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Nackt vom BlattKlassik ohne Schutzschild

Im Berliner KitKatClub tritt das Naked String Quartet ohne Kleider auf und ohne vorher zu proben. Das macht auch etwas mit der Musik.

A uf der Wasseroberfläche des azurblauen Swimmingpools tanzen verschwommene Lichtpunkte einer Discokugel, aufblasbare Flamingos aus Gummi drehen sich träge um die eigene Achse wie betrunkene Ballerinas. Am Beckenrand haben sich vier Mu­si­ke­r*in­nen aufgebaut – nackt. Nur vereinzelt sind Tattoos, Bauchkettchen und Bodyglitter zu sehen, an der Hüfte der Cel­lis­t*in glitzert ein kleines Einhorn aus Strasssteinchen.

Das Markenversprechen des Naked String Quartets, das jeden Samstagabend als Auftakt zur Carneball Bizarre-Party im KitKatClub spielt, ist ebenso einfach wie konsequent: Musiziert wird ohne Klamotten und ohne Probe. Klassische Musik unverfälscht und unbekleidet.

Nach und nach tröpfelt das Feiervolk hinein, kostümiert für eine Nacht frivoler Ausschweifungen: Lack und Leder, kreativ beklebte oder frei hüpfende Brüste, glamouröse Abendroben. Dem Streichquartett nähern sich die schillernden Nachtfalter eher schüchtern. Unsicher drücken sie sich an der Bar herum und werfen scheue Blicke hinüber. Doch mit der Zeit zieht es immer mehr Menschen in Richtung Pool, hin zu den hypnotischen Klängen von Philip Glass: immer dichter werdende, vorwärtstreibende Arpeggien – Musik wie ein traumwandlerischer Vogelflug.

Auf roten Lederbänken

Einige liegen mit geschlossenen Augen auf den roten Lederbänken. Durch das offene Dach sieht man die Abendwolken vorbeiziehen, aus der hinteren Raumecke lächelt eine menschengroße Buddha-Statue weltvergessen in die Party-Crowd. Eine bizarre, seltsam romantische Szenerie.

Ein Mann mittleren Alters in Lederharnisch und Reitstiefeln lehnt etwas verloren an der Säule eines Torbogens, über dem „Zum Wahren, Schönen und Guten“ zu lesen ist. Er wollte wohl zu der Fetisch-Party im Kellergewölbe, die aus technischen Gründen abgesagt wurde. Jetzt starrt er mit glasigen Augen in Richtung Streichquartett, die Gerte in seiner Hand hängt schlaff herunter wie eine welke Blume.

Nach und nach wecken spritzige Melodien von Joseph Haydn die Menge aus ihrer Trance, es wird artig applaudiert. Die nackten Mu­si­ke­r*in­nen summen einander indes halblaut das Tempo vor, wippen mit den Knien, stampfen mit den Füßen und brechen in befreites Lachen aus, wenn eine besonders schwierige Passage gelingt. Gerade weil hier alle vom Blatt spielen, liegt eine Spannung in der Luft wie bei einem Fußballspiel. Und das Publikum ist hautnah dabei.

„You are witnessing classical music in real time!“, ruft Naked-String-Gründerin und Bratschistin Shasta Ellenbogen gut gelaunt ins Publikum und stellt die In­stru­men­ta­lis­t*in­nen vor, die pikante Künstlernamen wie „Richard Wanker“, „Philip Ass“ und „Ludwig van Gay-Hoven“ tragen.

Erotisches Knistern ist nicht wirklich zu spüren. Im Gegenteil: Der heilige Ernst unter den Zuhörenden in ihren kinky Outfits ist schon fast rührend. Ein bisschen wie Kinder, denen ein besonders spannendes Märchen vorgelesen wird, sitzen sie ehrfürchtig da. An diesem Ort, der die lustvolle Grenzverschiebung zelebriert, schafft die aus ihrem gewohnten sozialen Rahmen gefallene Musik eine ganz andere Form der Entgrenzung: Verletzlichkeit.

Fiebrige Energie

Jetzt schallen Fortissimo-Akkorde im zackigen Unisono durch den Raum. Der Himmel ist fast schwarz, die nackte Haut der Musikerinnen leuchtet bläulich im Bühnenlicht, der Holzboden wird von Schuberts „Tod und das Mädchen“ sanft zum Vibrieren gebracht. Immer wieder bäumt sich die Musik mit fiebriger Energie auf, nur um im nächsten Moment in lyrische Zerbrechlichkeit zurückzusinken.

Inmitten der schwitzenden, atmenden Körper entfaltet dieses düstere Stück über Verfall und Vergänglichkeit eine fast beklemmende Intimität. Vielleicht liegt es daran, dass hier niemand mehr seine gewohnte Rolle spielen kann und nicht nur die Körper, sondern auch die Musik ein Stück weit schutzlos geworden sind.

Das macht Schuberts Streichquartett vielleicht nicht sexyer. Aber menschlicher.

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