Netzkünstler Jon Rafman in Düsseldorf: Wenn Androiden träumen
Trotz der Missbrauchsvorwürfe gegen ihn zeigt das Düsseldorfer K21 eine große Einzelschau von Jon Rafman. Als erstes Haus in Deutschland nach Bekanntwerden der Anschuldigungen.
Foto: Achim Kukulies
Die wackeligen Bilder sehen aus, als wären sie mit einer GoPro-Kamera aufgenommen. Wir sehen alles wie bei einem Ego-Shooter-Computerspiel aus der Perspektive eines hypermobilen Betrachters am Lenkrad, der mit großer Geschwindigkeit wie bei einer Verfolgungsjagd mit dem Auto wilde Runden in einer nächtlichen, menschenleeren Innenstadt dreht, dann auf eine Schnellstraße rast. Am Straßenrand karge Zweckbauten.
An der Wand eines Hauses läuft ein Zwerg hoch. Eine Tankstelle geht in Flammen auf. Dann die Raffinerie dahinter. Wenige Augenblicke später segeln wir in ein nächtliches Feuerwerk auf dem Nollendorfplatz in Berlin, als würden wir zu Silvester auf der U1 subwaysurfen.
Unsere Perspektive und unsere Bewegung folgen den zum Himmel strebenden Funken. All das gehorcht einer Logik, die gleichzeitig so zwingend und so absurd ist wie in einem Albtraum.
Jon Rafman: „Main Stream Media“, K21, Düsseldorf, bis 27. September. Katalog (Hatje Cantz): 35 Euro. Viele der genannten Videos sind auf www.jonrafman.com frei streambar.
Der amerikanische Schriftsteller Philip K. Dick fragte einst im Titel eines seiner bekanntesten Werke, ob Androiden wohl von elektrischen Schafen träumen. Nein, kann man ihm heute antworten. Die Träume von Androiden dürften eher so aussehen wie die Collagen und Videos, die derzeit in der Ausstellung „Main Stream Media“ des kanadischen Künstlers Jon Rafman in Düsseldorf zu sehen sind: wirre, verstörende, aber gleichzeitig auch erschreckend luzide Bildkombinationen.
Computergenerierte Katastrophenbilder
Wie die in den Videos „Catastrophonics I–IV“, in denen viral gegangene Clips aus den sozialen Medien auf computergenerierte Katastrophenbilder von Fluten, Unfällen, Großbränden oder Kriegsszenen treffen und den Betrachter gnadenlos in ihren Sog ziehen. Manche dieser Bilder hat man im Netz gesehen.
Andere hat es so nie gegeben. Und gezeigt wird das Ganze aus der ewigen Wackelperspektive von Handyaufnahmen, als gäbe es die ganze Welt nur noch, damit wir unsere Smartphones darauf richten können. Irgendwann hat man das Gefühl, das Internet würde einen vollkotzen.
Die Abgründe, die das Netz sichtbar gemacht hat, sind von jeher das obsessive Thema des 1981 geborenen Rafman. Als Künstler der Post-Internet Art war sein Material seit Beginn seiner künstlerischen Laufbahn der Unterbauch des Internets. „Wir sind alle zu Filtern geworden. Unsere Identität wird zum Teil dadurch bestimmt, was wir uns im Netz ansehen und worüber wir hinweggehen“, sagte der Kanadier in einem 2015 veröffentlichten Gespräch mit dem Autor.
Er selbst nahm im Netz vorwiegend Abwegiges, Verstörendes und Ekelerregendes wahr: Seinen künstlerischen Durchbruch hatte er 2010 mit der Fotoserie „9 Eyes“ – benannt nach den neun Kameras, mit denen zu dieser Zeit Google die Welt für seinen Dienst Street View abzufotografieren begann.
„9 Eyes“ war der Blick in eine Welt des Grauens
Was als nützliches Werkzeug für die Orientierung im physischen Raum gedacht war, wurde in Rafmans Händen zum Blick in eine Welt des Grauens: Schlägereien vor Kneipen, Bewaffnete irgendwo in einer Wüste, ein Mann, dessen Kopf in einem Müllcontainer steckte. Rafman hatte das Internetsurfen zu einer eigenen Kunstform gemacht.
Auch Videoarbeiten wie „Still Life (Betamale)“ (2013) oder „Egregores“ (2021) schöpften mit vollen Händen aus den Kloaken des Internets, mit besonders viel Gusto aus dem Imageboard 4chan. Diese Exkursionen in das Reich der Internettrolle, NEETs und Incels lieferten traumatische Bilder von bewaffneten Furries, deformierten Computerspielfiguren oder verwahrlosten Gamerhöhlen, die auch in der Düsseldorfer Ausstellung auf historischen Röhrenmonitoren zu sehen sind. „Ich denke, dass diese Art, die Welt zu betrachten, eine logische Konsequenz dessen ist, was tagtäglich im Internet geschieht“, sagte Rafman 2015.
Die Düsseldorfer Ausstellung ist die erste große Überblicksschau des Künstlers in Deutschland. Bereits 2020 war eine Einzelausstellung im Kunstverein Hannover geplant gewesen. Die wurde aber nach Missbrauchsvorwürfen gegen den Künstler wieder abgesagt. Die Montreal Gazette hatte berichtet, er habe sexuelle Beziehungen gehabt, die von den beteiligten Frauen als manipulativ und degradierend empfunden wurden. Allerdings musste die Tageszeitung im Rahmen eines Vergleichs drei Artikel wieder zurückziehen – weil sie den Künstler vor Veröffentlichung nicht mit dem Vorwurf konfrontiert hatte.
Rafman-Ausstellungen in Kanada und USA abgesagt
Rafman entschuldigte sich später, betonte aber, dass es sich um „einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen“ gehandelt habe. Trotzdem hatte die Sache Folgen: das Musée d’art contemporain de Montréal brach seine laufende Rafman-Präsentation ab, das Hirshhorn Museum in Washington legte eine geplante Einzelausstellung auf Eis, und Rafmans damalige Montrealer Galerie Bradley Ertaskiran beendete die Zusammenarbeit.
Nicht so das Düsseldorfer K21. „Main Stream Media“ zeigt neben den bereits bekannten Collagen aus Internet-Found-Footage auch neue Arbeiten, die mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden sind.
Mit beträchtlichem Einfallsreichtum unterläuft Rafman dabei die normativen Vorgaben von KI-Videogeneratoren. Diese Systeme sind darauf trainiert, Bilder und Videos auf Grundlage statistisch gelernter Muster zu erzeugen; die visuellen Welten, die sie hervorbringen, wirken deshalb aseptisch und normschön. Rafman hingegen promptet so, dass unübersehbar wird, wie wenig die KI von den Bildern versteht, die sie produziert – und wie sie darum wahllos Motive, Formen und Bedeutungen zu grotesken visuellen Bricolagen zusammenschmeißt, wenn man sie lässt.
Videoslop am Fließband
Wohl dank KI kann Rafman solchen Videoslop jetzt wie am Fließband produzieren und zeigt in der Ausstellung einen Ausschnitt des fiktiven KI-Fernsehsenders „Main Stream Media Network“, der wie eine automatische Kombination aus dem alten MTV und „Wayne’s World“ wirkt. Gucken kann man das Ganze in Möbeln, die mit Motiven aus den Videos bedruckt sind. Auch wenn die hohen Hallen im K21 Rafmans Anliegen, den Besucher ganz in sein visuelles Universum einzuatmen, entgegenstehen, beginnt die Ausstellung dennoch irgendwann wie Doomscrolling im physischen Raum zu wirken.
Die ästhetischen Methoden von Jon Rafman sind ebenso wenig subtil wie seine Gesellschaftsanalyse. Aber in der Grobheit liegt ihre Stärke: Rafman bringt eine diffuse Erfahrung der Gegenwart auf die drastische Formel einer Bilderhölle, in der Katastrophe und Unterhaltung, die mediale Aufzeichnung der Wirklichkeit und ihre Simulation nicht mehr zu unterscheiden sind.
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