Neuer Roman von Yoko Ogawa: Wenn es keine Literatur mehr gibt

„Insel der verlorenen Erinnerung“ löst einen großen Lesesog aus. Es ist mit Klassikern wie „1984“ oder „Fahrenheit 451“ in einem Atemzug zu nennen.

Die japanische Schriftstellerin Yoko Ogawa sitzt an einem Fenster

In Japan und den USA vielfach preisgekrönt: Die Autorin Yoko Ogawa Foto: P. Matsas/Opale/laif

Wie sieht eine Welt aus, in der immer mehr Dinge unwiderruflich verschwinden? Wie reagieren die anderen Menschen auf diese Verluste? Das fragte sich die Protagonistin als Kind in Yoko Ogawas Roman „Insel der verlorenen Erinnerung“.

Ihre Mutter antwortete damals: „Hab keine Angst! Es tut nicht weh und macht auch nicht traurig. Du wirst es kaum wahrnehmen. Eines Morgens wachst du auf, und dann ist es auch schon geschehen. Während du mit geschlossenen Augen lauschst, um die Morgenstimmung einzufangen, wirst du merken, etwas ist anders. Dann weißt du, dass etwas fehlt, dass etwas nicht mehr existiert.“

Nur: Was dann fehlt, weiß man nicht. Denn mit den Gegenständen verschwinden auch die Bedeutungen der sie bezeichnenden Worte und die Erinnerungen an die Dinge aus dem Bewusstsein der Menschen.

Ogawas Roman erzählt die Geschichte einer Schriftstellerin, die befürchten muss, dass ihr im Zuge dieser fortgesetzten Verluste die Worte und deren vielfältige Bedeutungen – ein Vogel ist nicht nur ein Tier, sondern auch ein Symbol der Freiheit – ausgehen werden.

Yoko Ogawa: „Insel der verlorenen Erinnerung“. Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Liebeskind, München 2020. 352 Seiten, 22 Euro

Dass Dinge, Sprache und Erinnerungen zusammenhängen, erfuhr sie schon als Kind. Ihre Mutter ließ sie an einem Duftflakon riechen, lange nachdem das Parfüm verschwunden war: „Ein gewisser Duft schwebte in der Luft, jedoch nicht so wie getoastetes Brot oder der Chlorgeruch im Schwimmbad. Sosehr ich mich auch anstrengte, mir fiel nichts dazu ein.“

Die gefürchtete Erinnerungspolizei

Verantwortlich für die Eliminierung der Dinge ist die gefürchtete Erinnerungspolizei. Als eines Tages die Romane verschwinden, müssen die Inselbewohner alle Bücher verbrennen. Die Erzählerin versteht fortan keine literarischen Texte mehr und kann naturgemäß auch kaum mehr welche verfassen.

Der surreale Text, an dem sie immer hilfloser schreibt, berichtet vom Verlust ihrer und anderer weiblicher Stimmen – eine Geschichte, in der sich der Roman selbst spiegelt.

Der Lektor wird versteckt

Doch auch Freunde der Familie und die Mutter der namenlosen Erzählerin werden verschwinden, denn sie gehören zu den wenigen Menschen, die sich erinnern können und deshalb von der Erinnerungspolizei verfolgt, verschleppt und vermutlich auch getötet werden.

Die Protagonistin gehört nicht zu den Gefährdeten, wohl aber der Lektor, der ihre Romane betreut. Sie versteckt ihn bei sich zu Hause in einem kleinen Raum unter dem Fußboden, er darf ihn nicht mehr verlassen. Hilfe erhält sie nur von einem alten Mann. Lebensmittel werden immer knapper, ein Tsunami und ein Erdbeben verschlimmern die Situation der Inselbevölkerung zusätzlich.

Ogawas Dystopie kreist um die Themen Erinnerung, Vergessen, Verfolgung und Widerstand. „Insel der verlorenen Erinnerung“ löst einen erstaunlichen Lesesog und immer wieder Irritationen aus – wie weit lässt sich die Vernichtung der Sprache und der Dinge treiben, und wer wird den Roman eigentlich zu Ende erzählen?

Universum der Gewaltherrschaft

Dabei mutet die Welt, die die Autorin erbaut, zunächst sehr einfach an: eine namenlose Insel, einige wenige Figuren, keine historischen Hintergründe, ein anonymes politisches System, das die Bevölkerung durch die Erinnerungspolizei kontrolliert.

Diese einfache Erzählanordnung verbirgt eine Konstruktion, die die Narration einerseits permanent unterminiert und andererseits assoziativ enorm weitet. Die Topografie des Romans erscheint im Modus realistischen Erzählens zunächst vertraut, doch mit dem Schwinden der Dinge – Rosen, Hüte, Vögel, sogar Jahreszeiten – wird dieser Raum Wort um Wort entleert.

An seine Stelle tritt ein verdichtetes Symboluniversum politischer Gewaltherrschaft: Das Versteck unter dem Fußboden, die Angst vor Denunzianten und Nachbarn, die Ausgrenzung und Verfolgung von Menschengruppen, Hausdurchsuchungen, Flucht, Deportationen, brennende Bücherberge, extreme Mangelwirtschaft bei zunehmender Unterdrückung – all dies ruft historische Bilder auf, die an Diktaturerfahrungen erinnern, ohne dass der Roman sich auf eine einzelne festlegen ließe.

Löcher in meinem Herzen

Zugleich verlässt der Roman das klassische Schema, das eine zunächst systemkonforme, dann zunehmend kritische und schließlich verfolgte Person gegen einen Repressionsapparat stellt. Obwohl sie anderen zur Flucht verhilft und ihren Lektor versteckt, muss die Protagonistin erkennen, dass sie selbst Teil hat an der Zerstörung der Welt: „Die Löcher in meinem Herzen verlangen nach Brennbarem. Sie sind gefühllos, sie treiben mich dazu, Dinge zu vernichten.“

Erzählt wird aber auch, wie die Welt und die Selbstwahrnehmung vielleicht für einen Menschen mit einer Demenzerkrankung wie Alzheimer oder auch speziellen neurologischen Störungen aussehen könnte. Besonders der Schluss, an dem die Inselbewohner ganze Körperteile aus ihrer Wahrnehmung verlieren, erinnert an die Krankengeschichten des Neurologen Oliver Sacks.

Sprache und Welt, die Erinnerung und der Körper, alles entgleitet Stück für Stück und das „Herz bekommt Löcher“ als Resultat dieser permanenten Verluste. „Insel der verlorenen Erinnerung“ bezieht seine Spannung aus der Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit, in der sich existenziell Menschliches und Politisches verbinden.

Für Preise nominiert

Ogawas Roman erschien bereits 1994, die Übersetzung ins Englische 2019 brachte der Autorin Nominierungen für den National Book Award 2019 sowie den diesjährigen International Booker Prize ein.

Das Werk der in Japan vielfach, so auch mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichneten Autorin ist durch fantastische, gerne auch schauerliche Elemente und einen reduzierten, nüchternen, gleichwohl poetischen Stil geprägt. Inspiriert wurde sie von Autoren wie Jun’ichiro Tanizaki, Kenzaburo Oe, Haruki Murakami, Truman Capote und Paul Auster – aber auch vom Tagebuch der Anne Frank.

„Insel der verlorenen Erinnerung“ reiht sich ein in die Reihe großer literarischer Dystopien, namentlich Ray Bradburys „Fahrenheit 451“, George Orwells „1984“ und Paul Austers „Im Land der letzten Dinge“, eine ähnliche Thematik findet sich aber auch in Cécile Wajsbrots jüngst erschienenem Roman „Zerstörung“. Yoko Ogawa beschwört die Erinnerungsfähigkeit der Literatur, die damit zum Ort des Widerstandes gegen den „bodenlosen Morast des Herzens“, gegen Gleichgültigkeit und Vergessen wird.

Dieser Sumpf wird für die Inselbewohner ihres Romans immer nur kurz aufgewirbelt: „Nach ein paar Tagen hat sich die Aufregung schon wieder gelegt. Man geht zur Tagesordnung über, als wäre nichts geschehen. Hinterher weiß man nicht einmal mehr, was eigentlich verschwunden ist.“ Meisterwerke wie diese zeigen, welch ein Verlust es wäre, gäbe es keine Literatur mehr.

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