Negro Leo auf dem Jazzfest Berlin: Atlantische Diaspora

Brasilianische Künstler kommen zum diesjährigen Jazzfest in Berlin. Zu ihnen gehört Negro Leo. Porträt eines umtriebigen Künstlers.

Negro Leo hockt im grünen Dickicht

Der Musiker Negro Leo Foto: Rafael Meliga

Sich dem Werk des Künstlers Negro Leo anzunähern ist keine leichte Angelegenheit. Freunde von ihm nennen das kreative Schaffen des Brasilianers ein „Minenfeld“ an Andeutungen, denen schwer zu folgen ist. Andere beschreiben den Sänger, Komponisten und Musiker als „Brunnen der Weisheit“. Eines ist klar: Negro Leo steht vielleicht wie kein Zweiter für den kaum verortbaren Sound des zeitgenössischen Undergrounds von São Paulo, dem bei dem am Donnerstag (4.11.) beginnenden Jazzfest (neben den Szenen Johannesburgs und Kairos) ein Schwerpunkt gewidmet ist.

Es sind experimentelle Klänge, die über das klassische Liedformat hinausgehen, Künstler:innen, die sich dem freien Spiel hingeben. Kein Wunder also, dass Negro Leo Charlie Parkers Livealbum „Bird is Free“ als prägendes Werk nennt. Die wichtigsten Einflüsse der Musik São Paulos, so schreiben die Jazzfest-Kurator:innen Manoela Wright und Juliano Gentile, kämen „aus dem Ausland oder aus anderen Teilen des Landes, im Gegensatz zu Städten wie Rio de Janeiro, Salvador oder Recife, wo es eine starke lokale Tradition gibt“.

Als Leonardo Campelo Gonçalves in Maranhão im Nordosten des Landes geboren, wuchs Negro Leo in der proletarischen Nordzone von Rio de Janeiro auf. In der Stadt tauchte er auch in die kleine, aber lebendige Noise-Pop-Szene rund um das Label Quintavant ein. Vor einigen Jahren zog er dann zusammen mit seiner Frau, der Sängerin Ava Rocha, nach São Paulo. Hier feilte er weiter an seinem vielschichtigen, oft dissonanten Werk, in dem Elektronik und akustische Instrumente miteinander kollidieren. Free Jazz greift er ebenso auf wie New Wave und Punk. Dabei geht er ziemlich produktiv zu Werke – zehn Alben hat Negro Leo in rund einem Jahrzehnt vorgelegt.

Solidarisierung mit den Unterdrückten

„Ich bin ein alter Vogel …der langsame Lauf eines alten Flusses … eine Chimäre aus den Quellen der Menschen“, singt er auf dem Album „Desejo de Lacrar“, veröffentlicht 2020. Wobei „lacrar“ ein Slangbegriff der LGBTQ-Szene ist und so viel bedeutet, wie frech und aufmüpfig sein. Dass er das durchaus in einem emanzipatorischen Sinne meint, zeigt schon sein Name: Negro Leo, der „Schwarze Leo“, wurde der Afrobrasilianer mit seinen markanten Locken zwar schon als Kind gerufen – doch ihn als Künstler beizubehalten ist eine bewusste Entscheidung in einem Land, in dem die Hautfarbe weiter der entscheidende Marker ist.

Indem er das macht, solidarisiert sich der Negro Leo mit den unterdrückten Menschen in seiner Heimat. „In Brasilien müssen wir Schwarz werden“, hat Negro Leo einmal gesagt. „Wenn ich wir sage, meine ich damit die Nation. Und wenn ich Schwarz sage, meine ich alle Menschen, die nicht weiß sind.“

Negro Leos Videoperformance ist neben Konzerten vom ICP Orchestra, Code Girl und The Killing Popes zum Auftakt des Jazzfest Berlin am 4. 11., ab 18 Uhr im Silent Green zu sehen. Weitere Konzerte von Künst­le­r:in­nen aus São Paulo am selben Ort: am 5. 11. (São Paulo Underground/Video, ab 17 Uhr), 6. 11. (Quartabê/Video und Mariá Portugal/Live, ab 19.30 Uhr) und 7. 11. (Metá Metá/Video, ab 18 Uhr)

Auch über die Musik hinaus ist der studierte Sozialwissenschaftler ein politisch denkender Mensch. Anfang des Jahres hat er etwa für die brasilianische Ausgabe des sozialistischen US-Magazins Jacobin darüber geschrieben, dass sich die Linke dringend mit dem Siegeszug der Evangelikalen auseinandersetzen müsse – deren Reichtum anbetende Wohlstandstheologie findet gerade bei ärmeren Afrobrasilianern große Zustimmung.

An der amtierenden Regierung Bolsonaro lässt er kein gutes Haar: Sie habe viele, gerade ältere Menschen in der Pandemie „vorsätzlich“ sterben lassen, um die Sozialversicherung zu entlasten. Es sei aber „möglich und wünschenswert“, dass Bolsonaro die Wahlen im nächsten Jahr gegen Ex-Präsident Lula verliert und dieser seine integrative Sozialpolitik wieder aufnimmt.

Offenheit und Spontaneität

In Ermangelung besserer Termini wird Negro Leo als Musiker oft in die Post-Tropicália-Schublade gepackt oder auch in der Nachfolge des „Manifesto Antropófago“ gesehen, das einst propagierte, alles aus dem Ausland zu schlucken und als etwas kulturell Neues wieder auszuspucken. Was daran bei aller Unschärfe stimmen mag, ist, dass der Kern von Negro Leos Kunst offen ist, von Spontanität geprägt. Er selbst lehnt diese Kategorisierung vehement ab: Was er mache, sei Musik der „atlantischen Diaspora“, pulsierend und polyrhythmisch und stamme aus Afrika. Punktum.

Live trällert und scattet er jedenfalls häufig aus vollem Hals und hüpft dazu wie unter Strom hin und her. Manchmal klingt das dann – so beschrieb es ein Zuhörer –, als ob eine Bossa-Nova-Schallplatte mit einem Hammer traktiert werde. Es kommt auch vor, dass Negro Leo seinen Mitstreitern auf der Bühne zuruft: „Spielt aggressiver!“, bevor die Musik plötzlich abbricht und die Zu­schaue­r:in­nen nicht genau wissen, ob sie klatschen sollen oder ob es doch noch weitergeht.

Beim Jazzfest wird Negro Leo nur virtuell anwesend sein. In der Betonhalle des Silent Green wird eine von seiner Frau Ava gefilmte audiovisuelle Arbeit vorgestellt. Diese trägt den schön rätselhaften deutschen Titel „Schwarzfahren“. Wohin auch immer sie führt: Es dürfte eine aufregende Fahrt werden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de