: „Nein, Nö, Nie“
Foto: Christiane Wagner, © Gabriele Stötzer; Courtesy Künstlerinnengruppe Erfurt
Von Stephanie Grimm
Erst im Gefängnis, so wird Gabriele Stötzer auf einer Wandtafel ihrer Werkschau „Dabei sein und nicht schweigen“ zitiert, sei ihr wieder eingefallen, dass sie als Kind ja Künstlerin werden wollte. Und in einem Radiointerview fügte sie hinzu, dass sie nach der Haft 1977 dachte: „Jetzt gehst du in die Kunst, da wirst du nicht gleich verhaftet“. Das eindrucksvolle Ergebnis ist jetzt im Berliner Gropius Bau zu sehen. Und vergangenen Samstag trat Stötzer dort auch mit ihren einstigen Mistreiterinnen, der Künstlerinnengruppe Erfurt, mit der Performance „Exterra in the Air XX“ auf; eigens dafür haben sie sich noch einmal zusammengetan.
Doch zurück zu Stötzers Konflikt mit der DDR-Staatsmacht. Die damalige Pädagogikstudentin Stötzer wurde exmatrikuliert und im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck inhaftiert, weil sie gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann protestiert hatte. Nach einem Jahr Haft sollte sie sich in der Produktion bewähren.
Was jemanden wohl dazu bringt, Kunst zu machen, gegen alle Widerstände? Diese Frage beim Rundgang durch die Ausstellung mitlaufen zu lassen, kann für ein stimulierendes Grundrauschen sorgen: Kunst als ein Weg, sich seiner selbst zu vergewissern, als Widerstand gegen ein rigides Lebensumfeld, das persönliche Entfaltung ausbremst. Für Stötzers vielgestaltiges Schaffen gab es schließlich jenseits der bohemistischen Blase, in der sie sich in der DDR bewegte (und die durch Abwanderung vieler Freund:innen in den Westen immer weiter schrumpfte) weder Ruhm noch Ehre.
Zeichnungen, Textilarbeiten, einige Ölbilder, Texte und natürlich Fotoserien. Die sind der vielleicht anregendste Teil der Ausstellung, finden darin doch alle bestimmenden Medien Stötzers – Film, Malerei und das Performative – zusammen. Und natürlich ihre Super-8-Filme. Die sollte man sich ausstellungsdramaturgisch vielleicht bis zum Schluss aufheben, auch wenn sie gleich am Eingang ausgestellt sind. Damit erschließen sie sich einfach besser.
Die weibliche Urkraft
Etwa 150 Exponate umfasst die Berliner Retrospektive, von kubistisch inspirierten frühen Porträts bis hin zu neuen Arbeiten der 73-Jährigen: Riesige flauschig-bunte Frauenfiguren aus Wolle, auf Gitternetz verwoben und dekoriert mit Keramik-Brüsten. „Undine kommt“ hat sie eine dieser Arbeiten genannt, in Anlehnung an Ingeborg Bachmanns Kurzgeschichte „Undine geht“ (1961 ). Die mythologische Figur soll als „weibliche Urkraft“ bitte genau hingucken, angesichts des zerstörerischen Wahnsinn, der vielerorts entfesselt wird. Am anderen Ende des Sinnlichkeitsspektrums steht die „Lippen mit Draht“-Fotoserie von 1983. Für diese verformte sie einen Frauenmund mit Metallfäden – eine monochrome Bebilderung des Zustand, nicht frei sprechen zu können.
Stötzer verbindet aktivistischen Ernst mit schalkhafter Leichtfüßigkeit. Und zudem eine realistische Körperlichkeit mit mythologisch-phantasischer Aufladung. Ihre Gefängnis-Erfahrungen schwingen bei letzterem oft mit – vielleicht nicht zuletzt dadurch, dass dort die erzwungene Nähe ihr einen ehrliches Blick auf den weiblichen Körper in vielen Formen und Zuständen ermöglichte. Dieser Blick macht auch die Fotoserie „Das Gesicht der Mutter“ so berührend, in dem sie den Sterbeprozess der Mutter einer Freundin begleitete.
Foto: Ralf Klement, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Courtesy LOOCK Galerie, Berlin
Ihr breites Spektrum an künstlerischen Mitteln und Motiven war auch pragmatischen Überlegungen geschuldet. So präsentierte sie ihre Fotoserien gerne in Leporellos, ließen sich diese Faltbücher doch leicht verstecken. Denn ihre künstlerischen Aktivitäten wurden eng überwacht, ohnehin war die dissidentische Kunstszene in der DDR von der Stasi unterwandert. Jedoch wird in der Ausstellung vom Frühstücksbrett bis zu überlebensgroßen Skulpturen Unterschiedlichstes zum Medium ihrer Ideen.
Auch die auf Stötzers Initiative hin gegründete Künstlerinnengruppe Erfurt (seit der Wende Exterra XX) strebte nicht zuletzt deshalb eine staatliche Einstufung als Modenschaukollektiv an, weil sie das zumindest ein bisschen davor schützte, Probleme zu bekommen. Schließlich waren schon die Pleinair-Happenings, die Stötzer mit anderen Künstlerinnen veanstaltet hatte – man malte, tanzte, feierte zusammen, gern nackt – 1981 von der Stasi unterbunden worden. In ihren Arbeiten jener Jahre ist ein ähnlich expressiver, genialisch-dilettantischen Geist zu spüren, wie er seinerzeit auch die Kunstproduktion auf der anderen Seite der Mauer prägte.
Von den Dächern Erfurts zum Museumsdach in Berlin
Foto: Christiane Wagner, © Gabriele Stötzer; Courtesy Künstlerinnengruppe Erfurt
Die Performance am Samstagabend fand dann auf dem Dach des Gropius Baus statt – in Anlehnung an die Aktionen auf den Dächern Erfurts, die die Künstlerinnengruppe zwischen 1984 und 1994 machte. Heute allerdings werden sie ganz offiziell auf eine Leinwand übertragen. Eine ihrer Mitstreiterinnen ist einbandagiert, eine andere trägt einen glitzernden schwarzen Umhang. Den legt sie bald ab und reibt sich mit weißer Kreide ein. Eine dritte trägt einen Krankenhauskittel, zwischendurch gebiert sie einen Luftballon. Auf ihrem Rücken steht in bunten Lettern „2% Zwangsadoptionen“, Genaueres zum Kontext erfährt man jedoch nicht. Stötzer steht bald mit freiem Oberkörper da, bemalt sich die Brüste mit roter Farbe und macht davon Abdrücke auf Papier.
„Does a racing heart speed up the rhythm of your life“ steht auf einem der Papierflieger, den sie von weit oben aus Richtung Publikum schicken. Erstaunlich viele Leute haben es sich auf dem Gelände der benachbarten Topographie des Terrors gemütlich gemacht und schauen zu. Für avantgardistisch-dissonante Sounds sorgen Bläser und Streicher. Auf halber Strecke der gut halbstündigen Performance schälen sich aus lautmalerischem Gegacker die Worte „Nein, Nö, Nie“ heraus. Danach geht es jedoch ähnlich verrätselt weiter. Am Ende löst sich alles in Gelächter auf. Die drei Bibel-Freaks, die an der nächsten Straßenecke eigentlich das Gespräch mit Passanten suchen, aber doch auch ein bisschen zugucken, wirken etwas verwirrt. Manch:e ander:e auch, dennoch wird kräftig applaudiert.
Lange stand Stötzers Kunstschaffen weniger im öffentlichen Interesse als ihr eloquentes Zeitzeugentum – zuletzt befeuert durch ihren akribisch recherchierten Bericht „Der lange Arm der Stasi: Die Kunstszene der 1960er, 1970er und 1980er in Erfurt“ (2022). Anfang des Jahres wurde nun aber bekannt, dass die 73-Jährige dieses Jahr den Kaiserring der Stadt Goslar bekommt, ein in Deutschland besonders renommierter Kunstpreis. Und jetzt noch diese große Retrospektive – übrigens die erste Soloschau einer ostdeutschen Künstlerin im Gropius Bau. Nun, besser spät als nie, denn Stötzer ist eine Entdeckung.
Gabriele Stötzer: „Dabei sein und nicht schweigen“. Gropius Bau Berlin, bis 6. Dezember Stephanie Grimm
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