Öko, zyklisch und vegan

Gemüse ohne Gülle

Ein Anbauverein will den bio-veganen Anbau fördern – und durch ein Siegel für Transparenz sorgen: damit es möglich wird, Obst und Gemüse ohne Tierleid zu genießen

Ohne Spur von Kot und Blut schmeckt Gemüse doppelt gut. Foto: (dpa)

OLDENBURG taz | Das meiste Obst und Gemüse ist streng genommen nicht vegan: Der Anbau ist abhängig von industrieller Tierhaltung. Zum Düngen der Pflanzen kommen neben Gülle und Mist auch Schlachtabfälle wie Blutmehl, also getrocknetes und gemahlenes Blut, oder Hornspäne, also geschrotete Hörner und Hufe, zum Einsatz.

„Selbst ökologische Landwirtschaft ist kein komplett geschlossener Kreislauf, sondern abhängig von Abfallprodukten aus konventioneller Tierhaltung“, erklärt der Diplom-Agrarwissenschaftler Daniel Mettke, der auch Vorstandsprecher und Geschäftsführer des Vereins „Biozyklisch-Veganer Anbau“ ist.

Dass sich der Einsatz tierischer Produkte und die Nutzung von Tieren in der Landwirtschaft vermeiden lassen, zeigen vegane Betriebe. „Die Betriebe sind keine klar definierte Gruppe, sie haben eine Eigendefinition davon, was für sie bio-vegan ist“, erklärt Mettke. Der Anbauverein verbindet Betriebe und AktivistInnen aus ganz Deutschland und Österreich, seinen Sitz hat er in Rheinland-Pfalz, sein Büro aber, wo Mettke arbeitet, im Wendland, in Lüchow. Ende Mai hat das Netzwerk Richtlinien veröffentlicht: Ein 80 Druckseiten starkes Regelwerk, das erlauben soll, ein biozyklisch-veganes Qualitätssiegel einzuführen und so Transparenz für die VerbraucherInnen zu schaffen.

„Wir wollen dabei keine Konkurrenz zu den Bioanbauverbänden sein, sondern sie ergänzen. Die Betriebe können sich zusätzlich über uns zertifizieren lassen. Das schafft Vermarktungsmöglichkeiten für viehlose Betriebe“, sagt Mettke. Auch solle das Label bei den KonsumentInnen überhaupt ein Bewusstsein dafür schaffen, dass man vegan angebaute Produkte nachfragen kann.

Die biozyklisch-veganen Richtlinien basieren auf den Forschungen des Walsroder Öko-Pioniers Adolf Hoops. Sie liegen derzeit zur Akkreditierung bei der International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM).

Eine Zertifizierung bekommen Betriebe, die alle Flächen bio­zyklisch-vegan bewirtschaften.

Die Lage der Felder muss geschützt vor Agrochemikalien und ähnlichen Einflüssen sein.

Anders als beim biocyclic-vegan Network, das nur kleinbäuerlich strukturierte Betriebe aufnimmt, sollen das Siegel des biozyklisch-veganen-Anbauvereins bäuerlich strukturierte Betriebe unabhängig von ihrer Größe erhalten.

Dung und Hilfsstoffe tierischer Herkunft sind verboten.

Soziale Rechte wie freie Gewerkschaftswahl und das Verbot, Land- und Bodenrechte indigener Völker zu verletzen, sind integraler Bestandteil der Richtlinien.

Die Kriterien erfüllen bereits mehrere Obst- und Gemüsebauern aus Griechenland und Zypern.

Vegane Orangen gibt’s schon zu kaufen

Orangen aus Griechenland waren schon in einer Supermarktkette zu haben, gerade sind Weintrauben nach Deutschland geliefert worden. „Ein sächsischer Biohof, der wohl im nächsten Jahr zertifiziert wird, versendet zum Beispiel Abokisten“, berichtet Mettke über die Vertriebswege.

„Durch das Angebot an bio-veganen Produkten werden Menschen überhaupt erst auf das Problem, dass Obst und Gemüse nicht vegan angebaut werden, aufmerksam“, glaubt Moritz Kortüm, der in Wingst, zwischen Cuxhaven und Stade, seit diesem Jahr eine vegane Gärtnerei betreibt.

Er bewertet das Label positiv, auch wenn er seinen Betrieb nicht zertifizieren lässt. „Dazu ist der zu klein. Es ist aber eine bequeme Möglichkeit für Leute, bio-vegane Produkte im Supermarkt zu kaufen“, so Kortüm.

Seine eigenen Produkte will er indes über eine Solidarische Landwirtschaft (Solawi) an die VerbraucherInnen bringen. „So muss ich weniger Kompromisse eingehen. Beim klassischen, kommerziellen Anbau muss man häufig einen Mittelweg suchen, etwa beim Kauf von Jungpflanzen aus nichtveganem Anbau, da man ja auch wirklich eine gewisse Erntemenge erzielen muss.“

Auch in den biozyklisch-veganen Richtlinien gibt es Kompromisse – so ist es unter Auflagen erlaubt, dass auf den Betrieben Tiere leben. Allerdings müssen sie nach ökologischen Standards gehalten und dürfen nicht kommerziell genutzt werden, ebenso wenig wie ihre Erzeugnisse. Ihre Zahl darf 0,2 Großvieheinheiten pro Hektar nicht überschreiten. Das wären beispielsweise zwei Schafe.

„Im internationalen Kontext, in Ländern, in denen kleinbäuerliche Strukturen vorherrschen, bietet dies einen Anknüpfungspunkt für die Bauern. Dort ist die Beziehung zu den Tieren enger“, so Mettke. Der Mist dieser Tiere darf in Obst- oder Weinkulturen dann auch ergänzend zum pflanzlichen Dünger verwendet werden.

Für die Zertifizierung kommen vor allem Gemüse- und Obstanbau infrage. „Beim Ackerbau gibt es Logistikpro­bleme. Um zu garantieren, dass etwa bio-veganes Getreide unvermischt mit anderen Qualitäten bleibt, müsste es extra Silos geben, dafür ist die Produktion jedoch zu klein,“ berichtet Mettke.

Die Sache mit den Bienen

Kritik an der veganen Anbauweise gibt es wegen der Nährstoffversorgung des Bodens. Auf industrieller Ebene reiche eine pflanzliche Düngung nicht aus. Auch die Erhaltung des Humus sei ein Problem. „Das ganze funktioniert auch auf kommerzieller Ebene“, ist Mettke dagegen überzeugt. „Klassische Ackerbaukonzepte lassen sich allerdings nicht einfach übertragen.“

Das liege aber eher am Produktionssystem an sich, also an der Konstruktion dieser Anbaukonzepte, nicht an der veganen Landwirtschaft. Auch die Größe der Betriebe sei kein Problem. „Das Konzept ist skalierbar. Es ist eher eine Sache des Managements. Kompost und Streudünger etwa sind teurer als tierische Düngemittel.“ Die Schädlingsbekämpfung ist ein weiterer Aspekt veganer Landwirtschaft. So wird etwa darauf gesetzt, Nützlinge durch Maßnahmen wie etwa Blühstreifen anzusiedeln, sodass ein natürliches Gleichgewicht zwischen Schädlingen und Nützlingen hergestellt wird. Bei der Bestäubung der Pflanzen sollen keine vom Menschen gehaltenen Insekten wie zum Beispiel Honigbienen zum Einsatz kommen.

„Die Betriebe werden darauf angewiesen sein, das Ökosystem so zu ertüchtigen, dass wilde Bestäuber reichen“, erklärt Mettke. „Im freien Anbau geht das, in Gewächshäusern etwa ist das schwieriger. Es gibt international Erfahrungen, wie das funktioniert. Dieses Know-how muss vermittelt werden.“

Wie schwierig es sein kann, Bestäuber anzulocken, wissen die Mitglieder des Vereins Allmende, die in Verden seit 1998 einen Gemeinschaftsgarten vegan bewirtschaften. „Wir haben früh blühende Gehölze gepflanzt, um Hummeln anzulocken. Bei uns in der Umgebung sind vor allem Roggenfelder und Kiefernwälder, da mangelt es an Befruchtern“, erzählt ein Vereinsmitglied. Da die Produkte nicht verkauft werden, ist ein Siegel für den Verein nicht relevant. „Veganer Anbau sollte aber weiter gefördert werden, es geht dabei nicht nur um Tierschutz, sondern etwa auch um den Klimawandel“, so das Mitglied.

Mettke sagt ebenfalls: „Mit Bezug auf den Klimawandel sind vegane Ernährungsalternativen relevant, um den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.“ Daher sei vegane Landwirtschaft auch für Menschen interessant, die nicht vegan leben. „Wir müssen uns langfristig Gedanken um Alternativen machen.“

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