Nachruf auf Holocaust-Überlebenden: Farewell, Mister Weinberg
Albrecht Weinberg setzte die Freude an allem Lebenden den Abgründen entgegen, denen er begegnet war. Nun ist der Holocaust-Überlebende mit 101 Jahren gestorben.
Vom Balkon seiner Wohnung aus hatte Albrecht Weinberg einen Ausblick ins Grüne, der ihn im hohen Alter erfüllte. „Ich weiß genau, dass ich mit einem Fuß im Grab stehe. Ich genieße jeden Tag“, sagte er bei einem Besuch in Leer/Ostfriesland im Frühsommer vergangenen Jahres. Eine von ihm selbst gezogene kleine Pflanze war ihm besonders wichtig; er hatte einen Dattelkern eingepflanzt und schaute danach, wie sie gedieh.
Dieser beeindruckende Mann, der drei Konzentrationslager überlebt hatte und große Teile seiner Familie im Holocaust verloren hatte, schien die Freude an allem Lebenden jenen Abgründen entgegenzusetzen, denen er im Lauf seines Lebens begegnet war.
Einhundert Jahre alt war Albrecht Weinberg zu dem Zeitpunkt, er war guter Dinge, wirkte körperlich nur leicht geschwächt und geistig topfit. Wir sprachen mehrere Stunden, sein amerikanischer Akzent und sein Slang – er hatte über 60 Jahre in den USA gelebt – ist mir noch im Ohr. In der Wohnung hingen überall Ehrungen und Fotos von Auftritten und Reisen, eines zeigt ihn bei einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz. Im Wohnzimmer stand ein Chanukkaleuchter.
Dreimal hat Albrecht Weinberg in den letzten Jahren mit der taz gesprochen. Im September 2022 sprach er über seine Gefühle bei der Rückkehr ins ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen. Im Februar 2025 erklärte er, warum es aus Protest gegen Friedrich Merz sein Bundesverdienstkreuz zurückgegeben hat. Im August 2025 sprach er nochmals ausführlich über sein Leben und die Erinnerung an den Holocaust.
Albrecht Weinberg wurde 1925 im ostfriesischen Rhauderfehn geboren. Er stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Vater kämpfte auf Seite der Deutschen im Ersten Weltkrieg, er habe nichts anderes sein wollen als ein deutscher Jude oder ein jüdischer Deutscher, erzählte Weinberg, doch im Ort blieb er immer der „Jööd Weinberg“, der „Jude Weinberg“.
Grassierender Antisemitismus während …
Schon als Kind bekam Weinberg den überall grassierenden Antisemitismus selbst zu spüren. Ein Jahr nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze wurde er in Rhauderfehn von der Schule geschmissen, er besuchte fortan die Jüdische Schule in Leer.
Ein Erlebnis aus seiner Kindheit hatte sich ihm tief eingebrannt: Beim Schlittschuhlaufen auf dem Kanal war er einmal ins Eis eingebrochen, einige Jungs sahen es aus der Ferne, und statt ihm zu helfen, sangen sie auf Plattdeutsch: „Sit een Jööd in’t Deep, sit een Jööd in’t Deep, wenn he versuppt, ik help hum neet.“ („Sitzt ein Jude im Kanal, sitzt ein Jude im Kanal, wenn er ertrinkt, helfe ich ihm nicht“)
Während des Nationalsozialismus wurde Weinberg zunächst mit seiner Schwester Friedel in das jüdische Ausbildungslager Groß Breesen gebracht, wo die Gestapo und das Reichssicherheitshauptamt die Kontrolle übernommen hatten, dann nach Fürstenwalde.
1943 wurde er nach Auschwitz deportiert, Anfang 1945 ins Lager Mittelbau-Dora gebracht. Später überlebte er den Todesmarsch nach Bergen-Belsen, seine Eltern hingegen wurden in Auschwitz ermordet.
… und nach der NS-Zeit
Nach dem Krieg traf Weinberg in Leer seine Geschwister Friedel und Dieter wieder, die ebenfalls aus den KZs zurückgekehrt waren. In Leer hatte sich am Antisemitismus nichts geändert. Sein Bruder habe ihm erzählt, er sei empfangen worden mit den Worten: „Wieso hat man dich nicht in den Gasofen gesteckt?“ Während sein Bruder 1946 unter ungeklärten Umständen starb, gingen Friedel und Albrecht Weinberg im Jahr darauf in die USA. „In Deutschland gab es keine Zukunft für einen jüdischen Jungen damals“, sagte Weinberg im Gespräch.
Er zog mit Friedel nach New York. Weinberg versuchte, das alte Leben und das Grauen hinter sich zu lassen, so gut es ging, und sich ein neues Leben aufzubauen – eines, das diesen Namen wirklich verdient hat. Gemeinsam mit einem deutschen Freund machte er einen Fleischerladen auf dem Broadway auf. Weinberg liebte das New York jener Ära, er besuchte Shows, sah sich Baseballspiele an, machte Ausflüge nach Coney Island.
Mit seiner Schwester lebte er in Manhattan, in einem gemischten Viertel, wo es mit Italienern, Griechen und (jüdischen) Deutschen ein gutes Miteinander gab. Dass er zeit seines Lebens mit Friedel zusammenlebte, hatte auch mit Auschwitz zu tun. Sie teilten das gleiche Schicksal, sie wollten aufeinander achtgeben. Nur, wer Auschwitz erlebt hatte, wusste, was Auschwitz gewesen war.
Ein Treffen von Überlebenden
Weinberg wäre wohl nie zurückgekehrt in seine Heimat, dahin, wo er furchtbarste Erfahrungen gemacht hatte. Doch Friedel wurde Anfang der Zehnerjahre krank, sie hatte einen Schlaganfall, die Behandlung kostete 8.000 Dollar monatlich. Inzwischen gab es wieder Kontakt nach Leer, bereits Mitte der Achtziger waren Friedel und er zu einem Treffen von Überlebenden dort hingereist und hatten sich daraufhin mit einem deutschen Ehepaar angefreundet. Als seine Schwester so schwer erkrankt war, boten Bekannte aus Leer an, sich dort um einen Platz im Pflegeheim zu kümmern. Also ging das Geschwisterpaar zurück.
In seiner vor zwei Jahren erschienenen Biografie, die Weinberg gemeinsam mit dem Journalisten Nicolas Büchse verfasst hat, heißt es dazu: „Albrecht wunderte sich selbst ein wenig über sich. Doch er zögerte kaum. Für Friedel würde er es tun. Zurückkehren in das Land der Täter und Feiglinge. An den Ort ihres Schreckens und Schmerzes.“
Das dritte Leben als Zeitzeuge
Im Seniorenheim in Leer begann ein drittes Leben für Weinberg. Albrecht Weinberg lernte die Altenpflegerin Gerda Dänekas kennen. Sie betreute ihn zunächst im Altenheim, später in einer Wohngemeinschaft (und nannte ihn immer nur „Mister Weinberg“). Seine Schwester verstarb nach kurzer Zeit.
Albrecht Weinberg widmete sich nun der Zeitzeugenarbeit, er besuchte Schulen, um über den Holocaust aufzuklären, sprach bei Veranstaltungen. 2017 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, das Gymnasium in seinem Geburtsort Rhauderfehn heißt heute Albrecht-Weinberg-Gymnasium.
Anfang 2025, nachdem der spätere Bundeskanzler Friedrich Merz einen Antrag zur Zurückweisung an deutschen Grenzen mit den Stimmen der AfD durchgebracht hatte, gab Weinberg aus Protest sein Bundesverdienstkreuz zurück. „Wenn diese Partei in der deutschen Politik an Akzeptanz gewinnt, kann ich das Bundesverdienstkreuz nicht mehr an meinem Sakko tragen, sonst müsste ich gebeugt herumlaufen“, erklärte er im Gespräch.
Albrecht Weinberg merkte man die Americanness im Gespräch an. Er sagte „nice“ statt „schön“, streute so viele Anglizismen im Gespräch ein wie die Gen Z. Und er hatte einen sehr trockenen Humor. Auf die Frage, ob er nie längere Liebesbeziehungen in den USA gehabt hätte, antwortete er: „Nein, nur am Wochenende.“
Die Freundschaft mit dem Dackel des Nazis
Auch in seiner Biografie erzählt er von einer bewundernswert coolen Art und Weise, mit schlimmsten Verletzungen umzugehen. Bei der Zwangsarbeit in Groß Breesen Ende der Dreißiger hatte er sich mit einem kleinen Dackel angefreundet. Der kleine Hund gehörte einem nationalsozialistischen Oberinspektor, er folgte Weinberg überall hin. Im Scherz hätte er deshalb immer gesagt: „Wenigstens der Dackel ist kein Antisemit.“
Das war Weinbergs Strategie, im Alltag mit dem Erlebten und Erlittenen umzugehen. Doch wenn er auf dem Balkon in Leer von den Taten der Nazis erzählte, blieb er manchmal auch für längere Zeit stumm. Blickte fragend ins Grüne, während sich eine kleine Tränenschicht auf seinen Augen bildete. Sagte mit all dem, was er nicht sagte, fast alles, was man wissen musste. Erzählte dann, dass Auschwitz ihm auch den Gottesglauben genommen habe.
Albrecht Weinberg ist am Dienstag im Alter von 101 Jahren gestorben. Er sei „ganz ruhig und friedlich (…) eingeschlafen“, teilte Gerda Dänekas mit. Seine Chuzpe, sein Witz wird fehlen, vor allem aber seine Menschlichkeit.
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