Neues Album von Russin Kate NV: Sie lässt es rumpeln und scheppern

Ekaterina Shilonosova alias Kate NV mischt die Popszene mit versponnenem Krach auf: Nun veröffentlicht sie das Album „Room With A Moon“.

Eine Frau mit weißem Puder im Gesicht und hellblonden Haaren trägt einen roten Hut und einen Umhang.

Vollmond im Herzen: Kate NV Foto: Jonathan Miles

Auch wenn man es manchmal vergisst: Rumpeln ist eine Kunst. Gutes Rumpeln gleicht einem Tanz mit sich selbst: Man stolpert dahin, fängt sich, droht umzufallen und findet auch in dieser Bewegung im letzten Moment das Gleichgewicht. Es geht mal nach rechts, dann nach links – über Umwege und Schleifen nach vorne. Rumpeln darf hier jedoch nicht mit seinem Bruder Poltern verwechselt werden: Gepoltert wird vor allen Dingen bei Politikern mit schlechtem Benehmen. Rumpeln ist vielmehr ein vermeintlich ungeordnetes Geräusch, das sich aber bei genauerer Betrachtung als gezielte Rüttel-Intervention herausstellt.

Die Moskowiterin Ekaterina Shilonosova hat dieses behände Wanken und Straucheln auf ihrem Neuling „Room with a Moon“ perfektioniert. Das Album erscheint unter ihrem Künstlerin-Alias Kate NV auf dem New Yorker Label RVNG International, das zuletzt wiederholt experimentelle Pop-Werke veröffentlicht hat.

Die 31-jährige Shilonosova befindet sich mit ihrem Ansatz genau am richtigen Ort. Um die Kunstfertigkeit ihrer rasaunenden Musik nachvollziehen zu können, lohnt sich ein Blick auf den bisherigen Output. Einerseits veröffentlicht sie als Teil der Gruppe ГШ (Glintshake) erheblich treibenden Post-Punk, der mit der nötigen Menge Hardcore-Attitüde gerade krachig genug ist, um nicht zu streberhaft zu sein. Auch hier im Mittelpunkt der Formensprache: Rumpeleien aller Art.

Aufgeräumt und eifrig

Das Solo-Projekt Kate NV wirkt im Vergleich geradezu aufgeräumt und eifrig. Auf dem Debüt „Binasu“ gab sie sich anschlussfähig an ihre Label-Kolleginnen Julia Holter und Holly Herndon, erinnerte stets auch an Namensvetterin Kate Bush und ihren genresprengenden Pop-Ansatz, der sich Avantgardismen nie verschloss.

Wo das Debüt noch infantilen Witz bewies (der Auftakt heißt „Bells Burp“, also Glockenrülpser), war der Zweitling „для FOR“ durch einen strengen konzeptuellen Entwurf geprägt. Alle Klänge entstanden aus der analogen Sound-Synthese eines Buchla-Modular-Synthesizers.

Kate NV: „Room With A Moon“ (RVNG INTL/Cargo)

Kate NV räumte sanften Flächen und futuristischem Geplucker viel Platz ein, es entstand ein impressionistisches Gemälde in zehn Teilen. „Room with a Moon“ ist nun die zwangsläufige Mischung aus den beiden Vorgänger-Alben. Kate NV taucht ein in die Welt der Märchen – ein loses Konzept.

Die Drums filetieren den Basslauf

Im Video zur zweiten Single-Auskopplung „Marafon 15“ schwebt die russische Künstlerin durch einen hochminimalistischen Bühnenaufbau in einem Kostüm, das wahlweise Rotkäppchen, Rumpelstilzchen (!) und Kate Bushs „Wuthering Heights“-Red-Dress-Video inkorporiert. Der Song dazu eröffnet mit einem Bass-Lauf, welcher von einer Synthesizer- und Drum-Maschinen-Welle mitgerissen wird.

Gerade die Einstellungen des Schlagzeug-Computers scheinen dabei auf Zufallsgenerator gestellt, es rappelt ganz schön, bleibt aber trotzdem berückend, wenn der Track von den russischen Lyrics Kate NVs eingefangen wird: „Deine Hand wird den Moment greifen und wieder loslassen / was wird geschehen?“ Immer wieder schafft es Shilonosova, betörend traumversunkene Momente zu erzeugen.

„Tea“ mit seiner entrückten Grazilität, der Auftakt „Not Not Not“ mit seinem (abermals) rumpeligen Intro und auch das melancholische Finale „Telefon“, passend zu Corona erzählt es vom Alleinsein in den eigenen vier Wänden: „Room with a Moon“ rutscht nie ins Kitschige ab. Die Welt der Märchen taugt bloß für eine flüchtige Erinnerung, ist ein Rückzugsort für kurze Momente oder eben die Länge eines Albums. Damit man dies auch bloß nicht vergesse, muss es immer mal wieder rumpeln und scheppern.

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