Neue Musik aus Berlin: Bis die Pilze wirken

„Wollny – Parisien – Lefebvre – Lillinger“ fassen im Album „XXXX“ acht ­Stunden Material aus gemeinsamen Sessions in 45 Minuten zusammen.

Bandfoto von „Wollny – Parisien – Lefebvre – Lillinger“

„Wollny – Parisien – Lefebvre – Lillinger“ Foto: Jörg Steinmetz

Bei musikbegeisterten Menschen dürfte schon der Name dieses neu zusammengewürfelten Quartetts Vorfreude auslösen: „Wollny – Parisien – Lefebvre – Lillinger“. Gemeinsame Sache machen hier Michael Wollny, einer der wohl bekanntesten deutschen Jazzpianisten jüngerer Jahre, Tim Lefebvre, US-amerikanischer Bassist und Bowie-Kollaborateur (auf „Blackstar“), der französische Sopransaxofonist Emile Parisien und der Berliner Drummer Christian Lillinger, den man am ehesten als umtriebigen Unruheherd charakterisieren könnte.

Alle wirken in zig verschiedenen Ensembles mit, in dieser Kombination haben sie an vier Abenden Ende 2019 im Charlottenburger A-Trane zusammen gespielt. Acht ­Stunden Material sind dabei entstanden, auf dem Album „XXXX“ sind 45 Minuten davon zu hören.

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Albumcover "XXXX"

Wollny – Parisien – ­Lefebvre – Lillinger: „XXXX“ (Act Music/Vision), erscheint am 30. April

Was für rauschhafte Erlebnisse diese Sessions waren, lässt sich daran ablesen, dass die ­Molekularstruktur von Psilocybin – dem Stoff, aus dem die Magic-Mushroom-Träume sind – auf dem Cover zu sehen ist. Tatsächlich klingt gleich der zweite Track, „Dick Laurent Is Dead“, nach Experimentierlust, Ausschweifung und Ex­zess:­ über­dreh­te Synthesizer (Wollny) treffen da auf sich eingroovende Gitarrentonfolgen, das hypernervös klackernde Schlagzeug Lillingers findet kongenial mit Parisiens Saxschleifen zusammen.

Es ist dann auch diese Grenzen- und Atemlosigkeit, die „XXXX“ für den Hörenden zu einem großen Abenteuer macht: An „Too Bright in Here“ mit seiner Space-Ästhetik hätte anfangs wohl auch Jean-Michel Jarre seine Freude, ehe das Stück unversehens in Richtung verjazzten Postrocks abbiegt.

In „The Haul“ nehmen die vier Herren das Tempo dann etwas raus, da beginnen die Pilze vielleicht richtig zu wirken, jedenfalls klingen Saxofon und Bassgitarre sehr progrockmäßig. Bei „Nörvenich Lounge“ könnten dann Minimal-House-Freunde an den Synthesizern Gefallen finden, durch Saxofon und Bass kommen auch Jazz- und Rock-Anteile hinzu. „Michael vs. Michael“ ist dagegen programmatisch, da scheinen sich die verschiedenen Synthies des Michael Wollny zu batteln. Alles in allem: Zeug, das gut knallt.

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ist freier Journalist und Autor. Er schreibt vor allem über Musik, Literatur, Sport, Gesellschaftsthemen. Arbeitet seit 2011 für die taz, derzeit auch als Redakteur im Wochenend-Ressort.

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