Organspenden: Nierentausch soll möglich werden
Wer nicht jahrelang auf eine Spenderniere warten kann, dem bleibt oft nur die Lebendspende. Die Möglichkeit dazu soll jetzt erleichtert werden.
Foto: Clover/DEEPOL/plainpicture
Weit mehr als 6.000 Menschen warten aktuell in Deutschland auf eine Nierenspende, die durchschnittliche Wartezeit beträgt 8 Jahre. Mit einer Änderung des Transplantationsgesetzes sollen nun die Möglichkeiten der Lebendspende erweitert werden, am Mittwoch wird darüber im Bundestag beraten.
Von den jährlich durchgeführten Organtransplantationen ist die Nierenspende die häufigste. Unterschieden wird zwischen der Spende von verstorbenen und lebenden Spender*innen. Denn anders als bei anderen Organen ist eine Nierenspende für gesunde Personen ohne größere Gesundheitsrisiken möglich. Die Lebendspende macht bislang einen kleineren Teil der Nierenspenden aus, die Voraussetzungen dafür sind streng: Nur Personen, die sich „in besonderer Verbundenheit offenkundig nahestehen“ dürfen einander spenden. In der Regel sind das Ehepartner*innen oder nahe Verwandte. Medizinisch möglich ist eine Lebendspende zudem nur, wenn sie immunologisch zur geplanten Empfänger*in passt.
Nun ist aber folgendes Szenario denkbar: Eine Person möchte ihrem Partner gern eine Niere spenden, diese passt aber nicht. Anderswo ergeht es einem Spenderempfängerpaar genauso. In anderen Ländern – etwa den USA oder den Niederlanden – haben sich daher bereits seit Jahren sogenannte Überkreuzspenden bewährt. Dabei können mithilfe von Computeralgorithmen auch längere Ketten mit mehreren Spender*innenpaaren gebildet werden.
In Deutschland ist diese Möglichkeit nach Meinung von Expert*innen und Patient*innen seit Langem überfällig. Betroffene reisen für eine Überkreuzspende teils ins Ausland. Der aktuelle Gesetzentwurf sieht eine Änderung des Transplantationsgesetzes vor, nach der Überkreuzspenden sowie anonyme Spenden möglich würden – explizit nur für Nieren und anonym vermittelt durch eine noch zu organisierende Vermittlungsstelle. Eine psychosoziale Beratung der Spender*innen soll verpflichtend sein.
Besser als Dialyse
Der Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen Hannover, Kai Schmidt-Ott, spricht von einem „Schritt in die richtige Richtung“ und erwartet rund 100 zusätzliche Lebendspenden pro Jahr durch die Neuregelung. Bisher seien es rund 600. Auch Klemens Budde, leitender Oberarzt mit Schwerpunkt Transplantationen an der Charité Berlin, begrüßt die geplante Neuregelung. Jede zusätzliche Transplantation verkürze auch die Wartezeit für alle anderen, erhöhe die Lebensqualität und Überlebenschancen der Betroffenen und sei zudem gut fürs Gesundheitssystem. Eine Transplantation sei schon nach einem halben Jahr günstiger als eine fortgesetzte Dialyse.
Silke Schicktanz, Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin in Göttingen, bewertet die erweiterten Möglichkeiten der Lebendspende als ethisch rechtfertigbar. Sie sieht allerdings noch Schwachstellen bei der unabhängigen Beratung und Aufklärung sowie bei der Frage, ob nachträglich Geld zwischen Empfänger*innen und Spender*innen fließen könnte. Insgesamt sehen Expert*innen aber keine zusätzliche Gefahr eines kommerziellen Missbrauchs bei Organspenden.
Bis Überkreuzspenden in Deutschland gängige Praxis werden, dürfte es noch eine Weile dauern. Eine Neuregelung muss nach der Beratung am Mittwoch zunächst vom Bundestag beschlossen werden. Zu klären bleibt, welche Stelle die durchaus komplexe Koordinierung von Überkreuzspenden übernehmen soll. Angesichts des großen Mangels an Organspenden fordert etwa die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (Nierenheilkunde) über eine mögliche Erhöhung der Lebendspenden die Einführung der Widerspruchslösung für Deutschland, nach der anders als bisher aktiv widersprechen muss, wer nach dem Tod keine Spender*in sein möchte. Der Bundesrat hatte hierzu im November eine Gesetzesinitiative in den Bundestag eingebracht.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert