Neuer Roman von Olga Grjasnowa: Die kindliche Geisel des Zaren

Olga Grjasnowa erweist sich als furchtlose Erzählerin. In „Der verlorene Sohn“ malt sie eine historische Geschichte aus Russland in frischen Farben.

Ruinen vor einer atemberaubenden Gebirgslandschaft

Gefangen im Kaukasus, plastisch erzählt Foto: Oskanov/imago

Die Geschichte ist wahr und doch kaum zu fassen: Im Jahr 1839 gab Scheich Schamil, Anführer der muslimischen Bergvölker Dagestans, die sich im Krieg mit den russischen Eroberern des Nordkaukasus befanden, dem Kriegsgegner bei Verhandlungen seinen neunjährigen Sohn als Geisel. Die Russen dankten ihm das Vertrauen schlecht. Sie stürmten dennoch die Festung Schamils, dem es zu fliehen gelang. Sein Sohn aber wurde nach Petersburg entführt und im Einflussbereich der Zarenfamilie russisch erzogen.

In ihrem vierten Roman „Der verlorene Sohn“ imaginiert Olga Grjasnowa das Leben und Schicksal dieser kindlichen Geisel: Jamalludin, der mit gleichaltrigen Jungen ein Kadetteninternat besucht, schließt die Schule mit Bestleistungen ab und geht anschließend zum Militär. Als russischer Offizier wird er zunächst in der Provinz stationiert, wo er eine junge Frau kennenlernt, mit der er sich verlobt.

Zur Heirat aber kommt es nicht, denn vorher wird Jamalludin gegen ein paar georgische Prinzessinnen ausgetauscht, die sein Vater als Geiseln genommen hatte. 15 Jahre nach seiner Entführung kehrt er in seine Heimat zurück, die ihm fremd geworden ist. Sogar seine Muttersprache hat er vergessen...

Einen solchen Lebensweg psychologisch zu fassen, ist eine schwierige Aufgabe. Olga Grjasnowa aber findet eine Art, sich ihr größtenteils zu entziehen und sie dabei doch irgendwie zu lösen. In dritter Person und durchgehend aus Sicht Jamalludins erzählt – wobei die übergeordnete Perspektive einer erzählenden Betrachterin spürbar bleibt –, schlägt der Roman einen beinahe naiven Tonfall an, der allein durch seine Schlichtheit alles Erzählte gleichermaßen versachlicht.

Olga Grjasnowa: „Der verlorene Sohn“. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 383 Seiten, 22 Euro

Das Trauma, das der entführte Junge erleidet, wird mehr oder weniger ausgespart. Die Dinge sind, wie sie sind. Menschen erleben furchtbare Dinge, und Jamalludin muss sich eben immer wieder auf ganz neue Situationen einstellen. So einfach ist das, und so lebt und überlebt er.

Dieser Roman funktioniert anders

Grjasnowa vermeidet jene gewisse erzählerische Folgerichtigkeit, die man von einem Roman normalerweise erwartet: dass neue Personen, zum Beispiel, dann ausführlich eingeführt werden, wenn sie auch für den weiteren Verlauf der Erzählung interessant sind.

Dieser Roman funktioniert anders. Immer wieder tauchen Menschen in Jamalludins Leben auf, die nur sehr kurzzeitig eine Rolle spielen, aber in dieser kurzen Zeitspanne wichtig sind: ein junger, in den Kaukasus verbannter russischer Offizier etwa, der dem Jungen während seiner Entführung nach Russland zur Begleitung mitgegeben wird.

Dieser Alexander ist, obwohl sie keine gemeinsame Sprache haben, die einzige Bezugsperson des verwirrten Kindes in dieser Phase – und wir werden neugierig genug auf sein eigenes Schicksal. Danach wird er aber sang- und klanglos aus dem Roman verschwinden. Dieses Muster der Episodenhaftigkeit wiederholt sich wieder und wieder; auch unwichtige Nebenfiguren werden oft mit einer Aufmerksamkeit bedacht, die sich für den weiteren Verlauf der Erzählung als irrelevant erweist.

Heimliche Freizügigkeit

Eine der wenigen persönlichen Konstanten in Jamalludins Leben ist ausgerechnet Zar Nikolai, unter dessen Protektion er lebt und dem er ein paar Mal begegnet. Ein paar Freunde vor allem aus Kadettenzeiten gibt es, und mit der Schwester seines besten Freundes verlobt Jamalludin sich schließlich auch. (Die heimliche Freizügigkeit, die die Autorin dieser Beziehung andichtet, dürfte allerdings kaum den Gepflogenheiten der Zeit entsprochen haben, sondern auf den Erwartungshorizont einer heutigen Leserschaft zielen.)

Olga Grjasnowa, 1984 geboren, malt in „Der verlorene Sohn“ das Bild einer fremden Zeit, einer fremden Welt und eines nur schwer fassbaren Menschenschicksals in klaren, frischen Farben. Sie ist eine furchtlose Erzählerin. Das dürre Gerüst historischer Fakten umkleidet sie sehr frei und unbekümmert mit allerlei imaginiertem Stoff, der auch deswegen so lebendig schimmert, weil sie ihn gar nicht unnötig verbrämt.

Ihre plastische, fast volkstümliche Erzählweise macht implizit auch die Fiktionalität des Erzählten deutlich. Ob es so gewesen ist, wie sie es erzählt, oder in Wirklichkeit ganz anders war, spielt keine Rolle. Es ist eine sehr gute Geschichte. Schön und ziemlich traurig.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de