Neues Hamburger Forschungskolleg: Zwischen Akademie und Aktivismus

In Hamburg entsteht ein neues Wissenschaftskolleg. „The New Institute“ soll angesichts der Klimakrise eine Plattform auch für Aktivist*innen werden.

Der Sonnenbestrahlte Garten neben den Altbauten

Guter Ort zum Denken: Der Garten des New Institute in der Warburgstraße Foto: Sabine Vielmo/The New Institute

HAMBURG taz | Die Handwerker*innen machen nur kurz Pause, sie haben noch viel Arbeit vor sich: Der Boden der Gänge ist mit Vlies abgedeckt, in den meisten Räumen sind erst die Tapeten abgerissen. Hier und da hängen Steckdosen aus ihrer Halterung und kalte Glühbirnen einsam von der Decke.

In einem der Räume vor einem großen Fenster sitzt Maja Göpel auf einem Klappstuhl, noch kurz auf ihrem Handy tippend. „Mal sehen, ob es in einem Jahr fertig ist“, sagt Göpel. Mehr als eine Ansammlung kahler großer Räume mit hohen Decken ist das bislang nicht.

Im sogenannten Warburg-Ensemble, einer langen, feinen Altbaureihe in kürzester Distanz zur Außenalster, entsteht derzeit ein neuer Ort der Wissenschaft, der nicht weniger als „Antworten auf die Fragen in Ökologie, Ökonomie und Demokratie im Zeichen der Klimakrise“ liefern soll. Dass der Anspruch nicht gerade niedrig ist, zeigt sich auch am Namen: THE NEW INSTITUTE – natürlich groß geschrieben.

Göpel, die wissenschaftliche Direktorin dieses Instituts werden soll, ist mittlerweile auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs ein bekanntes Gesicht. Die 44-jährige Politikökonomin berät die Bundesregierung in Fragen von globalen Umweltveränderungen, ist eine der Gründerinnen von Scientists for Future und muss sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Vorwurf gefallen lassen, Anhängerin einer Ökodiktatur zu sein.

Wissenschaft ist nicht Aktivismus

Dass sie sich mit ihren Positionen streitbar in die Öffentlichkeit stellt, legt natürlich den am Ende auch widersinnigen Vorwurf nahe, sie sei in erster Linie eine Aktivistin. „Normative Wissenschaft ist nicht Aktivismus“, sagt Göpel. Gänzlich davon fernhalten jedoch will das Institut sich gerade nicht.

Um Wissenschaft allein, so der Anspruch, soll es hier nicht gehen. Vielmehr soll sich das Institut auch zu einer Plattform für Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen entwickeln. „Neue Akteursallianzen sind wichtig, weil die Wissenschaft sonst nicht ihren Beitrag für die Gesellschaft leistet“, sagt Göpel.

Gründer und Finanzier ist Erck Rickmers, der zur bekannten Reederfamilie gehört und auf den die Bezeichnung „Philanthrop“ passt. Sein Reederei-Geschäft hat er verkauft und ein paar Jahre für ein Studium der Religionswissenschaften in den USA gelebt. Mitunter pulvert er kräftig gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem.

Von dessen Zwängen befreit werden sollen künftig rund 35 Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Fachbereichen, die im Warburg-Ensemble nicht nur für ein oder mehrere Jahre ohne Publikationspflicht forschen, sondern auch wohnen können. Platz für den gemeinsamen Austausch gibt es zuhauf, denn auf der Rückseite der Häuserreihe ist auch noch eine schicke große Gartenfläche.

Es braucht Reibung

Neben Göpel finden sich auf der bislang bekannten Personalliste des Instituts noch weitere Namen, die das Projekt mit einigem Renommee versorgen könnten: Wilhelm Krull, ehemaliger Leiter der Volkswagen-Stiftung, soll Gründungsdirektor werden, der Autor und frühere Spiegel-Kolumnist Georg Diez mischt künftig auch am Institut mit.

Und mit dem 40-jährigen Philosophen Markus Gabriel, der aktuell mit seinem Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“ einen großen Erfolg feiert, ist ein weiterer junger Kopf dabei. Der erhielt bereits mit 28 Jahren eine Professur und ist wissenschaftlich weltweit unterwegs.

Auch er läuft über die Baustelle und wirkt ziemlich optimistisch. „Ich hoffe, es entsteht hier ordentlich Reibung“, sagt Gabriel. Zwischen? „Allen, denn aufgeklärt ist eine Gesellschaft, wenn sich möglichst viele Teile progressiv verzahnen“, sagt Gabriel. Wie Göpel ist auch Gabriel einer, der gern den Weg in die Öffentlichkeit sucht. „Ich will die Philosophie nicht als eine korrigierende Randfigur bei gesellschaftlichen Fehlentwicklungen sehen“, sagt Gabriel.

Georg Diez, The New Institute

„Wenn das hier ein weiterer wissenschaftlicher Elfenbeinturm wird, wäre das Ziel auf jeden Fall verfehlt“

Wie sich konkret die Arbeit zwischen Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen entwickeln wird, klingt noch ziemlich offen. Ideen gibt es viele, etwa die intensive Zusammenarbeit mit Fridays For Future. Oder die Mitarbeit an einer „grünen, digitalen Transformation“ von Hamburg, gemeinsam mit anderen europäischen Hafenstädten wie Kopenhagen oder Helsinki.

Ob daraus mehr als ein paar wohlklingende Ankündigungen werden, muss sich erst noch zeigen. An das Institut gibt es schon jetzt hohe Ansprüche – die es sich selbst gegeben hat: Immerhin soll das keine weitere akademische Insel werden. Worte wie Innovation, Vision oder Zukunftsfähigkeit gehören bei allen Beteiligten zum festen Wortschatz, wenn es um das Vorhaben geht. „Wenn das hier ein weiterer wissenschaftlicher Elfenbeinturm wird, wäre das Ziel auf jeden Fall verfehlt“, sagt Georg Diez.

Aber bis zur Eröffnung des Instituts ist es auch noch einige Monate hin. Und mit Leuten wie Göpel und Gabriel an Bord dürfte sichergestellt sein, dass künftig viele Erkenntnisse des Instituts den Weg in die Öffentlichkeit finden. Wie die politisch zu bewerten sind – darüber könnte noch Reibung entstehen.

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