Obdachlosigkeit in Berlin: Es bleibt eisig
Frost und Schnee sorgen dafür, dass die Obdachlosen-Notunterkünfte voll sind. Träger bemühen sich um Alternativen.
Minusgrade und Schnee bestimmen seit Tagen das Leben in der Stadt – und werden es weiter tun. Erbauen mag sich daran, wer ein warmes Zuhause hat. Die vom Stromausfall betroffene Bevölkerung im Südwesten der Hauptstadt indes hat zu Wochenbeginn einen Eindruck gewonnen, wie es sich ohne Heizung lebt. Ungleich viel härter noch ist es für die mehr als 6.000 Menschen, die auf der Straße leben.
Alle Berlinerinnen und Berliner sind deshalb dringend gebeten, auf Obdachlose zu achten. „Sprechen Sie die Menschen an“, appelliert Barbara Breuer, Sprecherin der Berliner Stadtmission. Die aktuellen Temperaturen seien für Obdachlose lebensgefährlich. Es sei wichtig, festzustellen, dass die Person bei Bewusstsein sei und noch lebe. Wenn man unsicher sei, könne man die Person vorsichtig anfassen. „Wenn man sieht, dass jemand blau ist, nicht mehr atmet, nicht mehr reagiert, sofort den Notruf anrufen.“
Im Rahmen der Kältehilfe gibt es in Berlin rund 1.100 Schlafplätze in Notunterkünften. Erfahrungsgemäß reichen diese in der Regel aus, denn viele Obdachlose meiden die Unterkünfte, solange es geht. Nun aber spitzt sich die Situation zu. Minusgrade, Schnee und Wind werden das Wetter in Berlin und Brandenburg auch die kommenden Tage bestimmen.
Menschen ohne Obdach drängten in die Unterkünfte, die meisten seien ab 23.00 Uhr voll belegt, sagt Breuer. Die Notunterkunft der Stadtmission in der Lehrter Straße etwa verfüge über 125 Plätze. In der Nacht zu Donnerstag habe man Menschen abweisen müssen. „Wir haben sie dann woanders untergebracht, für den Kältebus heißt das, zusätzliche Strecken fahren zu müssen“.
Eine Bitte an Nachbarn und Passanten
Die Stadtmission betreibt drei Kältebusse, das DRK ist mit zwei Wärmebussen im Einsatz. Auch bei arktischer Kälte sei die Erfahrung, dass manche Obdachlose nicht mitfahren wollten, sagt Breuer. „Wir versorgen sie deshalb auf der Straße mit heißer Suppe, Tee, einem weiteren Schlafsack und einer Isomatte.“ Auch Nachbarn und Passanten bittet sie, das zu tun.
Sabrina Niemietz von der Koordinationsstelle Kältehilfe bestätigt, dass die Plätze in den Notunterkünften knapp sind. Die Senatsverwaltung für Soziales und manche freie Träger versuchten nun, das Angebot aufzustocken.
Für die Stadtmission kündigt Sprecherin Breuer an, dass im Missions-Zentrum am Bahnhof Zoo kurzfristig ein Nachtcafé aufgemacht werde. Bis zu 50 Obdachlose könnten sich dort dann in den Nächten von Freitag bis einschließlich Montag aufhalten. Das Schulungs- und Beratungszentrum der Stadtmission gibt es erst seit 2021. Früher befand sich in den Räumen eine Polizeistation.
Unabhängig davon ist die Gastronomie der Bahnhofsmission täglich von 12.00 bis 16.30 Uhr zugänglich, von 19.00 bis 21.00 Uhrwerden durch einen Schalter heiße Getränke nach draußen gereicht. Morgens um 8.00 Uhr öffnet der Schalter wieder, allerdings nur für eine Stunde.
Für massiven Wintereinbruch gut gewappnet
Für Freitag sagt der Deutsche Wetterdienst kräftigeren Schneefall voraus. Es können drei bis acht, lokal sogar bis zu 15 Zentimeter Neuschnee fallen. Durch Böen sind auch Schneeverwehungen möglich. Die BSR erklärte auf Nachfrage der taz, auch für einen massiven Wintereinbruch sei man gut gewappnet.
Insgesamt 2.300 Beschäftigte mit 540 Räum- und Streufahrzeugen kümmerten sich um den Winterdienst. Die Einsatzkräfte seien bereits seit Tagen in mehreren Schichten unterwegs. Wenn es die Wetterlage erfordert, werde man rund um die Uhr im Einsatz sein.
Für den Winterdienst auf Gehwegen sind laut BSR Sprecher Sebastian Harnisch grundsätzlich die jeweiligen Anlieger verantwortlich. Diese müssten dort den Schnee räumen und mit abstumpfenden Mitteln streuen. Eisbildungen, denen nicht ausreichend durch Streuen entgegengewirkt werden kann, seien zu beseitigen. „Wir empfehlen, Hinweise zu fehlendem oder unzureichendem Gehwege-Winterdienst unverzüglich nach Feststellung an das jeweilige Ordnungsamt zu richten“, so Harnisch zur taz.
Die Bürgersteige in der Stadt sprechen eine andere Sprache: Für die Vereisung scheint sich kaum jemand verantwortlich zu fühlen.
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