Neue Szenarien zur Klimaneutralität: Mehr Tempo, mehr Geld

Der Weg zur Klimaneutralität 2045 ist weit, sagt die Wissenschaft. Heißt: Das Ausbautempo beim Ökostrom muss sich bis 2030 verdreifachen.

Windräder vor einem Regenbogen

Braucht es künftig sehr viel mehr: Windräder in Deutschland Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

BERLIN taz | Wann und wie SPD, Grüne und FDP bei ihren Sondierungen für eine neue Regierung über die Klimaziele reden, ist derzeit ein gut gehütetes Geheimnis. Was sie allerdings an Maßnahmen beschließen müssen, um das gesetzlich fixierte Ziel von Klimaneutralität 2045 anzupeilen, das hat ihnen am Montag eine Gruppe von Forschungsinstituten und Thinktanks indirekt auf den Verhandlungstisch gelegt.

Es zeigt sich: die Aufgabe ist gewaltig: Die Öko-Energien müssen viel schneller viel größer ausgebaut werden als bisher geplant; die CO2-Preise für Verkehr und Gebäude müssen rasant steigen; und trotzdem werden in den nächsten Jahren die Vorgaben des Klimaschutzgesetzes (KSG) kaum erfüllt werden. „In der Politik wird oft noch unterschätzt, wie tiefgreifend der notwendige Umbau zur Klimaneutralität 2045 ist“, sagte Gunnar Luderer, Vize-Leiter der Abteilung Transformationspfade am Potsdam Institut für Klimaforschung (PIK) und einer der Hauptautoren der Studie „Deutschland auf dem Weg zur Klimaneutralität 2045“.

In diesem „Ariadne“-Projekt, finanziert vom Bundesforschungsministerium, haben etwa ein Dutzend Forschungsinstitute und über 50 AutorInnen gearbeitet. Sie haben zum ersten Mal zehn Modelle und sechs Szenarien verglichen, wie Deutschland sein selbst gestecktes Ziel der „grünen Null“ erreichen kann. Denn bislang beschreibt etwa das KSG nur das Ziel, nicht den Weg: Wo soll der grüne Strom herkommen? Was ist der günstigste Weg zur Klimaneutralität?

Die Botschaft an die nächste Regierung ist trotz mancher Unsicherheiten und Unterschiede klar: Es muss sehr schnell sehr viel passieren. Einige Beispiele: Das Ausbautempo von Wind- und Sonnenstrom muss sich bis 2030 verdreifachen, und 35 Prozent der bisher genutzten Energie müssen über bessere Effizienz und Elektrifizierung eingespart werden. CO2-Speicher im Wald, aber auch in der technischen Lagerung wie beim umstrittenen CCS müssen eine Rolle spielen.

Schon bis 2030 müssen nicht nur etwa 10, sondern etwa 14 Millionen E-Autos auf den Straßen rollen und die Sanierungsrate bei Gebäuden auf 1,5 bis 2 Prozent im Jahr praktisch verdoppelt werden. Flächendeckend müssen 5 Millionen Wärmepumpen als Heizung dienen und 1,6 Millionen Gebäude an die Fernwärme angeschlossen werden. Die Industrie braucht schnell grünen Wasserstoff und Preise, die Strom gegenüber Erdgas bevorzugen. Alle diese Ziele seien „extrem herausfordernd“ und nur mit „massiven Investitionen und zusätzlichen politischen Maßnahmen“ in praktisch allen Sektoren zu schaffen, heißt es.

Klar wird aber auch: Der Verkehr und die Gebäude werden die Sorgenkinder bleiben, die ihre Vorgaben im KSG kaum erfüllen – umso mehr müsse dann die Stromwirtschaft erbringen. Höhere Preise im EU-Emissionshandel würden dazu führen, dass der Kohleausstieg bereits etwa 2030 komme, worauf sich die Politik vorbereiten müsse. Und bei Verkehr und Gebäuden zeigen die Modellrechnungen, dass neben anderen Instrumenten die CO2-Preise massiv steigen müssen, wenn die Klimaziele in Reichweite bleiben sollen: für 2025 auf 100 Euro pro Tonne statt wie bisher geplant 55 Euro; 2030 bereits auf 300 Euro und 2045 auf 500 Euro. Das müsse die Politik „sozialverträglich gestalten“.

Rückzahlung über Strompreissenkung

Wie das aussehen könnte, zeigte am Montag unabhängig von den „Ariadne“-Ergebnissen eine Studie des Leibnitz Instituts für Wirtschaftsforschung RWI und des PIK Demnach sollte zuerst der Strompreis deutlich gesenkt werden, um ärmere Haushalte stärker zu entlasten. Bei weiter steigenden Preisen sollte eine Rückzahlung an alle BürgerInnen den „sozialen Sprengstoff“ daraus entschärfen. Mit dem Geld wie bisher die Pendlerpauschale oder Subventionen für E-Autos zu finanzieren, sei „insgesamt ungeeignet“, hieß es. RWI-Präsident Christopf M. Schmidt sagte: „Ob die Bevölkerung höhere CO2-Preise mitträgt, wird entscheidend davon abhängen, wie die Einnahmen aus der Bepreisung verwendet werden.“

69 große Unternehmen jedenfalls haben am Montag ebenfalls Druck gemacht Von einer neuen Regierung bräuchten sie „unbedingt politische Rahmenbedingungen, die klimafreundliche Technologien wirtschaftlich machen“, erklärten Konzerne wie Adidas, Eon, Heidelberg Cement, Rewe, Puma, die Otto Group oder die Salzgitter AG. Nötig seien eine „Umsetzungsinitiative“ für die ersten 100 Tage, eine Reform der Steuern und Abgaben, mehr Ökostrom, schnellere Genehmigungen und eine Vorbildfunktion der öffentlichen Hand.

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