Album „Good News“ von Megan Thee Stallion: Sie nennt sich Hengst

Megan Thee Stallion veröffentlicht ihr Debütalbum. Darauf geht es um das Erkunden des eigenen Körpers. Kann das Album mehr als explizite Texte?

Megan Thee Stallion in einer Collage aus Zeitungspapier

Down South: Megan Thee Stallion aus Houston/Texas Foto: 300 Entertainment

„Die Muschi ist feucht.“ Handschellen und Halsbänder liegen bereit und Hunderte Millionen Menschen feiern gemeinsam eine auditive Orgie: Megan Thee Stallion und Cardi B ist im Sommer mit dem Song „WAP“ ein Geniestreich gelungen. Ihre Single „WAP“ – die drei Buchstaben stehen für Wet Ass Pussy –, ist eine Ode an die weibliche Sexualität und ein guter Rapsong noch dazu. Das dazugehörige Video, in dem die beiden Rapperinnen durch ein surreal wirkendes Schloss tanzen, hat mittlerweile fast 300 Millionen Aufrufe bei Youtube. Männer kommen darin übrigens keine vor!

„WAP“ ist einer der Raphits dieses Seuchenjahres. Dass so ein Song mit unverblümter Botschaft sowohl im HipHop-Kontext als auch im Pop-Mainstream Erfolge feiert, ist immer noch ungewöhnlich.

Wenn man Megans männlichen Rapkollegen beim Reimen zuhört, stellt sich oft die Frage, ob die Kerle in ihrem Leben überhaupt schon mal Sex hatten. Die immer gleichen seriellen Sexfantasien und Praktiken werden in Rapsongs reproduziert, seit den 1980ern, als 2Live Crew aus Florida mit anstößigen Reimen auffiel, hat sich da kaum etwas geändert.

Diese Männer-Reime klingen oft wie Nacherzählungen von billigen Pornos und nicht nach glaubwürdigen sexuellen Erfahrungen. Vor allem aber beschränken sich die Texte reduziert auf die Beschreibung von männlichen Orgasmen und Männerspaß.

Frauen werden nach wie vor von Rappern in ihren Vorstellungswelten objektiviert, ihre Bedürfnisse spielen keine Rolle. Darum sind HipHop-Texte in ihren Frauenbildern maximal konservativ, verklemmt und sexistisch. Mehr als eine Blow­jobs verteilende „Bitch“ gibt die Vorstellungskraft nicht her. Zumindest in den USA ändert sich diese öde Perspektive allmählich. Allerdings nicht wegen einsichtiger Rapper oder liberaler Fans.

Megan Thee Stallion: „Good News“ (300 Entertainment/Warner)

Der Begriff Sexpositivität existiert schon länger als männliche Sexraps. Er hinterfragt den durch patriarchale Strukturen geprägten Blick auf Sex. In den letzten fünf Jahren tauchten in den USA vermehrt Rapperinnen auf, die HipHop-Tracks mit sexpositiven Texten veröffentlichen. Rapperinnen wie cup­caKKe, Brooke Candy oder eben die Texanerin Megan Thee Stallion. Ihre Musik findet längst nicht mehr in einer Nische statt, sie sind keine Einzelkämpferinnen. Es scheint so, als können Frauen endlich vor einem Mainstreampublikum ungeniert über Sex rappen, der auch ihren Vorstellungen entspricht.

Reduzieren auf ein Thema

„WAP“ ist der vorläufige Gipfel dieser Entwicklung, der Song wurde für Stallion zum endgültigen Durchbruch. Mit ihrem Debütalbum „Good News“ versucht die 25-jährige Künstlerin aus Houston nun nach einigen EPs und Mixtapes an den großen Erfolg anzuknüpfen. Die Frage ist nur: Wie spannend ist Rappen über Sex auf Dauer, egal aus welcher Per­spek­tive? Und ist es im Sinne Stallions, sie nur auf dieses eine Thema zu reduzieren?

Denn auf „Good News“ geht es wirklich sehr viel um Sex, um den damit verbundenen Spaß, um das Erkunden des eigenen Körpers. Die Songs sind humorvoll, vulgär, oft beides zusammen. „Bust that pussy wide / Let him adventure inside / If my pussy was a beach, he get swept up by the tide“, rappt sie zum Beispiel auf „Freaky Girls“ zusammen mit SZA.

Spannend ist zu hören, welche Metaphern und Umschreibungen Stallion findet, wie sie diesen neuen feministischen Sound im Sprechen über Sex im Kontext von HipHop performt. Und dass sie dem Motiv des „Players“ mit ihren Songs eine weibliche Konnotation verleiht. Das Vulgäre wechselt nie ins Aggressive. Megan dreht die Rolle also nicht einfach um, sie erfindet eine neue, eine empathischere.

„Good News“ ist eine große Party von Thee Stallion und talentierten Freund*innen wie Beyoncé und den City Girls. Aber das Album ist zu lang. Dieses Gefühl entsteht vor allem durch die schwankende Qualität der Beats. Während „Good News“ inhaltlich stringent ist, sind es die Produktionen leider nicht. Banale Trap-Beats wechseln sich ab mit von eingängigen Samples getriebenen Tunes, die wiederum negiert werden durch im schlechten Sinne an die nuller Jahre erinnernde Synthie-Hooklines („Sugar Baby“). Dem bouncenden Sound geht im Vergleich zu Stallions reimender Kraft immer wieder die Luft aus.

Dass die musikalische und inhaltliche Qualität auseinanderdriften, ist bedauerlich, deswegen wird Stallion als Künstlerin aber nicht weniger relevant. „Good News“ wirkt wie ein Zwischenschritt zur musikalischen Selbstfindung nach „WAP“. Gerade wurde Stallion vom Time Magazine in die Liste der „100 Most Influential ­People“ gewählt. Sie schreibt Meinungsstücke für die New York Times, setzt sich gegen Rassismus und Polizeigewalt und für soziale Gerechtigkeit ein. Sex ist also nur ein kleiner Teil ihres Schaffens.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben