Neues Album Zugezogen Maskulin: Drohnen über den Dörfern

Das Berliner HipHop-Duo Zugezogen Maskulin geht auf seinem neuen Album „10 Jahre Abfuck“ steil: Es liefert eine Chronik der kaputten zehner Jahre.

Die zwei Rapper, Testo und Grim104 aus Berlin, die als Duo Zugezogen Maskulin heißen, sind von unten fotografiert, ihre Füße sind riesengroß

Steile Perspektive auf das vergangene Jahrzehnt: das Duo Zugezogen Maskulin Foto: Buback Records

Wo sind die Utopien geblieben? Die Utopien im Pop und die Utopien im Deutschrap? Die zehner Jahre waren musikalisch eine Mischung aus dem ganz großen Auskotzen, der Kritik an den aktuellen gesellschaftlichen Zuständen und einer Ignoranz dieser Zustände, sie mündete in einem Übermaß an Hedonismus.

Shoppengehen statt nachdenken. Lady Gaga träumte sich kürzlich auf einen neuen Planeten, immerhin. K.I.Z malten sich 2015 mit „Hurra die Welt geht unter“ ein postapokalyptisches Szenario aus, hinterher könnte alles besser werden, und sonst? Gerade in der deutschen HipHop-Szene fehlen abseits der endlosen Bauchnabelschau die Zukunftsvisionen.

Vielleicht hat es mit dem kapitalistischen Realismus zu tun, den der Brite Mark Fisher in seinem gleichnamigen Buch postuliert, wenn er schreibt, dass der Kapitalismus selbst unsere Träume kolonisiert habe. Deutsche Rapper träumten im letzten Jahrzehnt vor allem von Materiellem und vom Rausch, eine neuen Gesellschaftsordnung war eher nicht von Belang. Natürlich ist Hedonismus erlaubt.

Testo und Grim104 aus Berlin, die als Duo Zugezogen Maskulin heißen, wurde im letzten Jahrzehnt immer wieder politischer Aktionismus zugesprochen. Die beiden Rapper verkörpern rebellische Attitüde. Bei den hochseriösen Feierlichkeiten zum Mauerfall-Jubiläum am Brandenburger Tor wurden sie wegen provokanter Statements sogar ausgebuht, und das ZDF wollte ihren Auftritt plötzlich nur noch zur Hälfte übertragen.

Zugezogen Maskulin: „10 Jahre Abfuck“ (Four Music/Sony)

Die Utopien fehlen

Doch auch ihnen, das merkt man auf ihrem neuen Album „10 Jahre Abfuck“, fehlen die Utopien. Schlecht ist ihre Musik deswegen nicht. Sie folgt eher der Ton-Steine-Scherben-FormelMacht kaputt, was euch kaputt macht“.

Kaputt macht Zugezogen Maskulin der Rechtsruck der letzten Jahre, klar. Kaputt macht Zugezogen Maskulin, und darum geht es ausführlich auf ihrem Album, auch der Kontext, in dem sie sich musikalisch und privat bewegen: Deutschrap, urbane Mittelschicht oder je nach Sichtweise Kulturprekariat in Berlin, Dasein als privilegierte Künstler.

2011 waren Zugezogen Maskulin ein nischiges Internetphänomen, Untergrundrapper, Praktikanten eines HipHop-Magazins, im Mainstream irrelevant. Erst eine Zusammenarbeit mit dem traditionsreichen Hamburger Label Buback änderte das. 2015 erschien ihr Debütalbum „Alles Brennt“.

Schon damals waren die beiden mal zynische, mal selbstironische Beobachter ihrer Umgebung und politischen Umwelt. Und schon damals wollten sie vieles in Brand setzen, weil es ihnen so auf die Nerven ging. Abfuck hat also Konjunktur im Schaffen von Zugezogen Maskulin – alle zwei bis drei Jahre mal so richtig auskotzen auf Albumlänge.

Mittelding aus Chronik und Kurzreportage

Aber zum Glück ist es ja nicht nur das stumpfe Aufregen. Zugezogen Maskulin sind zwar wütend, aber eben keine Wutbürger. Stattdessen sind ihre Songs ein Mittelding aus einer Chronik der letzten zehn Jahre und einer Art von literarischer Kurzreportage. Was Realität ist und was Autofiktion, ist schwer zu unterscheiden. Klar ist, dass alles, was Zugezogen Maskulin erzählen, so in etwa auch passiert und dass dieser Fakt problematisch ist.

Schon der Titelsong macht klar, worum es hier geht, wenn Testo rappt: „War im Paradies, doch dann ging’s los mit Sarrazin / Erst machte er die Ossis arm, dann quatschte er vom ‚Juden-Gen‘ / Und von Kopftuchmädchen / Ging auf eins in die Charts / Damit war über meine Mitmenschen alles gesagt“ und kurz darauf ergänzt: „Die Maske war gefall’n, es folgten zehn Jahre Verblödung / Eine endlose Spirale aus Skandalen und Empörung“.

Zugezogen Maskulin skizzieren diese Endlosspirale. Sie rattern sie im Hochgeschwindigkeitsrap runter, reihen die Ereignisse aneinander. Auf dem Song „Tanz auf dem Vulkan“ finden sich so viele Bezüge zu all den rechtsradikalen und rassistischen Anschlägen der letzten Jahre, von Halle bis Hanau, dass es schwer ist, hinterher zu kommen.

Mit ihrer atemlosen Erzählweise schaffen es Zugezogen Maskulin so, einen Zustand zu simulieren, der ohnehin Rea­lität ist. Online folgt News auf News, Grausames auf Grausames. Bam, Bam, Bam. So lange, bis man vieles nicht mehr aus­einanderhalten kann oder Sachen vergisst, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Die Rapszene wird durch den Kakao gezogen

„10 Jahre Abfuck“ ist wegen dieser Simulation einer Jahrzehntchronik, aber auch aus mehreren anderen Gründen ein gutes Album: Die beiden Künstler kreieren nicht nur Abgründe, teilweise ziehen sie auch die Rapszene durch den Kakao, von der sie selbst ein Teil sind. Ironie ist im Deutschrap nicht sehr verbreitet. Zugezogen Maskulin schaffen es, nicht nur nach außen, sondern auch nach innen zu blicken und sich selbst zu reflektieren.

Ihre Männlichkeit zum Beispiel in den beiden Tracks „Echte Männer Freestyle“ und „Jeder Schritt“. Oder die Panikattacken in einem Business, in dem es vor allem darum geht zu funktionieren, was schließlich mit endlos Alkohol gelindert werden soll.

„10 Jahre Abfuck“ ist also das Abbild einer doppelten Enttäuschung, gesellschaftspolitisch und persönlich, es geht oft über die Rollenmodelle als Rapper. Musikalisch stehen Zugezogen Maskulin im Saft, das Album ist gut produziert von Ahzumjot und Silkersoft, der von Anfang bis Ende drückt, bohrt und rattert und das Geschehen in den Reimen optimal untermalt. Dieser synthetische Klang­hybrid, den man als Post-Trap bezeichnen könnte, wirkt maximal dystopisch.

„10 Jahre Abfuck“ klingt wie ein Abschluss mit allem und natürlich auch nach dem Abschluss eines Jahrzehnts, das für Zugezogen Maskulin nur oberflächlich betrachtet gut verlief. Im Finale des Albums „Exit“ klingt sogar ein Karriereende als letzte Konsequenz an.

Was kann danach noch kommen? Vielleicht gelingt doch ein Wechsel vom zyklischen Auskotzen und der Selbstdekonstruktion hin zum Utopischen, wenn alles, was kaputt macht, auch kaputt ist. Hängt von den gesellschaftlichen Entwicklungen ab. „Eltern sind weit weg, Dörfer aus denen wir / Früher vor Langeweile mal flohen / Sind heute von Hightech-Drohnen / Geschützlos – Sicherheitszonen, ah/ Das sind die Zwanziger Jahre“, rappt Grim104. Klingt also schon an, dass in zehn Jahren ein Nachfolger auf das aktuelle Album folgen könnte. Es wird keine Utopie sein.

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