Neues Album von Nichtseattle: Ihnen wächst niemals dicke Haut
Heute Umsturz, morgen Landpartie: Beim neuen Album „Große Liebe“ von Nichtseattle geht es um Pop, Natur und die eigene Sozialisation in Ostdeutschland.
Eine Fliege, die auf dem Arm herumkrabbelt, nicht verscheuchen? Eher gucken, wie sich das Gekrabbel anfühlt? „Und auch wenn’s kitzelt, du lässt sie / Es ist, als fasst dich jemand an“, singt Katharina Kollmann in „Stubenfliege“ über einen zurückhaltenden Groove. Zugleich schwingt latent nervöse Getriebenheit mit.
Nein, der Song ist keine schräge Achtsamkeitsübung. Eher eine Einladung, Alltäglichem mit frisch austarierter Sensorik zu begegnen – und der Bereitschaft, Ambivalenz zuzulassen. Derartige Angebote finden sich einige auf „Große Liebe“, dem vierten Album von Nichtseattle, dem nun zum Quintett gewordenem Projekt der Berliner Künstlerin Katharina Kollmann. Und das, obwohl der Albumtitel ein Gefühl beschriebt, das Eindeutigkeit feiert und nicht die Ambivalenz.
„Weil sich meine Eltern trennten, krachte die Berliner Mauer in sich zusammen“, schreibt Kollmann gleich zum Auftakt eines so lustig wie klugen Essays, das die Albumveröffentlichung begleitet. In diesen Linernotes zeichnet Kollmann den Wandel ihrer Vorstellungen von Liebe nach – auf eine so kurzweilige Weise, dass man sich wünscht, sie möge auch mal ein Buch schreiben.
Das Album
Nichtseattle: „Große Liebe“ (Staatsakt/Bertus/Zebralution).
Tour: 3. 11. Hansa48, Kiel; 4. 11. Knust, Hamburg; 5. 11. Kleine Freiheit, Osnabrück, wird fortgesetzt.
Die große Liebe sei damals trotzdem bei ihr eingezogen, dank Popsongs und Hollywoodkino: „Uns sollte sie nun offenstehen, die ganze freie Welt, die unseren Eltern bisher verschlossen war, und mit ihr all die großen Gefühle, die unsere Erwachsenen noch nicht zu kennen schienen.“ Die Realität erwies sich dann jedoch als wesentlich komplizierter. Und irgendwann blieb Kollmann einfach stehen, „genau da, wo ich mich gerade wiederfand“, statt der romantischen Erfüllung nachzujagen.
Tiere und Menschen
Mit der Zeit gesellten sich andere Menschen und auch ein paar Tiere zu ihr. Kollmann lud sie ein, zu bleiben, „obwohl ich mich eigentlich ein bisschen vor ihnen fürchtete“. Und erlebte Unerwartetes, bisweilen sogar Glück. Im Song „Wildeste Nacht“ auf eher klassischem Terrain. Aber eben auch im gruppentherapeutischen Stuhlkreis oder in ihrem Hausprojekt auf dem Land, wo sie zeitweise lebt: „Ob mit Kind oder Greis / Ich sitze jetzt gerne im Kreis“ heißt es im Song „Dallas“.
Kotzte sie sich auf dem Vorgängeralbum „Haus“ (2024) im Song „Beluga (Eigentumswohnung)“ noch frustriert aus – „Jetzt soll ich auch noch was zum Konzept ‚Liebe‘ sagen“, der Kontext war ein Date mit einem nervig selbstzufriedenen Gockel –, macht sie auf dem neuem Album genau das, so vielschichtig wie präzise. Die Songtexte wirken wie Gedichte: assoziativ und dicht, surreal, aber sozialrealistisch grundiert klingen sie.
Der Song „River Cola“ – die Discounter-Brause ziert als Buntstiftzeichnung auch das Albumcover – erweist sich als genaue Studie eines Milieus, in dem es die Liebe eher schwer hat. Auf „blanke Männerbrust“ reimt sie „halbbewusste Zerstörungslust“. Und „Übersehene Leiber tragen Neonkleider / Zu flehend grauem Blick“. Dazu die Erkenntnis, dass Kollmann mit größerer sozialer Distanz gelassener auf die im Song skizzierten Schieflagen blicken würde. „Wärst du nicht eine von ihnen / Dann / Wärst du doch ruhig geblieben.“
Wie oft in Nichtseattle-Texten laufen Geschlechterfragen und Ostsozialisation mit, auf angenehm diskursbefreite Weise. „Es geht mir ja nicht darum, Statements zum Osten zu machen“, erklärt die 41-Jährige im Interview. „Eher will ich meine Umwelt erforschen.“ Ihre Generation beschäftige sich medial und künstlerisch stärker mit diesem Thema – worüber sich Ältere oft wundern. „Für die Generation meiner Eltern ging es noch darum, nicht außen vor zu bleiben, die Haltung war: ‚Gut, dass es vorbei ist.‘ Doch es ist eben nicht vorbei – zumindest nicht für alle.“
Ein Selbstwertknacks
Aber was genau ist ihrer Einschätzung nach nicht vorbei? Kollmann attestiert dem Osten Deutschlands einen „ziemlichen Selbstwertknacks“. Zum einen wegen des Gefühls, „dass man mit der Wiedervereinigung 1990 komplett alles ablegen musste, was aus der DDR kam. Doch es spielte vieles mehr rein, unterschiedlichste Erfahrungen: etwa im Zusammenhang mit den Wochenkrippen“. In die wurden Kleinkinder zu DDR-Zeiten bereits im Säuglingsalter am Montagmorgen gebracht und erst zum Wochenende wieder abgeholt – damit auch alleinerziehende Mütter und Schichtarbeiterinnen werktätig sein könnten. „Das hat traumatische Spuren hinterlassen.“
Unser Gespräch findet in der KulturMarktHalle statt, einer einstigen Kaufhalle im noch nicht durchgentrifizierten Osten von Prenzlauer Berg in Berlin. Ein klassischer sogenannter Dritter Ort: niedrigschwellig, ohne Konsumzwang. Karaoke gibt es hier ebenso wie Sozialberatung und ein Repair-Café.
Und natürlich der Kaufhallen-Chor, den Kollmann leitet, und der sie zum Schwärmen bringt: „Es ist toll, was entstehen kann, wenn Menschen zusammenkommen, die nicht aus derselben Bubble stammen.“ Nebenbei habe der Chor, in dem Männer und Frauen von 30 bis 80 mitsingen, ihr die Angst vor dem Alter genommen.
Aufgewachsen ist die 1985 geborene Kollmann in Berlin-Karlshorst, jenseits des S-Bahn-Rings. Das erste Musikprojekt, mit dem sie an die Öffentlichkeit ging, hieß Lake Felix. Zu introspektiven Texten auf Englisch spielte sie dabei Bass. 2019 veröffentlichte sie als Nichtseattle mit dem eher kargen Gitarrenalbum „Wendekid“ erstmals deutschsprachige Musik, damals noch im Eigenverlag. Der Nachfolger „Kommunistenlibido“ (2022) erschien dann beim Label Staatsakt und schlug ziemlich Wellen, ebenso wie „Haus“ (2024). Thema dieses Konzeptalbums waren unterschiedlichste Räume – und die Menschen, die sich darin einrichten.
Nicht mehr schlaflos in Seattle
Wenngleich ihre Mitmusiker:innen schon beim Vorgängeralbum dabei waren – so richtig nach Band und Werk klingt nun erst „Große Liebe“. Opulenter und pastoser, warm instrumentiert – und manchmal klingt der Sound tatsächlich ein bisschen nach Seattle, wenn denn diese Stadt für angegrungten Lo-Fi-Gitarrenpop steht. Und bisweilen blitzt sogar anarchischer Humor durch, etwa wenn die Band im Liebeslied „Ich mit Brille“ mehrstimmig aus dem Off Kollmanns mäandernden Bewusstseinsstrom kommentiert.
Die Songs komponiert Katharina Kollmann nach wie vor im Alleingang. „Wenn ich den Kern des Liedes habe – das kann ein Satz sein oder nur ein paar Worte, zu denen ich Gitarre spiele – ist es, als öffnet sich eine Tür. Durch die kommen ganz viele Assoziationen. Wenn das Gerüst erst mal steht, können wir dann im Proberaum daran feilen“.
Doch noch mal zurück zu den kurzweiligen Linernotes: Was hat die 41-Jährige überhaupt dazu bewegt, der Liebe nicht weiter nachzurennen? „Erschöpfung spielte sicher eine Rolle“, erklärt sie. „Wenn es aus verschiedenen Gründen schwierig ist mit dem Ideal, das man hat, muss man gucken, wie es noch geht. Und wertschätzen, was schon da ist – im Wissen darum, dass man Liebe leben muss, egal wie. Einfach, um gesund zu bleiben.“
Ist es ein Frauending, sich so über romantische Beziehungen zu definieren, dass es automatisch ein Problem wird, wenn es nicht klappt? Obwohl doch zumindest der Sozialforschung zufolge Männer von festen Beziehungen emotional stärker profitieren als Frauen. Das jedenfalls legt eine akademische Metastudie von 2025 nahe, bei der über 50 Studien aus westlichen Industrieländern ausgewertet wurden. „Vielleicht“, vermutet Kollmann, „sind Frauen mehr hinterher, weil sie die Liebe nicht so leicht finden.“
Zugleich sind sie stärker sozial eingebunden, hängen psychisch weniger von Paarbeziehung ab. Passend dazu findet sich auf dem Album auch das hymnische „Meine Ladies“. Bei diesem Song wirkt das Abfeiern weiblicher Solidarität etwas zu gewollt und didaktisch, aber zugleich herzerwärmend. Im Videoclip stromert eine bunte Bande von Frauen aus Kollmanns Umfeld durch die mecklenburgische Natur – aus der Band, ihrem Hausprojekt und dem Chor.
Und ausnahmsweise kann Kollmann frei von Ambivalenzen eine Liebe lobpreisen: „Ich glaub an uns.“ Wofür sie durchaus gute Gründe auflistet – der vielleicht beste in diesen verhärteten Zeiten: „Denn uns wächst niemals eine dicke Haut.“
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