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Notunterkunft nach StromausfallDie Solidarität ist spürbar

Im Bürgersaal in Zehlendorf können Betroffene einen Schlafplatz für die Nacht finden oder ihr Handy laden. Viele bieten private Unterstützung an.

Betroffene in der Notunterkunft im Cole Sports Center Foto: Michael Ukas/dpa
Marlene Thaler

Aus Berlin

Marlene Thaler

An der S-Bahn-Brücke unter dem Bahnsteig Zehlendorf hängen etwa 15 Zentimeter lange Eiszapfen. Seit Tagen liegt Schnee. Vergangene Nacht fielen die Temperaturen auf minus 6 Grad.

Hinter der Eingangstür des Zehlendorfer Bezirksamtes läuft der Strom, laufen die Heizungen und die Handys laden voll. Bereits in der Eingangshalle sitzen einige Menschen auf Treppenstufen oder Stühlen und laden ihre Telefone an Mehrfachsteckdosen.

So wie Peter und Ingrid Lenz*. Obwohl sie einen Kamin haben, bekommt das Ehepaar ihr Haus nicht mehr auf über 12 Grad geheizt. Die beiden sind 77 Jahre alt und haben die ersten zwei Nächte noch zu Hause geschlafen. „Für heute suchen wir nach einem bezahlbaren Hotelzimmer“, sagt Peter Lenz. Freunde hätten den beiden angeboten, bei ihnen zu übernachten. „Die Hilfsbereitschaft war erstaunlich, aber wir wollen unsere Freunde auch nicht in ihrem Alltag stören“, meint Lenz.

Am Montag fehlen in Berlin aktuell noch 28.000 Haushalten und 150 Gewerbekunden der Strom. Grund dafür ist ein Brandanschlag auf mehr als ein Dutzend wichtige Leitungen am frühen Samstagmorgen. Die Schäden am Stromnetz sind nach Angaben des Betreibers Stromnetz Berlin so schwerwiegend und die Reparatur ist so kompliziert, dass voraussichtlich erst am Donnerstag wieder alle Haushalte mit Strom versorgt werden können. Zahlreiche Schulen und Kitas im Bezirk bleiben bis einschließlich Mittwoch geschlossen. Es gibt Notbetreuung für Grund­schü­le­r:in­nen an anderen Schulen.

Solidarität unter Ber­li­ne­r:in­nen

Zwei große mobile Schwarze Bretter hat das Bezirksamt aufgestellt. Hier sammeln sich auf bunten Zetteln private Hilfsangebote mit Telefonnummern. Eine Familie aus dem Kreuzberger Bergmannkiez bietet ein Zimmer zum Übernachten für eine Familie, Senioren oder Menschen mit Haustieren. Nicola und Andreas bieten eine Übernachtung für mehrere Tage an, inklusive Abholservice. Constanze bietet Hausaufgabenbetreuung für Schüler an.

Über das Bezirksamt führt ein ausgeschilderter Weg in den Bürgersaal, in dem sich auch eine der sechs Notunterkünfte befindet. Henri Moschner, Pressesprecher der Berliner Feuerwehr, ist vor Ort, um sich ein Bild der Lage zu verschaffen.

„Heute haben hier im Bürgersaal Zehlendorf fünf Personen geschlafen“, so Moschner, der Sprecher der Feuerwehr. Er gehe davon aus, dass einige in ihren kalten Wohnungen und Häusern ausharren würden, dies aber nicht für weitere Nächte tun können.

Der Wels ist älter als meine Tochter, zu dem habe ich eine starke Bindung. Der kann jetzt nicht draufgehen

Oliver Klews, Betroffener

Doch nicht alle möchten ihre eigenen vier Wände verlassen, trotz Kälte. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einige haben Angst vor Einbrüchen, da sich die Nachricht verbreitet, dass viele im Berliner Südwesten ihre Wohnungen verlassen. Für Oliver Klews kommen noch weitere Gründe hinzu. Der 58-Jährige hat ein Aquarium mit einem 500-Liter-Becken.

„Das Wasser darf nicht zu kalt werden“, erklärt Klews. Er habe unter anderem einen 30 Jahre alten Wels. „Der ist älter als meine Tochter, zu dem habe ich eine starke Bindung. Der kann jetzt nicht draufgehen.“ Dass er eine Lungenentzündung habe, würde ihn nicht davon abhalten, woanders zu übernachten. Er müsse mit dem Campingkocher Wasser für seine Fische erhitzen, um es dem kalten Wasser unterzumischen.

Ehrenamtliche reisen deutschlandweit an

Im Bürgersaal stehen hinter Tischen Männer in blauen Westen und belegen Brötchen. Auf ihren Westen steht „Humanity First“, eine unabhängige muslimische Hilfsorganisation. Es sind Ehrenamtliche, die hier seit Sonntag tatkräftig Betroffene versorgen. Rizwan Ahmed leitet den Einsatz in Berlin. „Heute haben wir mehr als 500 Brötchen belegt“, berichtet er. Ahmed kommt gerade von einem kurzen Rundgang aus der Matterhornstraße, die die S-Bahn-Stationen Mexikoplatz und Nikolassee verbindet. „Wir haben den Menschen Kaffee und Brötchen gebracht. Der Kaffee ist jetzt leer“, erzählt Ahmed. Es würde neuer Kaffee gekocht und in der Khadija-Moschee in Berlin-Pankow kochen sie Mittag- und Abendessen.

Essen und Getränke seien durch Spenden finanziert. „Wir spenden sogar selbst!“, sagt Ahmed lachend. Heute Abend kommen noch weitere Ehrenamtliche von Humanity First an, um einen Schichtdienst zu ermöglichen. Dann werden sie von Dortmund, Frankfurt, Karlsruhe und Hamburg angereist sein. Verstärkung können sie gut gebrauchen, zumal die Feuerwehr mit einer höheren Auslastung der Hilfsangebote rechnet.

Auf dem Weg zum Bürgersaal haben einige Fraktionen ihre Türen geöffnet. Auf dem Tisch der SPD-Fraktion finden sich Kinderbücher zum Mitnehmen, Tee und Kekse. Die CDU-Fraktion stellt Kaffee und Kekse bereit. Angelika Gerlach sitzt hier, trinkt einen Kaffee und lädt ihr Handy. Die 79-Jährige erzählt, ihr Handy bisher im BVG-Bus geladen zu haben. „Die Heizung ist jedoch das Schlimmste. Deswegen bin ich hier, aber man kann ja nicht ewig hier sitzen.“

Andrea Zielinski steht neben der Essensausgabe, mit einem Becher Tee in der Hand. „Ich bin Konfliktforscherin. Hier werde ich gebraucht“, meint Zielinski. Bis Sonntagabend sei sie auch Betroffene gewesen. Sie unterhalte sich hier mit Menschen, um sie auch mal das Chaos vergessen zu lassen. „Die Krise ist gut dafür, um als Gesellschaft Resilienz aufzubauen. Das ist unsere Chance zu lernen“, positioniert sich Zielinski. An einem Tisch hinter ihr spielt ein Kind das Brettspiel „Mensch ärger dich nicht“. Eine passende Wahl.

* Name von der Redaktion geändert.

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