1.478 Tage Krieg in der Ukraine: Hinfallen und aufstehen
Die Kulturbegeisterung der Ukrainer hat in den Kriegsjahren zugenommen. Doch Kunst spielt auch Millionenspenden für die Armee ein.
E s war wohl eine der erstaunlichsten Schlangen in meinem Leben. Anderthalb Stunden standen meine Familie und ich an einem der ersten frühlingswarmen Tage zusammen mit einigen Hundert Menschen vor der Zenyk-Kunstgalerie in Lwiw. Dort werden seit Ende Februar Bilder von Taras Schewtschenko gezeigt – dem ukrainischen Genie, das weltweit vor allem als Lyriker bekannt ist und als Künstler unterschätzt wird.
An diesem Vormittag wurde in der Schlange nicht nur über den Frühlingsanfang gesprochen, sondern auch über den Beginn des Krieges gegen Iran und die neuen russischen Luftangriffe auf ukrainische Städte. Aber letztendlich war das dann doch Nebensache. Denn alle wollten eigentlich nur eins: So schnell wie möglich die Werke von Schewtschenko sehen, insbesondere das Gemälde „Kateryna“, das er 1843 gemalt hatte.
berichtet als freier Journalist aus der Ukraine. Er lebt im westukrainischen Luzk und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Ich will nicht sagen, dass mich der Hype um die Ausstellung in dieser Galerie wirklich überrascht hätte. Auch früher habe ich hier schon Hunderte von Menschen gesehen, die die Bilder von Iwan Aiwasowskij, Ilja Repin, Iwan Martschuk und sogar die Street-Art-Bilder von Banksy sehen wollten. Aber dieser erstaunliche Trend des unermüdlichen und für viele paradoxen Interesses der Ukrainer an Kultur zieht sich durch alle vier schrecklichen Jahre des Krieges, in dem unser Land für seine Unabhängigkeit kämpft.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Kunst im Kriegskontext
Zwischen dem Alltagstrott, der Arbeit, der Zeit in der Metro während der Luftangriffe und philosophischen Betrachtungen darüber, was aus dieser Welt wird, kaufen Ukrainer Theaterkarten, strömen zu Zehntausenden in Konzerte ihrer Lieblingssänger oder -chöre, besuchen Literaturfestivals, stehen Schlange, wenn Schriftsteller ihre Bücher signieren. Und besuchen Galerien für zeitgenössische Kunst.
Aber diese Kunstevents sind keine, die vom sie umgebenden Armageddon losgelöst wären. Die Kunst ist in den Kontext des Krieges eingebunden. So werden zum Beispiel in der westukrainischen Stadt Luzk neben dem 2.000-Quadratmeter-Gemälde „Kosmogonie“im Korsawkiw-Museum für zeitgenössische Kunst Erste-Hilfe-Sets für die Front gepackt.
Dieser Artikel wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung des Recherchefonds Ausland e.V. Sie können den Recherchefonds durch eine Spende oder Mitgliedschaft fördern.
Konzerte von Serhij Zhadan oder Swjatoslaw Warkatschuk spielen Millionen von Hrywnja an Spenden für die Armee ein. Und die Topstars des internationalen Literaturfestivals „Zemlia poetiv“ (Land der Dichter) in Lwiw sind diejenigen Autoren, die zur Armee gegangen sind.
Ich freue mich unglaublich über dieses riesige Kulturinteresse. Und ich habe Tränen in den Augen über diese moderne Verkörperung des hippokratischen Aphorismus „Vita brevis, ars longa“ (Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang).
Ukrainische Kunst gefragter denn je
Denn dabei erinnere ich mich an die 1990er und Nullerjahre, als es schwierig war, ein gutes Buch in ukrainischer Sprache zu kaufen, als ukrainische Sänger auf Russisch umstiegen, um auch in Russland auftreten zu können, und Museen und Galerien nur mit Mühe überlebten.
Abends waren wir dann übrigens noch auf einem Konzert von Kryhitka. Die Gruppe spielt Lieder im Indie-Pop- oder Pop-Rock-Stil. Ihre Frontfrau Sasha Koltsova hat mir mit einer Zeile fast das Herz gebrochen: „Ich sage mir mit jedem Tag lauter und lauter: ‚Fall hin und steh wieder auf.‘“
Der Krieg hat die Ukrainer gezwungen, sich bewusst zu machen, dass das Leben kurz und die Kunst ewig ist. Und er hat sie gelehrt, hinzufallen, aber jeden Tag wieder aufzustehen.
Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
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