: Ökologisch, sozial, erfolgreich
Unternehmen aus 20 Sektoren haben Ende 2025 den 18. Deutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen – mit Urlaubsdörfern, Gabelstaplern und Zahnbürsten
Von Kristina Simons
Nachhaltigkeit beginnt oft im Kleinen, zum Beispiel mit einer Stiftebox oder einer Dokumentenablage. Der Familienbetrieb Werkhaus aus der Lüneburger Heide produziert Büroartikel und Möbel, Wohnaccessoires, Werbemittel und Warendisplays, die sich dank modularer Stecksysteme und Gummiringen ohne Werkzeug aufbauen lassen. Keine Schrauben, keine Nägel, kein Fluchen. Die Produkte bestehen vorwiegend aus FSC-zertifizierten Holzwerkstoffen und schadstofffreien Farben. Durch das Stecksystem lassen sich die einzelnen Teile einfach wieder voneinander trennen und recyceln, außerdem flach verpacken. Das reduziert das Verpackungs- und Versandvolumen.
Im Dezember hat Werkhaus den Deutschen Nachhaltigkeitspreis (DNP) in der Kategorie „Bürobedarf und Werbeartikel“ gewonnen. Mit dem Preis werden seit 2008 Unternehmen und Organisationen ausgezeichnet, die erfolgreich ökologische und soziale Verantwortung mit wirtschaftlichem Erfolg verbinden. Die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis vergibt ihn zusammen mit der Bundesregierung, dem Rat für Nachhaltige Entwicklung, kommunalen Spitzenverbänden, Wirtschaftsvereinigungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Forschungseinrichtungen.
„Wir produzieren sämtliche Produkte an unserem Standort Bad Bodenteich und beziehen die Materialien fast ausschließlich aus Deutschland. Wenn möglich stammen sie direkt aus unserer Region, ansonsten auch aus dem Harz, dem Sauerland oder aus Brandenburg“, sagt Werkhaus-Geschäftsführerin Eva Danneberg. „Nur die Birkenholzplatten kommen aus Finnland, weil es die hierzulande nicht nachhaltig gibt.“ Danneberg hat das Unternehmen 1992 zusammen mit ihrem Mann Holger gegründet. „Seitdem arbeiten wir mit den gleichen Lieferanten zusammen.“ Natürlich seien viele Baustoffe auf dem Weltmarkt günstiger. „Aber für uns zählte von Anfang an, nur zertifizierte Materialien zu verwenden und sie so klimafreundlich und ressourcenschonend wie möglich zu beschaffen.“ Die betriebseigene Photovoltaikanlage erzeugt den Strom für die Produktion. Beheizt werden die Hallen durch das Verbrennen von Holzabfällen, die beim Fräsen und Lasern anfallen. „Zusammen mit der Ostfalia Fachhochschule experimentieren wir außerdem daran, diese Abfälle mit Pilzmyzel zu verbinden und daraus neue Werkstoffe herzustellen.“
Neben der ökologischen ist auch die soziale Nachhaltigkeit bei Werkhaus tief verankert. So gehören zu den Mitarbeitenden unter anderem Menschen mit körperlichen und seelischen Einschränkungen, Migrant:innen und Geflüchtete. 2023 hat der Familienbetrieb erstmals eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt und sich nach den Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie zertifizieren lassen.
Mit seinem Know-how aus Produktdesign und Kreislaufwirtschaft entwickelt Werkhaus unter dem Namen destinature seit 2019 nachhaltig konzipierte Urlaubsdörfer. „Wir sind eng mit dem Wendland verbunden und dort seit Jahren viel mit den Rädern unterwegs. Dort gibt es aber nur ganz wenige Übernachtungsmöglichkeiten“, so Danneberg. „Deshalb haben wir überlegt, in Hitzacker am Elbradwanderweg einfach selbst welche zu bauen, und zwar genau so, wie wir sie gerne vorgefunden hätten: mit Bio-Bistro, Bio-Bettwäsche, Bio-Körperpflege und so weiter.“ Ein Werkhaus-Designteam hat Hütten und Möbel entwickelt, gebaut werden sie ebenfalls im eigenen Werk. „Die Hütten bestehen aber nicht komplett aus Stecksystemen, das wäre etwas zu riskant.“ Neben dem destinature Dorf in Hitzacker gibt es inzwischen auch eins in der Südeifel. „In der Hochsaison sind beide Dörfer immer komplett ausgebucht.“
Dennoch kann sich das Unternehmen nicht auf seinem Erfolg ausruhen. In der derzeitigen Wirtschaftskrise sei Nachhaltigkeit in den Hintergrund getreten, kritisiert Danneberg. „Zwar nicht unbedingt bei den Kunden, aber bei den Banken. Sie unterstützen uns kaum noch. Wir setzen trotzdem weiter auf Nachhaltigkeit, schließlich sind wir Überzeugungstäter.“ Dannebergs Kinder übrigens auch: Drei von vieren sind mittlerweile ins Unternehmen eingestiegen.
Als Überzeugungstäter kann man auch Florian Kiener und Stefan Walter bezeichnen. 2016 haben die beiden in München das Start-up Happybrush gegründet, um eine nachhaltige Alternative zu Mundpflegeprodukten wie elektrischen Zahnbürsten, Zahnpasta, Zahnseide, Mundspülungen und Interdentalbürsten auf den Markt zu bringen. Dafür hat das Unternehmen den DNP in der Kategorie „Apotheken und medizinischer Handel“ gewonnen. Die Jury überzeugte vor allem „die konsequente Verankerung von Nachhaltigkeit im Kerngeschäft – und das in einer Branche, in der dies nur wenigen Unternehmen gelingt“.
Happybrush verzichtet bei seinen Produkten und Verpackungen so weit wie möglich auf Neuplastik und verwendet stattdessen recycelte Materialien oder nachwachsende Rohstoffe. Bei den Handzahnbürsten lässt sich nur der Bürstenkopf auswechseln, und für die Zahnseide gibt es Nachfüllpacks. „Seit 2019 haben wir dadurch schon 260 Tonnen neues Plastik eingespart. Das entspricht 43 ausgewachsenen Elefantenbullen“, sagt Stefan Walter. Defekte Zahnbürsten werden wieder aufbereitet und damit in den Kreislauf zurückgeführt. Auch Happybrush produziert vor allem in Deutschland. „Derzeit sind über 80 Prozent unserer Produkte ‚Made in Germany‘“, so Walter. „Dafür arbeiten wir mit ausgewählten, langjährigen Partnern zusammen, die unsere Werte teilen.“ Sozial engagiert sich das Unternehmen unter anderem, indem ein Teil des Verkaufspreises in Wasserprojekte in verschiedenen Ländern Afrikas fließt. Dafür kooperiert es mit Plan International.
Rund 40 Mitarbeitende hat Happybrush heute. Die Produkte sind inzwischen bei allen großen Drogerieketten sowie verschiedenen Einzelhändlern erhältlich. Für sein starkes Wachstum wurde das Start-up unter anderem mit dem Deutschen Gründerpreis und als Top-Innovator im Wettbewerb TOP 100 ausgezeichnet.
Auch Jungheinrich gehört zu den Gewinnern des DNP in der Kategorie „Hebe- und Fördertechnik“. Das Hamburger Familienunternehmen baut seit mehr als 70 Jahren Intralogistik: Gabelstapler, Hubwagen und inzwischen auch vollautomatisierte Intralogistik-Systeme. Es produziert inzwischen nur noch elektrische, emissionsarme Antriebe, bereitet gebrauchte Geräte industriell auf, verwendet nachhaltige Materialien und hat in seiner Strategie verankert, die Nutzung grünen Stroms bis 2030 auf 100 Prozent zu steigern und bis 2050 seine Treibhausgasemissionen auf netto null zu reduzieren. „Nachhaltigkeit ist für uns ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor und fester Bestandteil unseres Geschäftsmodells“, sagt ein Unternehmenssprecher gegenüber der taz. „Viele unserer Kunden verfolgen eigene ambitionierte Nachhaltigkeitsziele und erwarten Lösungen, die sie wirksam auf ihrem Weg unterstützen. Genau dort bieten effiziente, kreislauffähige und sichere Produkte einen messbaren Vorteil. Diese Ausrichtung stärkt unsere Wettbewerbsfähigkeit.“
Um sicherzustellen, dass auch die Lieferketten nachhaltig sind, hat Jungheinrich soziale, ökologische und Compliance-Grundsätze in seinem Lieferantenkodex verankert. „Ergänzend arbeiten wir mit Risikoanalysen, einem anonymen Hinweisgebersystem und schulen unsere Mitarbeitenden in nachhaltiger Beschaffung. Unsere Orientierung an den UN‑Leitprinzipien, den OECD‑Leitsätzen und den ILO‑Kernarbeitsnormen gibt den Rahmen vor“, so der Sprecher. Entlang der Lieferketten und gegenüber den eigenen Mitarbeitenden hat sich Jungheinrich zudem einem weltweit gültigen Kodex für Menschenrechte und Arbeitsschutz verpflichtet. Er beinhaltet Standards wie Arbeits- und Gesundheitsschutz, Gleichbehandlung sowie faire Arbeitsbedingungen.
Die drei Beispiele zeigen, dass Nachhaltigkeit längst nicht mehr nur etwas für Idealisten ist, sondern ein echter Erfolgsfaktor.
nachhaltigkeitspreis.de
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