Neuer Roman von Sabine Peters: Die unverständliche Erwachsenenwelt

Die Schriftstellerin Sabine Peters zeichnet in ihrem neuen Roman Kindheits- und Familienmuster der sechziger Jahre nach. Sie verdient mehr Leser.

Familienszene aus den 1960er Jahren - Die Mutter serviert Tee und Gebäck im Garten für Vater und Kinder.

Familienszene aus den 1960er Jahren Foto: Oscar Poss/ullstein blid

Was Erwachsene an kleinen Kindern so mögen, ist deren spezielle Art, die Welt zu sehen und zu beschreiben. Wahlweise findet man diese wundersamen Versuche, sich die Welt verständlich zu machen, rührend, einfach nur lustig oder man schreibt ihnen eine spezifische Weisheit zu; die vorbewusster und mithin noch unkorrumpierter Denkweise, einer ursprünglichen Logik.

Sabine Peters zeigt in ihrem neuen, wie immer schmalen, wie es nun mal sein muss als „Roman“ titulierten Buch mit dem nicht eben eingängigen Titel „Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt“, dass der Prozess der Weltaneignung keiner von schnurriger Harmlosigkeit ist, sondern im Grunde genommen von großer Überforderung gekennzeichnet ist. Die lässt es als Wunder erscheinen, dass wir ihn halbwegs unbeschadet überstehen.

Marie, so heißt wie in allen in schöner Zuverlässigkeit alle zwei Jahre erscheinenden Peters-Büchern die Protagonistin, wächst in einer Familie heran, die man aus Peters’ frühem Werk „Abschied“ von 2003 kennen kann: Dort steht der patriarchalische Vater im Mittelpunkt, ein meist als „Doktor Phil“ apostrophierter „Kulturmensch“, dessen Dominanz in seiner Wissensüberlegenheit begründet ist, aber verloren geht, als er an Demenz erkrankt.

Im neuen Buch erleben wir ihn in halbwegs voller Blüte seiner Autorität: „Er hielt Vorträge und fragte ab.“ Es gehört zu den Stärken des Romans, dass er keine seiner Figuren der Lächerlichkeit oder Eindimensionalität preisgibt.

Eine gebrochene Person voller Ängste

So ist dieser Vater, der sich vom freien Journalisten über den Archivar zum Lehrer verändert, zwar recht peinlich in seiner Bildungshuberei und Besserwisserei, doch erklärt Peters wie nebenbei, warum er zu dem wurde, der er ist: nämlich eine gebrochene Person voller Ängste, deren Überlegenheitsgebaren Folge seiner Unsicherheit ist. Wenn es darauf ankommt, erweist er sich als durchaus emphatisch und stellt sich schützend vor seine Familie, sogar wenn die Töchter schlechte Noten nach Hause bringen.

Buchcover von Sabine Peters neuer Roman: „Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt“ - Ein Mädchen steht auf einer Wiese.

Sabine Peters neuer Roman: „Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt“ Foto: Wallstein

Ebenso vielschichtig, wenn auch deutlich blasser, ist die Figur der Mutter, deren Bigotterie und Duldsamkeit durch eine erhebliche Energie konterkariert wird, mit der sie sich und ihre Interessen in der Familie zu behaupten versteht.

Ähnlich wie in diesem Jahr Frank Witzels „Inniger Schiffbruch“ oder Oskar Roehlers „Der Mangel“ handelt es sich auch bei Sabine Peters’ Buch um bundesdeutsche Zeitgeschichte der sechziger Jahre, um die Schilderung einer typischen kleinbürgerlichen Familie im Spannungsfeld zwischen der Prägung durch alte Autoritäten und deren sich abzeichnender Erosion – hier ist es, darin wiederum Christoph Peters’ „Dorfroman“ ähnlich, das provinzielle Milieu, vor allem aber die katholische Kirche, die das Denken und Unbewusste beherrscht.

Für die vier Mädchen in Peters’ Familienanordnung – um zu deren eigentlichen Heldinnen zu kommen – verstärken diese allgegenwärtigen katholischen Rituale, Figuren und Normen das Grundunverständliche der Erwachsenenwelt. Was den Kindern da begegnet, ist aber auch wirklich schwer zu verstehen. In einem der kurzen Kapitel lässt Peters ihre Marie, deren Entwicklung von einer etwa Vierjährigen bis zur Pubertät der Roman nachzeichnet, einen Gottesdienst erleben, eine Schlüsselepisode, die repräsentativ für das ganze Buch steht.

Sabine Peters: „Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt“. Wallstein, Göttingen 2020, 184 Seiten, 20 Euro

Staunend beobachtet das Kind, was sich an diesem „Ort der großen Vorführung“ abspielt: „Man sagte Amen und sang. Ein Priester mit Glatze stand auf und hielt einen Vortrag. Er machte in der Ansprache aus allen Leuten eine einzige Familie, er nannte sie Brüder und Schwestern. Er stellte Fragen, die er selbst beantwortete. Man hörte zu.“

Einem solchen Erwachsenentreiben eignet ein grausames Bedrohungspotenzial: Der strafende Gott, dessen Urteile genauso unberechenbar sind wie die des Vaters, ist ebenso eine latente Gefahr wie sie vielen Märchenfiguren innewohnt, welche die Kinderwelt bevölkern.

Zugleich aber bieten diese rätselhaften Wunderwelten ein unerschöpfliches Reservoir für die kindliche Fantasie, deren Aufgabe nicht nur darin besteht, die Welt erklär- und damit bestehbar zu machen, sondern sie ganz Pippi-Langstrumpf-haft lustvoll so zu malen, wie sie einem gefällt. Etwa beim Mittagessen („Das Kartoffelpüree war ein Burgberg, in dem der Burgherr Möhrenprinzen gefangen hielt“), wenn man im Garten sitzt („Sie gebot den Wolken, bedachtsam zu regnen. Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt“) oder wenn man mit der „Mamatschi“ genannten Großmutter den Tisch deckt: „Man konnte auch tun, als wäre der Tisch ein Fußballfeld wie im Garten der Nachbarn“.

Zumindest Marie ist eine Meisterin im Ummodeln der angetroffenen und Schaffen einer eigenen Welt, deren Kosmos sich aus Missverständnissen und fröhlicher Aneignung zusammenbauen lässt: „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, und an die Zwerge, die in manchen Wäldern wohnen.“

Die anarchische Sprengkraft dieser Melange aus „Glauben und Wissen“, wie ein Kapitel programmatisch überschrieben ist, macht die Autorität der Erwachsenen nicht nur erträglich, sondern oft sogar unterlegen: „Ein Mann muss erst studieren und geweiht werden, bevor er Priester wird. Der Vater wusste nicht, dass Jutta Barbara geweiht hatte und umgekehrt, schon waren sie in Männer und Priester verwandelt, im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes, Amen.“

Zumindest Marie ist eine Meisterin im Ummodeln der angetroffenen Welt

Dass diese Prägung einen Menschen ideal für die Kunst im Allgemeinen und die erzählende im Besonderen disponiert, leuchtet ein. Im anspielungsreichen Werk von Sabine Peters finden sich besonders deutliche Spuren von Zitaten und Elementen aus biblischen Geschichten, Märchen und allerlei anderen sprachlichen Bezugssystemen. Dass Kreativität und Fantasie Schlüssel zu einem selbstbestimmten Leben, idealerweise sogar zu Freiheit und Glück sind, kann man entsprechend legitim als Kernessenz von Sabine Peters’ Roman lesen, ohne ihn überzuinterpretieren.

Distanzierte Erzählinstanz

Sein Zauber besteht in der Art und Weise, wie Peters all die Gefahren umgeht, die sich einstellen, will man die Welt aus Kindersicht darstellen. Weder legt sie ihren Roman so an, dass sich eine Erwachsene an früher erinnert, noch maßt sich sie an, in die Seele des kleinen Kindes schlüpfen zu können und aus dessen Perspektive zu schreiben.

Vielmehr gelingt ihr das Kunststück, beides in Synthese zu leisten: Nie lässt uns die konzentrierte Kunstsprache vergessen, dass hier eine distanzierte Erzählinstanz am Werk ist, zugleich ist die Haltung des Kindes absolut plausibel und stimmig – und vor allem geradezu universell: So war das, als man ein Kind war, und zwar nicht nur in den sechziger Jahren.

Nicht zuletzt ist der Roman verdichtet und vielschichtig. Da gibt es kleine Tableaus, die der Kern eines großen Gesellschaftsromans sein könnten – etwa wenn die ökonomisch stets klamme Familie reiche Verwandte besucht, in deren Ferienhaus in den Niederlanden man preiswert urlauben kann.

Da gibt es Szenen von einer verhaltenen Komik, wie sie Peters’ Bücher schon immer auszeichnet. Und es gibt einen Nachklapp, dessen surrealistisches Treiben dafür sorgt, dass wir uns nicht in der Illusion wiegen können, mit dem Verständnis des Romans leichtes Spiel gehabt zu haben, ein Mummenschanz, dessen absurde Späße Peters’ Plädoyer für die Autonomie der Fantasie bündeln und auf die Spitze treiben.

Ob die Behauptung stimmt, dass wir in einer Hochzeit (auto-)biografischer Literatur, all der Memoirs und Bekenntnisstücke, leben und lesen, sei dahingestellt. Zweifellos aber sind die Bücher der 1961 geborenen, in Hamburg lebenden Sabine Peters, die unbedingt ein größeres Publikum verdient haben, eigenwillige Glanzlichter dieser Art von Literatur. „Wir bewältigen unseren Alltag fast ohne das geringste Verständnis der Welt“, hat der amerikanische Sachbuchautor Carl Sagan festgestellt. Sabine Peters’ hinreißender Roman illustriert und widerlegt diese Aussage: Ihre Bücher zeichnet ein erhebliches Verständnis der Welt aus, sogar jener der Erwachsenen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de