Naturkundemuseum im Elbtower : Ein Fraktionschef, der das Herz auf der Zunge trägt
Hamburgs Grüne haben im Streit um das geplante Naturkundemuseum eine Koalitionskrise gerade noch abgewendet. Aber vielleicht eine innere losgetreten.
H uch – was ist nur bei den Hamburger Grünen los? Deren Fraktionschef hatte am Freitag die Stadt aufgeschreckt, als er die Pläne für ein Naturkundemuseum infrage stellte. Schon am nächsten Arbeitstag, am Montag, musste er nun wieder zurückrudern.
Das Publikum lässt er staunend zurück, denn es kennt die rot-grüne Koalition seit einem guten Jahrzehnt als hart durchoptimierte Machtmaschine, zwischen deren Teile zumindest öffentlich kein Blatt Papier passt. Spätestens seitdem der bisweilen knurrige Umweltsenator Jens Kerstan sich in den Ruhestand verabschiedet hat, sucht man Fissuren auf der blankpolierten Koalitions-Oberfläche vergeblich. Alles, was die Partner von sich geben, sind synchron getaktete, wortgleich abgestimmte Pressemitteilungen, die nur um den Preis des besseren Layouts konkurrieren (Spoiler: Geht an die Grünen wegen der strukturierenden Fettungen).
Und dann das: Unter dem Titel „Es ist an der Zeit, umzusteuern“ wendete sich der grüne Fraktionschef Michael Gwosdz vordergründig gegen den Vorstoß eines Investors, der über das Immobilien-Fanzine Hamburger Abendblatt seinen Wunsch lanciert hatte, die Stadt möge ihm eine seiner überschüssigen Top-Immobilien in bester Lage nahe Hauptbahnhof und Drogensumpf abnehmen. Und zwar, indem sie ihr geplantes Naturkundemuseum dort einziehen lässt – zum Spottpreis von nur 495 Millionen Euro!
Man muss dazu sagen, dass der Investor durchaus Anlass hat, an seinen Erfolg zu glauben, gibt es doch vom ausgedienten Abendblatt-Gebäude über das Gruner+Jahr-Schiff bis zur früheren Landesbank-Galerie genug Beispiele dafür, dass die Stadt mehr oder weniger notleidenden Traditionsunternehmen mit Anschlussverwendung ihrer Behausungen unter die Arme zu greifen bereit war.
Das Naturkundemuseum muss den Elbtower retten
Nur war der Joker Naturkundemuseum nun schon gespielt – er soll verhindern, dass die Elbtower-Ruine eine bleibt. Die Stadt hatte jahrelang gebetsmühlenartig betont, in dieses private Bauprojekt werde kein Steuergeld fließen. Doch inzwischen will sie die Hälfte des abgespeckten Baus für 595 Millionen Euro für das Museum in spe erwerben und so die Stummel-Eigentümer motivieren, ihn fertig zu bauen. Aber die zieren sich mittlerweile schon aufreizend lange, das Angebot anzunehmen. Es riecht nach Nachforderungen.
Da ist es Gwosdz einfach zu bunt geworden und er hat mal auf den Tisch gehauen. Zu teuer sei das eine wie das andere Gebäude. „Wir können nicht bei Kitas, Schulen und Hochschulen um jeden Euro ringen“, schrieb er, „und gleichzeitig knapp eine halbe Milliarde für ein großes Museumsprojekt ausgeben.“ Bäm! Hamburg müsse jetzt die richtigen Prioritäten setzen. „Und wir Grüne sagen klar: Unsere Priorität sind Kinder und Familien, Bildung und Wissenschaft.“
Mal abgesehen davon, dass das Naturkundemuseum ein Wissenschaftsmuseum ist, eng verzahnt mit dem Lehrstuhl für Biodiversität, also einem grünen Herzensthema – also abgesehen davon, hatte Gwosdz damit links geblinkt. Keine ganz schlechte Idee für eine grüne Partei, der viele Desinteresse an der sozialen Frage vorwerfen und die sich bei der kommenden Bürgerschaftswahl mit einer erstarkenden Linken auseinandersetzen müssen wird.
Aber dann die Rolle rückwärts: In seiner nächsten Pressemitteilung bedauert Gwosdz „ausdrücklich, dass der Eindruck entstanden ist, wir würden uns gegen ein mögliches Naturkundemuseum stellen“. Der „öffentliche Vorstoß“ sei „ein Fehler“ gewesen.
Da hat er recht, aber kein inhaltlicher Fehler, sondern ein taktischer. Sollte es Verhandlungsspielraum über die Dimension des neuen Museums in Zeiten knapper Kassen gegeben haben, hat Gwosdz es der SPD nun maximal schwer gemacht, einen Kompromiss einzugehen.
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