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Netanjahu in BudapestTrump, Orbán, Friedrich Merz

Kommentar von Pauline Jäckels

Mit seiner ausgesprochenen Einladung an den israelischen Regierungschef stellt sich Friedrich Merz bewusst in eine Reihe mit Autokraten. Und die SPD guckt zu.

Gute Stimmung beim Besuch von Benjamin Netanjahu in Ungarn: Auch Friedrich Merz hat bereits eine Einladung ausgesprochen Foto: Balazs Mohai/dpa

B enjamin Netanjahu wird bei seinem Besuch in Ungarn nicht festgenommen – trotz Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs und obwohl Ungarn das römische Statut unterzeichnet hat, das Budapest zur Festnahme verpflichtet. Klar, Autokraten, die Autokraten schützen – da ist niemand überrascht. Immerhin ist Viktor Orbán konsequent, bei ihm gilt gleiches Unrecht für alle. Nicht nur Netanjahu, sondern auch Wladimir Putin wird von ihm nicht dem Gericht in Den Haag ausgeliefert.

Das Schweigen der Bundesregierung, die sonst sehr gerne scharfe Worte in Richtung Orbán schickt, spricht Bände. Schon vor Monaten hatte sich die SPD unter Druck der Union davor weggeduckt, sich zum Internationalen Recht zu bekennen und eine Festnahme im Falle eines Netanjahu-Besuchs anzukündigen. Jetzt, da der Koalitionspartner in spe Friedrich Merz den mutmaßlichen Kriegsverbrecher auch nach Deutschland eingeladen hat, wird es ein solches Bekenntnis von den Sozialdemokraten erst recht nicht mehr geben.

Wenn der künftige Bundeskanzler sagt, er werde Wege finden, um die Festnahme zu verhindern, sind sich Rechtsexperten einig: Diese Wege gibt es, aber sie sind illegal. Insbesondere, weil sich die Bundesregierung zur Frage einer Putin-Festnahme deutlich positioniert hatte, muss sie den Fall Netanjahu laut Einschätzung des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages gleich behandeln. Merz reiht sich mit seiner Ansage wissentlich hinter den Autokraten Trump und Orbán ein. Und die SPD? Die steht still daneben – bloß nicht die Koalitionsverhandlungen gefährden!

Damit untergraben CDU und SPD das Völkerrecht doppelt: Diejenigen, die es in erster Linie als Hindernis für ihre völkerrechtswidrigen Vorhaben sehen, werden sich noch freier fühlen, es zu umgehen, jetzt, da selbst der einst wichtigste Verteidiger des internationalen Rechts es nicht mehr befolgt. Auch Merz selbst gehört dazu. Und wer sich von links gegen das Völkerrecht positionierte, weil es ein Mittel westlicher Mächte sei, das diese nur selektiv gegen die eigenen Gegner anwenden, wird einmal mehr bestätigt.

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6 Kommentare

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  • Das Völkerrecht soll Recht regeln zwischen "Völkern" respektive Staaten. Es gibt keine Instanz, die solch ein Recht auch garantieren kann. Und so entscheidet, wer die Macht hat oder die Mehrheit der Staaten hinter sich. Würde sich ein Block autokratischer Staaten gegen den im Abstieg befindlichen Westen erfolgreich formieren, würde dieser das Völkerrecht definieren. Die "Staatengemeinschaft" ist eine Gemeinschaft von Staaten und nicht von Menschen.

  • Volle Zustimmung. Es ist schon extrem traurig aber erzeugt auch Wut, das sich gerade europäische Länder so an der Untergrabung vom internationalen Recht beteiligen. Das wird uns allen nochmal auf die Füße fallen. Und gerade Europa hatte sich ja auch für die Bildung des IStGH stark gemacht um eben auch einzelne Personen für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord zur Rechenschaft zu ziehen, wenn die Gerichte in den jeweiligen Ländern nicht in der Lage oder Willens sind, dies selber zu tun. Die Opfer dieser Verbrechen bleiben wieder einmal auf der Strecke. Über die redet auch ein Merz nicht und die SPD/ Grünen geben seit Monaten die gleichen mittlerweile bedeutungslosen Floskeln von sich: man muss sich an Völkerrecht halten und die Lage ist katastrophal, wir sind besorgt, etc. Die letzte Pressekonferenz vom AA zeigte es wieder deutlich, keine Konsequenzen für eine über 4 Wochen andauernde Totalblockade von Hilfslieferungen außer angebliche Gespräche mit der israelischen Regierung und nach Monaten ist keine Entscheidung gefallen ob man Netanjahu verhaften würde. Es ist schon erstaunlich und erschreckend was man hier für Lehren aus unserer Geschichte zieht!

  • Zwei Krähen die sich kein Auge auskratzen.

    Und wir schauen zu.

  • Orbán und Netanyahu sind beide gewählt… was soll das Geschwätz von den „Autokraten“?

    • @Earl Offa:

      Orbán und Netanyahu sind beide Autokraten, die ihre Länder undemokratisch regieren und rechtsstaatliche Institutionen und Mechanismen behindern, ignorieren und offensiv abschaffen. "Geschwätz" ist etwas anderes.

      • @Günter Picart:

        Gewählte Autokraten also?



        Klar, dass Regierende u.U. auch Verfassungsänderungen* vornehmen, um das demokratische System ihres Staates auf sie maßzuschneidern, sowas soll es geben. Es wird dann immer behauptet, mit der neuesten - gerade aktuell kritisierten - Maßnahme sei das betreffende Land jetzt aber endgültig in die Diktatur/Rechtlosigkeit abgedriftet… komischerweise beim nächsten Mal dann wieder das Gleiche… (vielleicht so, wie der ewige „Rechtsruck“? Nein, wohl nicht ganz).



        Groß auch immer die Einmischung in die Angelegenheiten anderer, wohingegen man sich derlei natürlich auf das Strengste verbittet und bis zur Hysterie Angst hat, es könnten sich fremde, einem nicht wohlgesinnte Mächte in anstehende Wahlen einmischen… lächerlich!

        *War da nicht auch hierzulande neulich eine Aktion, bei der ein Gerade-Noch-Parlament durchaus Wichtiges geändert hat…