Obdachlosigkeit in Hamburg: Tod im Altpapier
In Hamburg kam ein Mann in einer Altpapierpresse ums Leben. Die Polizei vermutet, dass er in einem Papiercontainer schlief. Das kommt öfter vor.
Foto: Hamburger Stadtreinigung
Einen grausamen Fund haben Mitarbeitende eines privaten Unternehmens für Altpapierverarbeitung an der Hamburger Borsigstraße am vergangenen Freitag gemacht. Sie fanden die Leiche eines Mannes im gepressten Altpapier. „Der Leichnam konnte mithilfe einer Fingerabdruck-App auf dem Dienst-Smartphone der eingesetzten Polizeikräfte identifiziert werden“, berichtet Polizeisprecher Patrick Schlüse. Es handle sich bei dem Verstorbenen um einen 37-jährigen Slowaken, der vermutlich obdachlos war.
Der Fall wird nun vom für ungeklärte Todesfälle zuständigen Kommissariat 414 des Landeskriminalamts untersucht. Nach bisherigen Erkenntnissen, so der Sprecher, gingen die Ermittler davon aus, dass der Mann vermutlich in einer Altpapiertonne schlief, bei deren Leerung in das Fahrzeug des Unternehmens geriet und zum Betriebsgelände gebracht wurde. Schlüse: „Es besteht der Verdacht, dass er bereits im Rahmen der Papierpressung im Fahrzeug verstorben sein könnte.“
Zuerst hatte das Hamburger Abendblatt über den Fall berichtet und geschrieben, dass die Ermittler von einem Unglücksfall und einer tragischen Verkettung von Ereignissen ausgingen. Der Mann habe identifiziert werden können, weil er wegen zurückliegender Straftaten erkennungsdienstlich erfasst wurde.
Denkbar ist, dass der Mann in der Altpapiertonne Schutz vor der Kälte suchte, gab es in der ersten Oktoberwoche doch schon nachts kühle Temperaturen um die acht bis neun Grad. Dass dies vorkommt, bestätigt auch die Stadtreinigung.
In den Containern ist es trocken und windgeschützt
„Es ist ein tragischer Fall, es macht es nicht besser, dass wir als Stadtreinigung Hamburg nicht beteiligt waren“, sagt deren Sprecher Kay Goetze. Doch auch die öffentlich zugänglichen Container für Papier, Pappe und Kartons der Stadtreinigung Hamburg hätten teilweise große Klappen. „Es kam schon vereinzelt vor, dass Menschen sich darin aufgehalten haben und wir da jemand geweckt haben“, berichtet Goetze. Denn in den Containern sei es trocken und windgeschützt.
„Unsere Mitarbeitenden machen sich grundsätzlich bemerkbar und klopfen dagegen, bevor sie sie an den Haken nehmen und entleeren“, sagt Goetze zum Vorgehen. Sie machten auch Sichtkontrollen. So wolle man ausschließen, dass ein Mensch nicht bemerkt wird.
Vor etwa zwei Jahren habe es einen ähnlichen Fall gegeben, aufgrund dessen auch kurzzeitig mal Fahrzeuge stillgelegt worden seien. Es sei nicht auszuschließen, dass sich auch Straftaten dahinter verbergen könnten, sagt Goetze. „An neuralgischen Punkten wie etwa dem Hansaplatz stellen wir keine Papiercontainer mit großen Klappen hin.“
Ronald Kelm vom ehrenamtlichen Gesundheitsmobil sagt: „Gerade die Übergangszeit zwischen dem Sommer und dem Start des Winternotprogramms ist für Obdachlose schwierig, weil es zu wenig Übernachtungsplätze gibt.“ Auch gebe es inzwischen zu wenig warme Kleidung und Schlafsäcke, die Helfer an die Obdachlosen verteilen können.
Interessant wäre, ob der Tote zuvor im Hilfesystem bekannt war. Hamburgs Sozialbehörde erklärt, danach gefragt, sie könne aus Datenschutzgründen zu diesem Einzelfall nichts sagen.
„Es ist in der Tat ein sehr tragischer Fall“, sagt Sprecher Wolfgang Arnhold. Der Tod eines obdachlosen Menschen auf Hamburgs Straßen sei immer ein schwerer Einschnitt. „Damit wollen wir uns nicht abfinden“, versichert Arnhold. Auch wenn sich tragische Verläufe angesichts der oftmals sehr schlechten gesundheitlichen Situation langjährig obdachloser Menschen nicht in jedem Fall verhindern ließen.
Das Thema „Tod auf der Straße“ stieß vergangenen Winter auf großes Interesse, als es im ersten Quartal des Jahres eine zweistellige Zahl an toten Obdachlosen im öffentlichen Raum gab. Der NDR berichtete schließlich im Mai unter Berufung auf die Behörde von 27 Fällen von Januar bis März.
Laut Wolfgang Arnhold gab es im zweiten Quartal des Jahres neun weitere Todesfälle im öffentlichen Raum und im dritten Quartal weitere drei. Obdachlose, die in Krankenhäusern versterben, sind hier nicht mitgezählt. Die Sozialbehörde werde künftig diese Zahlen im Winter monatsweise online veröffentlichen und im Sommer alle Vierteljahre, stellt Arnhold in Aussicht. Außerdem arbeite die Sozialbehörde weiter kontinuierlich daran, „Prävention, Schutz und Versorgung weiter zu verbessern“.
Allerdings wurde gerade erst bekannt, dass Hamburg nun auch offiziell die Regeln für das am 1. November beginnende Winternotprogramm mit knapp 800 Plätzen verschärft. So soll dort spätestens nach drei Übernachtungen die Teilnahme an einer Sozialberatung verpflichtend sein und mit einer „Identitätsprüfung“ verbunden werden.
Wer keinen Anspruch auf Sozialleistungen in Deutschland hat, weil er aus einem anderen Herkunftsland kommt, erhält dann eine „Beratung zu einer freiwilligen Rückkehr“. Das Diakonische Werk sieht das kritisch. „Erfrierungsschutz darf nicht an Bedingungen geknüpft sein“, sagt deren Wohnungslosenexpertin Stefanie Koch. Es sei zu befürchten, dass sich diese Kunde schnell verbreitet und Menschen dem Notprogramm fernbleiben.
„Der Umgang mit den obdachlosen Menschen wird immer autoritärer“, kritisiert die Linken-Abgeordnete Olga Fritzsche. So hätten ihr Parteimitglieder aus Eimsbüttel berichtet, dass dort ein Obdachloser mit der Polizei von seiner „Platte“ geräumt wurde.
Sie hat nun in einer Kleinen Anfrage nachgefragt, wo überall dies in Hamburg noch passiert ist. Denn seit einer Neukonzeption der Straßensozialarbeit gibt es in vier der sieben Hamburger Bezirke gar keine Straßensozialarbeiter mehr. Fritzsches Befürchtung: Die Menschen werden dort physisch verdrängt.
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