werden, doch es werde immer enger. Denn anders als viele westliche Institutionen sieht Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Kavala keinen Kulturmäzen, sondern einen Terroristen, Spion und Aufrührer, der mit Unterstützung westlicher Mächte seine Regierung stürzen will.

Mit Hilfe vom Westen

„Um diesem Narrativ nicht noch Nahrung zu geben, haben wir in den ersten Jahren, nachdem Osman verhaftet wurde, nicht so sehr auf Unterstützung aus dem Westen gedrängt“, so Günal der taz. Doch nach nun vier Jahren in Untersuchungshaft „sind wir jetzt froh über jede Unterstützung“.

Osman Kavala wird derzeit zum zweiten Mal angeklagt, jetzt wegen Spionage, nachdem man ihm weder seine angebliche Finanzierung der Gezi-Proteste noch eine Beteiligung am Putschversuch gegen Erdoğan nachweisen konnte. Bereits im Dezember 2019 hatte der europäische Menschenrechtsgerichtshof EGMR seine Freilassung aus der Untersuchungshaft gefordert, seitdem hat auch der Ministerrat des Europarates diese Forderung unterstützt und bei weiterer Nichtbeachtung des Urteils aus Straßburg mit dem Rauswurf der Türkei aus dem Europarat gedroht.

Der Brief der westlichen BotschafterInnen zum vierten Jahrestag der Verhaftung von Osman Kavala am letzten Montag, war denn eigentlich auch nicht mehr als eine Bekräftigung der Forderung nach Umsetzung des Urteils. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur afp sagte Kavala kürzlich: „Der Grund für meine fortgesetzte Inhaftierung ist das Bedürfnis der Regierung, die Fiktion am Leben zu erhalten, die Gezi-Proteste wären eine ausländische Verschwörung gewesen.“

Kavala selbst ist von der jahrelangen juristischen Farce gegen ihn völlig zermürbt. „Es geht ihm nicht gut“, sagte Asena Günal, die ihn gelegentlich besuchen darf. Kavala hat am Wochenende angekündigt, dass er sich zukünftig vor Gericht nicht mehr verteidigen wird. „Es gibt einfach keinen fairen Prozess“, schrieb er an seine Unterstützer.

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