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Online-Shitstorm bei OlympiaIgnorant und hysterisch

In der deutschen Twitter-Sphäre gibt es einen seltsam-dämlichen Shitstorm über Chinas „Big Air“-Schanze. Dabei zeigt sie ökologischen Fortschritt.

E s gibt unzählige Gründe, die Olympischen Winterspiele in Peking zu kritisieren. Über die meisten von ihnen wird in der taz auch regelmäßig berichtet.

Doch in der deutschen Twitter-Sphäre hat sich dieser Tage ein seltsam-dämlicher Shitstorm zusammengebraut, der an Ignoranz kaum zu überbieten ist. Unzählige Journalisten und selbsternannte Experten posten derzeit zu Tausenden ein Bild, das der Live-Berichterstattung des österreichischen Rundfunks ORF entnommen ist. Es ist eine Luftaufnahme der „Big Air“-Schanze im Westen der chinesischen Hauptstadt, die inmitten einer düsteren Industrieanlage neben drei riesigen Kühltürmen steht.

Sämtliche Postings sind mit hämischen Kommentaren versehen. „Ehrlich, was machen wir eigentlich hier?“ lautet der am meisten geteilte Kommentar. Andere Nutzer vermuten gar – hoffentlich im Scherz –, dass hier neben der olympischen Stätte ein politisches Umerziehungslager für Uiguren angesiedelt sein könnte.

Mich persönlich regt diese hysterische Debatte auf. Denn sie legt offen, wie ignorant und vorschnell urteilend wir oft von Deutschland auf China blicken. Bei näherer Betrachtung wird deutlich: Die „Big Air“-Anlage, auf der Chinas Shooting-Star im Freestyle-Skilaufen Eileen Gu mit einem spektakulären „Double Cork 1620 Safety“ ihre erste Goldmedaille errungen hat, ist ein geradezu vorbildliches Beispiel dafür, wie Peking sein Umweltproblem in den letzten Jahren in den Griff bekommen hat.

Von Schornsteinen zum Kulturpark

Denn noch vor wenigen Jahren war das Areal die größte Industrieanlage innerhalb der chinesischen Hauptstadt. Dort hat der Staatskonzern Shougang ein Stahlwerk betrieben, Hochöfen haben dort seit einem halben Jahrhundert unermüdlich den Pekinger Himmel verschmutzt. Erst im Zuge der Olympischen Sommerspiele 2008 hat Pekings Stadtregierung schließlich entschieden, sämtliche Schwerindustrie aus dem Stadtgebiet zu verbannen – und das Areal stillgelegt.

Doch statt die historische Anlage abzureißen, wie man es wahrscheinlich in den 1990er Jahren noch gemacht hätte, entschlossen sich die Stadtplaner, sie zu revitalisieren. Wer das Gebiet besucht, findet längst einen Kulturpark mit Museen, hippen Cafés und hochmodernen Tech-Start-ups vor. Wo früher Schornsteine die Luft verpesteten, fahren mittlerweile selbstfahrende Taxis umher und Senioren lassen ihre Drachen fliegen. Welchen besseren Ort gibt es, um eine olympische Anlage zu errichten, als diesen?

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Fabian Kretschmer

Fabian Kretschmer Korrespondent in Südkorea

Seit 2024 Korrespondent für die koreanische Halbinsel und China mit Sitz in Seoul. Berichtete zuvor fünf Jahre lang von Peking aus. Seit 2014 als freier Journalist in Ostasien tätig. 2015 folgte die erste Buchveröffentlichung "So etwas wie Glück" (erschienen im Rowohlt Verlag), das die Fluchtgeschichte der Nordkoreanerin Choi Yeong Ok nacherzählt. Betreibt nebenbei den Podcast "Beijing Briefing". Geboren in Berlin, Studium in Wien, Shanghai und Seoul.
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4 Kommentare

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  • AusBerlin

    Und dürfen dort, neben der Kunstschneepiste, auch Uriguren ihren Drachen steigen lassen?

  • Graustufen

    Und der Stahl wird jetzt ein paar Kilometer außerhalb der Stadt umweltfreundlich erzeugt?

  • semareit

    Danke für den Blick über den Tellerrand und einer anderen Perspektive.

  • tomás zerolo

    Danke.