Neuer Chef der Bischofskonferenz: Heiner will mehr
Klimaschutz, Frauenweihe, Homosexuelle, Zölibat: Mit Heiner Wilmer wählt die katholische Bischofskonferenz einen progressiven Vertreter an ihre Spitze.
Der Missbrauch von Macht stecke „in der DNA der Kirche“. So sagte Heiner Wilmer einmal, kurz nach seiner Ernennung zum Bischof von Hildesheim. Dass seine bischöflichen Brüder Wilmer jetzt an die Spitze der katholischen Kirche in Deutschland gewählt haben, lässt zumindest auf eine gewisse gentechnische Veränderung hoffen.
Wilmer, Jahrgang 1961, ist ein Bauernkind aus dem Emsland. Er besuchte ein Gymnasium der Herz-Jesu-Priester, nach dem Abitur trat er selbst diesem Orden bei, studierte Theologie, Romanistik und Philosophie in Freiburg und Paris.
Eine Zeit lang arbeitete Wilmer als Lehrer in der New Yorker Bronx, leitete dann eine Schule der Herz-Jesu-Priester und wurde 2007 Provinzial seines Ordens in Deutschland. 2015 wechselte er nach Rom, um die weltweite Leitung der Herz-Jesu-Priester zu übernehmen. 2018 ernannte Papst Franziskus Wilmer zum Bischof des relativ armen Diasporabistums Hildesheim.
Am Dienstag dann wählte die Deutsche Bischofskonferenz Wilmer in Würzburg zu ihrem neuen Vorsitzenden. Als solcher folgt er dem Limburger Bischof Georg Bätzing, der dem mächtigsten Gremium in der deutschen katholischen Kirche seit 2020 vorstand und nicht mehr zur Wahl angetreten war.
Verkommene Moralinstitution
In seinem ersten Statement als neuer Vorsitzender der deutschen Bischöfe verwies Heiner Wilmer auf die Rolle der Kirche für die Gesellschaft. Sie sei für viele Menschen ein „wichtiger Anker“ und mit ihrem sozialen Engagement eine Säule in der Gesellschaft. Außerdem wolle sie Botschafterin des Friedens sein. In der Vergangenheit hatte sich Wilmer immer wieder gegen Rüstungsexporte, insbesondere in Kriegs- und Krisengebiete, ausgesprochen. Auch zum Zustand der Demokratie und des Sozialstaats hat er sich wiederholt zu Wort gemeldet sowie zur Notwendigkeit von konsequentem Klimaschutz.
In der innerkirchlichen Debatte gilt Wilmer als progressive Stimme. 2019 kritisierte er, dass die katholische Kirche im 20. Jahrhundert in Verkündigung abgeglitten sei, die dazu geführt habe, dass die Kirche zu einer „Moralinstitution verkommen“ sei. Mit Fokus auf das, „was unter der Bettdecke passieren darf“.
Es könne nicht sein, sagte Wilmer ein andermal, „dass durch die kirchliche Lehre Menschen verletzt oder diskriminiert werden“. Eine solche Haltung könne nicht dem Willen Jesu Christi entsprechen. Als „richtungsweisend“ begrüßte Wilmer die römische Erlaubnis zur Segnung homosexueller Paare.
Wilmer will darüber reden, ob der Zölibat wirklich für alle katholischen Priester verpflichtend sein muss, und wünscht sich mit Blick auf die Frage nach der Weihe von Frauen eine offene Gesprächskultur. Allen vatikanischen Sprechverboten zum Trotz. In seinem eigenen Bistum gibt es bereits alternative Leitungsmodelle, auch Frauen besetzen dort Führungspositionen.
Das System ist ein Sünder
Der Machtmissbrauch in der Kirche, sexualisierte Gewalt inklusive, erfordere „ein radikales Umdenken“, sagte Wilmer einmal. Es gebe nicht nur den Einzelnen als Sünder, sondern auch „Strukturen des Bösen“. Um das Böse in der Kirche einzudämmen, müsse es Gewaltenteilung geben.
Die sollte in den letzten Jahren durch den sogenannten Synodalen Weg gelingen. Wilmers Vorgänger war ein entschiedener Befürworter dieses Demokratisierungsprozesses innerhalb der deutschen katholischen Kirche, hat aber deutlichen Gegenwind aus Rom und von konservativen deutschen Oberhirten bekommen. Dass er Gegenwind fürchtet, darauf lässt das bisherige Auftreten des neuen Oberoberhirten nicht schließen.
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