Nach der Flutkatastrophe im Rheinland: Ins Trockene kommen

In Blessem hilft man sich im Bürgerforum – mit Spenden, dem Know-how eines pensionierten Offiziers und unterstützt von einer Landtagskandidatin.

Ein Transparent hängt an einem Gartenzaun vor einem Einfamilienhaus in der Dämmerung: Keine Kiesgrube mehr in Blessem !

Protestbanner gegen die Kiesgrube, die Blessem im Sommer ins Verderben stürzte Foto: Matthias Jung/laif

ERFSTADT-BLESSEM taz | Antje Grothus ist ein bisschen unsicher. „Ich kenne die Leute ja gar nicht persönlich und die mich auch noch nicht. Am Telefon klangen alle sehr aufgeschlossen, aber wer weiß.“ Grothus engagiert sich seit über 20 Jahren gegen den Braunkohletagebau Hambach vor ihrer Haustür im Rheinland. Sie war in der Kohlekommission und hat mit ihrer Intiative „Buirer für Buir“ im letzten Jahr den taz Panter Preis gewonnen. Im Mai will sie als parteipolitische Quereinsteigerin im Rhein-Erft-Kreis für die Grünen in den Landtag einziehen.

Jetzt steht für die 57-Jährige eine Mischung aus Vorwahlkampf-Termin und Solidaritätsaktion an, in Erftstadt-Blessem, fast 30 Kilometer weit weg vom Braunkohleloch. In der im Juli so sintflutartig geschundenen Gemeinde geht es zum dortigen Bürgerforum.

Bei Kaffee und Keksen sitzen wir bald in Helmut Zimmermanns plüschigem Wohnzimmer, dicke Teppiche auf den Böden, Nippes auf den Schränken. Zimmermann, 85, früher Abteilungsleiter bei Kaufhof, war in Erftstadt-Blessem 15 Jahre lang der CDU-Ortsbürgermeister und saß jahrzehntelang im Rat. Jetzt gehört er dem Bürgerforum an, das sich ehrenamtlich um den Wiederaufbau kümmert. Man sammelt Spenden und vergibt kleine Soforthilfen in bar. Die Mitglieder kaufen Baumärkte halbleer, stapeln Putzmaterial, Tapeten, Kabeltrommeln und Steckerleisten in Zimmermanns Garage, verteilen das alles und packen auch mit an. Eine Art bürgerschaftliche Zivilbehörde.

Es ist gut geheizt bei Helmut Zimmermann. Das ist etwas Besonderes in diesen Tagen. Denn viele Häuser in den Erft-Gemeinden haben immer noch keinen Strom und keine Heizung. „Hier, im halb gefluteten Haus, war das erste Einsatzzentrum des Katastrophenschutzes“, erzählt Zimmermann und zeigt in den Flur. „Heizung haben wir erst seit einer Woche.“ Da dreht man schon mal auf, um die Kälte aus den Wänden zu jagen.

Antje Grothus wollte ursprünglich vor Ort eine Solidaritäts-Weinprobe mit Spendenaufruf machen. Ende Juli hatte sie das taz-Interview mit Bio­winzer Christoph Bäcker aus dem abgesoffenen Ahrtal nebenan gelesen: „Das war so beeindruckend. Ich kann der Natur nicht böse sein, hat er gesagt, und: Die Natur ist genau so, wie die Menschheit sie zugerichtet hat.“

Sie orderte 200 Flaschen Flutwein. Die geschundenen Regionen helfen sich indirekt gegenseitig, so die Idee. Dann explodierten die Corona­zahlen: Keine gute Zeit für größere Treffen, und Weinprobe online? „Nee“, sagt Grothus, „wirklich nicht“.

Stattdessen entstand die Idee mit den Solidaritätskarten zum Jahreswechsel. Grothus holte eine Kölner ­Fotoagentur mit ins Boot, dazu Vorständler ihrer Landesgrünen. So kamen 500 bunte Karten mit Spendenaufrufen zusammen.

Der Wiederaufbau stockt – Selbsthilfe ist gefragt

Die erste Karte übergibt sie jetzt symbolisch an Zimmermann und seine vielen Helfer. Die anderen verschickte sie an Parteifreunde und Geschäftspartner. Und den Biowein brachten Grothus und MitarbeiterInnen kurz vor Heiligabend bei den rund 200 Parteimitgliedern im Rhein-Erft-Kreis vorbei, samt Hinweis auf das Bürgerforum von Blessem.

Die Landeshilfen für den Wiederaufbau stocken, Baumaterialien sind rar, Heizungsanlagen und Handwerker noch rarer. Manche haben bis heute gerade einmal die komplizierten Anträge eingereicht – von wegen „unbürokratische Hilfe“: Über den Begriff würden sie hier beim Bürgerforum alle lachen, wenn es nicht so traurig wäre, heißt es.

Oft sind bis heute nicht einmal die Gutachten fertig. GutachterInnen gelten als völlig überlastet. Es hakt überall. „Behörden wollen Nachweise“, erzählt einer, „aber die sind weggeschwommen.“ Alle kennen sie hier die Geschichte von dem Blessemer Ehepaar um die 80, das über Nacht obdachlos geworden war und nie einen Computer bedient hatte. Als sie bei der Ortsverwaltung um Hilfe beim Online­antrag baten, bekamen sie hören, solcher Support gehe aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht. Bürokratie und Lebenswirklichkeit sind wahrlich keine Verwandten.

Das Bürgerforum sorgt für die kleinen guten Nachrichten. Einer der Männer in der Runde berichtet von einer Dame im Nachbarort. Beim Gassi­gehen habe die ihn angesprochen. Er sei doch im Bürgerforum. Da wolle sie etwas tun. „Ich kannte die nur vom Guten-Tag-Sagen. Als ich zu Hause war, hatte ich den Überweisungsbeleg auf dem Handy: 1.000 Euro. Und die sah nicht aus, als habe sie es so besonders dicke.“ Bis heute hat das Bürgerforum über eine Viertelmillion Euro akquiriert.

Immer noch sind viele Häuser unbewohnbar

Wir laufen durch den 1.800-Seelen-Ort. Überall sieht man massive Schäden. Meterhoch schoss das Wasser hier im Sommer durch. Durch die Fensterscheiben sieht man weiterhin leere, unbewohnbare Häuser. Viele Fassaden haben noch rote Kreise und Kreuze, groß wie Fahrradräder. „Das“, erläutert Gottlieb Richardt unterwegs, „waren die Zeichen des Katastrophenschutzes in den ersten Tagen, ob die Häuser menschenleer sind und sicher.“

Richardt ist der Geschäftsführer des Bürgerforums. Der heute 73-Jährige war Stabsoffizier bei der Bundeswehr, weltweit als Logistik- und Sicherheitsberater im Einsatz, im Baltikum, in der Türkei. Er weiß, wie man anpackt und organisiert. An vielen Häusern hängen mehrere Meter breite Transparente, in Grellgelb: „Keine Kiesgrube mehr in Blessem!“ Ja, die Kiesgrube, sie war der Auslöser der Katastrophe. Gottlieb Richardt führt uns hin.

Die 70 Meter tiefe, etwas außerhalb gelegene Grube expandierte seit 2016 bis an Blessems Dorfrand. „Irgendwo am Schreibtisch genehmigt“, sagt Richardt, „unverantwortlich“. Das Irgendwo kann man genau verorten: Bezirksregierung Arnsberg, zuständig für Bergbau in Nordrhein-Westfalen. Das ist die gleiche Behörde, die auch die rheinischen Kohlereviere genehmigt. Das Bergrecht erlaubt fast alles. Der örtliche Gemeinderat hatte die Erweiterung durchgewunken: Arbeitsplätze, Gewerbesteuer. Viele hatten gewarnt, Naturschutzverbände, Anwohnende, auch Helmut Zimmermann.

Dann stürzte alles ein am Tag nach der Flut, nahm Gebäude, Straßen und Autos mit in die Tiefe. Richardt zeigt in das Loch, das mittlerweile teilweise planiert ist. „Das war wie der Grand Canyon hier. Alles ist versackt, Häuser mitgerissen, auch mehrere Reitställe am Rand.“ Nach dem Inferno sei zunächst „ein See von drei Millionen Kubikmeter Wasser“ geblieben.

Die kleine Erft, lange schon zum Kanal begradigt, habe sich halt „ganz natürlich den alten mäandernden Weg gesucht“ und die lockeren, fahrlässig steilen Böschungen ins Rutschen gebracht. Die Lärmschutzwände der angrenzenden Autobahn 61 wirkten zudem wie Leitplanken für die Wassermassen. Gebaut wurde die Autopiste mit Material aus dem Kies- und Fertigbetonwerk von Blessem.

Auch die Kiesgrube gehört seit 2016 den Braunkohlebaggerern von RWE, genauer ihrer Tochterfirma Rheinische Baustoffwerke. Fern am Horizont dampfen die Kohlekraftwerke. Da verbinden sich Antje Grothus’ Welten. „Wir müssen umbauen“, sagt sie, „so wie im Kohlerevier. So etwas muss aufhören und darf nicht wieder in Betrieb ­gehen.“ Es gelte, überall dringend die Zeit danach zu denken: nur mit bürgerschaftlichen Beteiligungsverfahren, transparent und nachhaltig. Bislang aber, so Grothus, herrsche „der Geist des Beton-Strukturwandels“.

Antje Grothus und Gottlieb Richardt

Hilfsbereit und praktisch veranlagt: Antje Grothus und Gottlieb Richardt Foto: Philipp Ottershagen

Gottlieb Richardt erzählt von Auenlandschaften, die man hier statt des Blessemer Kieskraters vorgeschlagen habe. Antje Grothus hat Pläne entwickelt, wie auf der alten Autobahn 4, die wegen der Kohlebagger stillgelegt wurde, ein Radschnellweg in Richtung Köln entstehen könne. Bislang ignoriert die schwarz-gelbe Landesregierung diese Idee. Stattdessen plant RWE neben dem Hambacher Restwald die nächste riesige Kiesgrube. „Wie soll da Strukturwandel funktionieren?“, fragt Grothus.

So apokalyptisch es war und ist, meint Gottlieb Richardt, sein kleiner Ort habe noch Glück gehabt: „Wie durch ein Wunder gab es keine Todesopfer. Und andere Orte wie Bliesheim nebenan haben deutlich größere Schäden. Aber wir in Blessem haben die spektakulären Bilder der eingestürzten Kiesgrube.“ Diese Prominenz helfe „absurderweise jetzt bei den Hilfen“.

Man wusste das es irgendwann passieren würde

Ob ihn die Katastrophe, politisiert habe? Richardt zögert kurz. „Eher nicht, das wusste man doch alles vorher. Nur nicht, was und wann es passiert.“ Der drahtige Mann hat nicht nur beruflich Welterfahrung, sondern auch von langen privaten Expeditionen, meist per Fahrrad. Blessems Kiesgrube sei „nichts gegen die Kupferminen in Chile, in die riesige Lkws in Schlangenlinien herunterfahren, bis sie von oben nur noch wie Ameisen aussehen. Oder Kirgistan. Da war ich an einer 4.000 Meter hoch gelegenen Goldmine. Ausmaße, die du nicht glauben willst. Was da überall an Umwelt vernichtet wird. Unfassbar.“

Die 1.250 Euro Spende von Grothus waren übrigens schon investiert, bevor der Scheck kam: Wäschetrockner, Bodenstaubsauger, Materialien. Einer vom Bürgerforum packt die Sachen aus Zimmermanns Lagergarage auf sein Lastenrad und macht sich auf den Weg zu den Adressaten. „Das wusste ich gar nicht, dass die das auch CO2-frei im Ort herumfahren“, sagt die Vorwahlkämpferin Antje Grothus. „Ich glaube, so falsch bin ich hier nicht.“

Spenden: Opferhilfe Blessem-Frauen­thal, IBAN DE07 3706 2365 1104 1630 05

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