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Nachruf auf HipHop-DJ Mahmut„Vergesse diese Namen nie …“

DJ Mahmut gilt als Pionier des türkischsprachigen Rap in Deutschland. Als Produzent wurde sein Mix aus Folk und Beats stilbildend. Nachruf auf einen Visionär.

Unvergessener HipHop-Pionier: Mahmut Altunay Foto: Looptown Records Archiv

Von heute aus betrachtet waren die 1990er Jahre ein Einschnitt auf dem Weg in die Migrationsgesellschaft. Der deutschen Wiedervereinigung folgten die Baseballschlägerjahre, rassistische Übergriffe und Morde, die wiederum Auslöser waren für vielfältige Formen des Widerstands und neue Artikulationsformen.

Sie kündigten das Ende der multikulturellen Dialogkultur an und sprachen lieber von Rassismus als von Ausländerfeindlichkeit. Der Drang der sogenannten zweiten Generation, sich öffentlich bemerkbar zu machen und zugewiesene Räume zu verlassen, hatte nicht nur damit zu tun, etwas zu sagen zu haben, sondern dies auch innerhalb der herrschenden Spielregeln tun zu können.

Mehr noch: Es ging darum, diese Regeln infrage zu stellen und zu verändern. Überall schien es aufzubrechen. Pioniere, wo man hinschaute. Im Film, in der Literatur und vor allem im Rap. Einer dieser Protagonisten war Mahmut Altunay. Gemeinsam mit Murat G. gründete er als DJ Mahmut Anfang der 1990er Jahre in Frankfurt das gleichnamige Duo, dessen assoziiertes Mitglied Volkan T. war.

Ein langer Weg

Die Frankfurter HipHop-Crew zählt gemeinsam mit Islamic Force und Karakan zu den Begründern des türkischsprachigen Rap in Deutschland – obgleich Mahmuts Sprache immer der Beat, die Melodie und das Sample war. Der lange Weg zu Xatar, Haftbefehl, Ebow oder Pashanim, um nur einige zeitgenössische Stars mit Migrationsgeschichte im deutschen HipHop zu nennen, wäre ohne Protagonisten wie DJ Mahmut undenkbar gewesen. Bis die deutsche Musikindustrie das Potenzial von Rap im Allgemeinen und das des migrantisch geprägten im Besonderen erkannte, dauerte es einige Jahrzehnte.

Die Anfänge in Jugendzentren und Kellern von Migrantenvereinen und die Gigs auf kleinen Bühnen sind kein Grund zur nostalgischen Verklärung. Es galt, sein eigenes Ding zu machen. Daher gründete DJ Mahmut 1993 gemeinsam mit seinem Partner Murat G. das Label Looptown. Ein Jahr später erschien das Debütalbum mit dem programmatischen Titel „Looptown presents Turkish HipHop“, das bis heute als erstes Rapalbum in türkischer Sprache gilt – obgleich der Rap von Murat G., Volkan T. und KMR eher durch Anrufungen und Anlehnungen ans Türkische auffällt und im Grunde ein eigenes Sprachchaos schafft.

Schon auf diesem Album ist zu hören, was DJ Mahmut in all seinen musikalischen Arbeiten auszeichnen sollte. Als Beatmaker und DJ schöpfte er völlig selbstverständlich aus Jazz, Funk und Rock über Rap bis hin zu anatolischer Musik und Sufi-Klängen. Seine Skits untermalte er mal mit Monologen aus türkischen Filmen, dann mit aggressiven Gitarrenriffs. DJ Mahmut lebte nicht nur für, sondern in seiner Musik.

Weder Genres noch Grenzen

Eine Welt, die weder Genres noch Grenzen zu kennen schien, sofern er sie zu einem Track zusammenführen konnte. So verwundert es eigentlich nicht, dass man in den Stücken von DJ Mahmut so viele musikalische Referenzen findet, dass man gar nicht erst anfangen sollte, sie zuzuordnen oder zu kontextualisieren.

Ein weiterer Meilenstein in DJ Mahmuts Karriere war das 1997 erschienene Album „Garip Dünya“ (Fremdartige Welt, Looptown). Produziert vom Heidelberger DJ Boulevard Bou, versammelte das Werk auch Gäste wie die französischen HipHop-Crews Perle Noir und La Mixture. Wie viel Respekt und Credibility DJ Mahmut & Murat G. in der HipHop-Community genossen, zeigte sich auch daran, dass Torch (Teil von Advanced Chemistry), damals einer der einflussreichsten deutschen Rapper, im Song „Sevgi Dolu Günler“ mit einem türkischsprachigen Gastauftritt vertreten war und das Duo eine Tournee absolvierte, die auch in der Türkei gastierte.

Mahmut und Murat gingen gegen Ende der 1990er getrennte Wege. DJ Mahmut blieb sich abseits vom Mainstream und des postmigrantischen Klimbims treu: auf der Suche nach neuen Kollaborationen, Produktionen und zahllosen DJ-Sets, auch in angesagten Clubs in Istanbul. Er wurde Teil der Band Mardi Gras.bb und prägte mit seinen Turntables und Klangfarben den Sound der Brass Band. Mit seinen Beats, Loops, Samples und Scratches schuf DJ Mahmut den Sound für viele Rapper in Deutschland und in der Türkei. In der dortigen HipHop-Community genießt er ikonischen Status.

2020 veröffentlichte DJ Mahmut mit „Deadlock“ ein grandioses Werk und ein Zeugnis seiner musikalischen Raffinesse. Anfang Mai ist DJ Mahmut plötzlich und unerwartet im Alter von 57 Jahren in Saarbrücken verstorben. Die Hookline des ersten Tracks auf „Garip Dünya“ lautet: „DJ Mahmut & Murat G. – vergesse diese Namen nie …“

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