Ölkonzern unter Druck: Shell verseucht das Nigerdelta
Seit Jahren machen Umweltorganisationen dem Ölriesen schwere Vorwürfe für Ölunfälle in Nigeria. Ein neuer Bericht zeigt ein neues Ausmaß der Vergehen.
Foto: Seun Sanni/reuters
Sie verlaufen dicht an Häusern vorbei, schneiden Felder entzwei und queren Flüsse, aus denen Menschen fischen und Trinkwasser schöpfen: Das Nigerdelta im Süden Nigerias, dort, wo einer der längsten Flüsse Afrikas in den Atlantik mündet, ist durchzogen von einem weit verzweigten Netz aus Öl- und Gaspipelines. Das westafrikanische Land ist einer der größten Produzenten des Kontinents, der Rohstoff einer seiner größten Wirtschaftsmotoren. Doch der Preis dafür ist hoch. Jährlich kommt es zu Hunderten von Ölunfällen, mit deren Folgen die Gemeinden vor Ort leben müssen.
Ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht von Amnesty International und einem Bündnis aus weiteren Menschenrechtsorganisationen belastet nun den Ölgiganten Shell schwer. Das Papier stützt sich auf interne Dokumente des Konzerns, auf im Rahmen eines Gerichtsverfahrens in Großbritannien veröffentlichte E-Mails, vertrauliche Prüfberichte und weitere Unterlagen.
Diese legen nahe, dass die mangelhafte Wartung von Ölleitungen und Förderanlagen durch die damalige nigerianische Shell-Tochter SPDC jahrelang maßgeblich zur massiven Umweltverschmutzung im Nigerdelta beigetragen hat. Die Dokumente stützen damit die seit Jahren vorgebrachten Vorwürfe der betroffenen Gemeinden und zeichnen ein Bild systematischer Versäumnisse bei Shells Ölgeschäft im Nigerdelta.
Einer der am schwersten wiegenden Vorwürfe lautet: Anstatt beschädigte Leitungen wie vorgeschrieben zu reparieren, soll das Management Sabotageakte an Pipelines durch Öldiebe in Kauf genommen haben – trotz bekannter Umweltrisiken. Illegale Abzapfstellen seien bestehen geblieben, da deren Entfernung „erhebliche Ausfallzeiten des Systems“ zur Folge gehabt hätten. Eine Praxis, die dazu führte, dass bereits 2013 die für die Pipelinesicherheit zuständige nigerianische Firma Shell vorwarf, sich am Öldiebstahl mitschuldig zu machen.
Die Unterlagen weisen zudem darauf hin, dass marode Infrastruktur entgegen den eigenen Richtlinien nicht regelmäßig ersetzt wurde und die Tochtergesellschaft SPDC in Korruption und Regelverstöße verwickelt gewesen sein soll.
Umweltverschmutzung auf Kosten der lokalen Bevölkerung
Es ist eine ganze Reihe schwerwiegender Vorwürfe, die eine über Jahre andauernde Umweltverschmutzung auf Kosten der lokalen Bevölkerung deutlich machen. Bereits 2011 dokumentierte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) die massive Verseuchung der betroffenen Böden sowie des Grund- und Trinkwassers. Längst finden sich laut einem Bericht unabhängiger Wissenschaftler zudem Giftstoffe in der menschlichen Nahrungskette wieder, die darüber in den Blutkreislauf und das Gewebe der Menschen in den betroffenen Gemeinden gelangen.
Mal sind verrostete Leitungen und marode Anlagen die Ursache, mal zapfen Öldiebe die Pipelines an, um das Rohöl in improvisierten Raffinerien zu verarbeiten. Zurück bleibt eine Landschaft, deren Böden, Gewässer und Luft nach und nach verseucht werden. Hintergrund der offengelegten Dokumente ist ein seit 2015 dauerndes Gerichtsverfahren der nigerianischen Gemeinden Bille und Ogale, die Shell vorwerfen, jahrzehntelang Umweltverschmutzung in Kauf genommen zu haben.
Shell weist die Vorwürfe zurück. Es sei selektiv zitiert und dadurch ein irreführendes Bild erzeugt worden. Die Darstellung berücksichtige zudem nicht das damals schwierige Umfeld im Nigerdelta mit massivem Öldiebstahl, Sabotage und illegaler Raffination durch kriminelle Gruppen, sowie die Bemühungen zur Beseitigung der Verschmutzungen, heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns.
Für Isaac Osuoka ist das nicht ausreichend: „Nachdem Shell jahrzehntelang vom Öl im Nigerdelta profitiert hat, darf das Unternehmen die Risiken der veralteten Infrastruktur und der Altlasten nicht auf die Gemeinden oder auf einen Käufer abwälzen.“ Der Leiter der Organisation Social Action, die sich für Umweltgerechtigkeit im Nigerdelta einsetzt, fordert: „Shell muss seinen gerechten Anteil zahlen, unabhängig davon, ob es den Willen zur Rechenschaftspflicht hat oder nicht.“
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